Bericht aus Duisburg. Filmkolumne

Vor kurzem war ich zum ersten Mal in Duisburg. Das Wetter war schlecht, die Fassaden grau, und viele Läden standen leer, aber es hat mir trotzdem gefallen. Ich habe Erbsensuppe mit Würstchen gegessen und Apfelsaft in einem Späti gekauft, der hier Trinkhalle genannt wird. Mein Hotel war nüchtern eingerichtet, es standen ein paar Deko-Elemente mit Bergbauthematik herum: alte Warnschilder und Grubenlampen, ein paar gusseiserne Pumpenstücke in der Ecke des Frühstücksraums. Von meinem Zimmer aus konnte ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Friseurgeschäft sehen, das nicht »Haarscharf«, »Vier Haareszeiten« oder »Hair-Cooles« hieß, sondern: »Strukturwandel«.

Ich war wegen der Duisburger Filmwoche da, einem kleinen Festival, das seit 1978 stattfindet und sich auf deutschsprachigen Dokumentarfilm spezialisiert hat. Aus mehreren Gründen ist die Filmwoche ein sehr angenehmes Festival. Zum einen übt sie sich in Konzentration und Beschränkung: Es gibt nur ein Kino, das Herumhetzen zwischen Spielstätten entfällt also und damit auch der filmfestivalspezifische Stress, die Panik, das Beste zu verpassen. In Duisburg sehen alle das Gleiche, und hinterher sprechen sie konzentriert und ausführlich darüber – auch das eine schöne Erfahrung. Nach jeder Vorführung gibt es in einem Nebenraum des Kinosaals eine Diskussion, die überdies aufgezeichnet wird; wobei Aufzeichnung in Duisburg nicht Videostream oder so meint, sondern Mitschriften durch Protokollanten, die später auf einer Website mit dem Namen www.protokult.de archiviert werden – Proletkult schwingt mit.

Es gab alles Mögliche zu sehen in Duisburg, unter anderem ein paar Filme, die sich mit drängenden Fragen der (deutschen, europäischen) Gegenwart befassten, mit Dingen, die Tag für Tag auch in den Zeitungen stehen und über die Bildschirme flackern: Flucht und Migration, Islam und Rechtspopulismus. Darüber Dokumentarfilme zu machen ist tricky: Klar, die Relevanzfrage erübrigt sich, das sind Fragen von Brisanz und Belang, mit denen man bei Fernsehredaktionen und Förderinstitutionen wahrscheinlich gut ankommt. Es stellt allerdings eine besondere Herausforderung dar, sich mit den eigenen Bildern zu denen der massenmedialen und televisuellen Berichterstattung verhalten zu müssen. Dass es sich von deren Konventionen und Stereotypen abzugrenzen gelte, dass man ihnen andere, neue Bilder und Erzählweisen entgegensetzen müsse, ist unter Kritikerinnen und Dokumentarfilmern Konsens; mal gelingt das mehr, mal weniger gut.

Inschallah von Antje Kruska und Judith Keil zum Beispiel. Der Film ist ein Porträt von Taha Sabri, dem Imam einer Moschee in Berlin. Eingeführt wird Sabri als Prediger, der nach den Pariser TerrorLizenziert für Redaktion Merkur am 30.01.2018 um 16:39 Uhr von Klett-Cotta Verlag, J. G. Cotta’sche Buchhandlung Merkur 72 (825), 2018 – volltext.merkur-zeitschrift.de © Klett-Cotta Verlag, Rotebühlstr. 77, 70178 Stuttgart 58 Elena Meilicke anschlägen zum Widerstand gegen Gewalt aufruft, später tritt er vor allem als fürsorglicher Seelsorger auf, der einen liberalen, toleranten und weltoffenen Islam vertritt. Ein Schulmädchen ermutigt er, mit auf Klassenfahrt zu fahren, er berät eine Frau, die sich von ihrem Ehemann scheiden lassen will, und kümmert sich um einen syrischen Flüchtling. Im weiteren Verlauf des Films sieht man Sabri nicht nur in seiner Funktion als Geistlicher, sondern kommt ihm auch als Privatmensch nahe: bei der Erholung im Schrebergarten, beim Einkaufen in der Neuköllner Boddinstraße. In einer Szene sitzt Sabri in seinem Arbeitszimmer – das wie das eines evangelischen Pfarrers aussieht, eierschalfarbener Teppichboden, Ikea-Sessel und Bücherregal aus Kiefernholz – und spielt seine Lieblingsmusik vor: zuckrigen Italo-Pop, dem Sabri mit geschlossenen Augen lauscht.

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