Triumph des Unseriösen

In The Art of the Deal lässt Donald Trump seine Leser – und zwar gleich zweimal – wissen, dass er grundsätzlich kein Mittagessen zu sich nehme. Es sind noch keine hundert Seiten vorbei, da ist er schon dreimal mittags in einem Restaurant eingekehrt. Architekturkritiker, so behauptet Trump, nehme er sowieso nicht ernst. Auf der nächsten Seite gibt er zu: „Aber jetzt mal ohne Scherz: Es schmeichelt auch, gute Kritiken zu bekommen.“ Er behauptet, dass die Wharton School an der University of Pennsylvania „der Ort“ sei, um ein erfolgreicher Unternehmer zu werden. Nur um im nächsten Absatz festzustellen, dass ein Abschluss in Wharton „nicht viel beweist“.

Widersprüche waren schon immer für Trumps Stil charakteristisch. Seine Kritiker erkennen darin sein Markenzeichen, den entscheidenden Unterschied zwischen ihm und seinen rechten Vorgängern im Amt. Dabei war die fröhliche Feier des Widerspruchs schon immer ein Merkmal des amerikanischen Konservatismus. Ursprünglich in eleganterem Gewand, als Antwort auf den schlichten Rationalismus gedacht, der der politischen Linken zugeschrieben wurde. Die Behauptung und ihre Negation gleichzeitig zu besetzen, ohne sie miteinander versöhnen oder sie überwinden zu wollen, wurde als angemessene Wahrnehmung, Würdigung und Wahrung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse aufgefasst – einer vielschichtigen sozialen Ordnung, beruhend auf Jahrhunderten von Recht und Herrschaft, die durch die gleichmacherische Vernunft der Linken mit Füßen getreten, ihrer Größe beraubt und durch Kleingeistigkeit ersetzt würde. „Er ist erst dann mit der Verfassung zufrieden, wenn er sie sich in die Westentasche stecken kann“, bemerkte Joseph de Maistre, nachdem er Thomas Paines Entwürfe zur Neuordnung der Welt überflogen hatte. Sie waren alle klar und verständlich geschrieben, gut lesbar, knapp formuliert. Jahrzehnte vor Paine lautete dazu Edmund Burkes Kommentar bereits: „Eine klare Idee ist also nur ein anderer Name für eine kleine Idee.“

Trump dürfte diese Tradition kaum kennen. Doch folgt man ihm dabei, wie er seelenruhig Widerspruch auf Widerspruch häuft, drängt sich der Eindruck auf, dass sein nachlässiger Umgang mit all diesen Unstimmigkeiten durchaus ein Gutteil seiner Anziehungskraft bei der Rechten ausmacht. Trump steht selbstbewusst zu seinen Widersprüchlichkeiten. Sie sind für ihn der Beweis dafür, dass er ein echter Kerl und kein Langweiler ist. „Die meisten sind von meiner Arbeitsweise überrascht“, berichtet er in The Art of the Deal. „Ich geh’s gern etwas lockerer an … Man kann keine Visionen entwickeln oder wirkliches Unternehmertum zeigen, wenn man zu strukturiert denkt und handelt. Ich mag es lieber, ins Büro zu kommen und einfach zu sehen, was der Tag so bringt.“ Wie George W. Bush, dessen Cowboy-Attitüde ihm den schmeichelhaften Beinamen „rebel-in-chief“ eintrug, gefällt sich auch Trump in der Rolle des fröhlichen Freibeuters, die zur uralten Feindschaft der Rechten gegenüber jeder politischen Arithmetik und moralischen Geometrie passt. „Manchmal“, so Trump, „zahlt es sich aus, den wilden Mann zu spielen.“

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