Von Sisi, Reserl und Bertha. Brigitte Hamanns frühe Frauenbiografien

„Sie ist ja nur ein Mädchen“ – mit diesem Satz beginnt das erste Kinderbuch der Historikerin Brigitte Hamann (1940 bis 2016), das den Titel Ein Herz und viele Kronen. Das Leben der Kaiserin Maria Theresia trägt. Es erschien 1985 in Wien, nachdem sich Hamann im deutschsprachigen Raum bereits einen Namen als Biografin des Kronprinzen Rudolf und der Kaiserin Elisabeth gemacht hatte. Mitreißend, leicht verständlich und humorvoll beschrieb Hamann darin, wie aus dem „kleinen Reserl“ die große Kaiserin Maria Theresia wurde und schlussfolgerte am Ende ihrer Heldinnengeschichte: „Ihre Regierung war und blieb eine der besten, die die österreichischen Länder je hatten. Tatkräftig bewies sie, dass Frauen ebenso gut arbeiten wie Männer … Und wenn jemand behauptet: ‚Das kann ein Mädchen nicht‘, was es auch immer sei, was gekonnt werden muss, dann erzähl ihm die Geschichte der Kaiserin Maria Theresia. Sie war auch ‚nur ein Mädchen‘.“

Obwohl die kurz zuvor mit der zweiten Welle der Frauenbewegung wieder lautgewordene Forderung nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter hier deutlich anklingt, war und ist Brigitte Hamann – anders als ihre Tochter, die Journalistin Sibylle Hamann – nicht als (deklarierte) Feministin bekannt. Ihre Biografie stellte traditionelle Geschlechterverhältnisse vorerst in keiner Weise in Frage: Da heiratete eine in Essen gebürtige 25-jährige Journalistin namens Brigitte Deitert, nachdem sie ein Studium in Germanistik und Geschichte mit Lehramtsprüfung abgeschlossen hatte, einen um sechzehn Jahre älteren österreichischen Historiker – Günther Hamann –, der eben außerordentlicher Professor für Geschichte der Neuzeit am Historischen Institut der Universität Wien geworden und dessen Studentin sie zuvor gewesen war. Sie hörte auf, ihren Beruf auszuüben, wurde seine „private Assistentin“ und bekam in den folgenden sieben Jahren drei Kinder. So weit, so klassisch.

1966 war Betty Friedans Bestseller The Feminine Mystique, in dem sie analysierte, wie eine Reduktion ihrer Aufgaben auf Haushalt und Kinderbetreuung Frauen belastet, auch in deutscher Sprache erschienen. Ob Hamann Friedan rezipierte oder nicht – sie war jedenfalls eine von vielen Frauen, die 1972 (kurz nach der Geburt des dritten Kindes) ihre Situation als krisenhaft und festgefahren empfand. Abhilfe sollte noch im selben Jahr die Aufnahme eines Doktoratsstudiums der Geschichte schaffen, das sie allerdings – auch das ist anzumerken – erst begann, nachdem Günther Hamann 1971 ordentlicher Professor geworden war, also vor dem Hintergrund gesicherter Verhältnisse.

In einer Laudatio auf Brigitte Hamann durch Gerald Stourzh wurde dieser Wendepunkt in ihrem Leben und der Weg zu ihrem ersten Bestseller folgendermaßen geschildert: „‚Ich saß vor der Waschmaschine im Keller, heulte wie ein Schlosshund und dachte, ich kann nicht mehr.‘ Doch in der Verzweiflung kam der Entschluss: ‚Ich hatte nur eine Chance, und die war, zu Hause zu arbeiten‘. Und sie begann, ‚am Küchentisch‘, wie es in dem Interview heißt, mit den Arbeiten für ihre Dissertation über den Kronprinzen Rudolf. Sie arbeitete fünf Jahre am Rudolf-Werk, als 33- bis 38-jährige Mutter von drei Kindern, die bei Beginn ihrer Forschungen 7, 5 und 1 Jahr alt waren, bei Publikation der Dissertation als Buch 12, 10 und 6 Jahre.“

Beginnen auch wir mit dem Küchentisch. Als Arbeitsplatz der Nobelpreisträgerin Alice Munro und vieler anderer bekannt geworden, ist er in der Geschichte weiblichen Schreibens ein ambivalenter Ort. Er ist keineswegs das Zimmer für sich allein, das Virginia Woolf zur Bedingung für die schöpferische Arbeit von Frauen machte, er ist kein Büro oder ein eigener Schreibtisch. Geschrieben werden kann hier nur „neben“ vielen anderen Tätigkeiten und Personen, es wird dabei keine Position besetzt, kein Raum genommen und gewonnen. Er symbolisiert „den Entschluss … keine Universitätskarriere zu beginnen“, den sie bereits damals gefasst haben soll – so interpretierten jedenfalls Nachrufe auf Hamann diese Schreibsituation im Rückblick.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.