Der Held der Arbeiterklasse

Anfang Februar 2014 trat Bob Dylan in einem Werbefilm auf, für den er sowohl die Musik als auch den Text geschrieben hatte. Ähnliche Filme hatte er auch schon in der Vergangenheit gedreht, für amerikanische Firmen wie Cadillac oder Victoria’s Secret. Bei diesem Auftritt hingegen waren seine Dienste von einer niederländischen Firma gekauft worden, die mit der Arbeit italienischer Ingenieure Gewinne erzielt, die sie in Großbritannien versteuert. Auf dem Weg dorthin lässt diese Firma Automobile herstellen, unter anderem in Michigan, wo sie den Namen Chrysler erhalten. »You can’t import the heart and soul of every man and woman working on the line«, sang (oder eher: sprach) Bob Dylan zum Lob dieser Fahrzeuge, denn »when it’s made here, it’s made with the one thing you can’t import from anywhere else – American pride … We will build your car.« Der Werbefilm lief in der letzten Pause des Super Bowl, dem Finale im Wettkampf der besten Mannschaften im Football. Er wurde nicht zum erhofften Erfolg, weil zu früh feststand, wer das Spiel gewinnen würde, und das Publikum nicht lange genug ausharrte. Doch irritierte er viele Anhänger Bob Dylans, des unverhohlen kommerziellen Charakters dieses Auftritts wegen. Heute, unter der Herrschaft Donald Trumps, würde wohl eher auffallen, wie sehr die Rhetorik Bob Dylans den Parolen des amerikanischen Präsidenten ähnelt, sowohl im Hinblick auf ihren Nationalismus als auch auf ihren offen reaktionären Charakter.

»Ye are many – they are few«

Bob Dylan durchschreitet in diesem Werbefilm eine lange Reihe von Szenen, die frei aus der industriellen Vergangenheit der Vereinigten Staaten kombiniert zu sein scheinen. Die Kamera zeigt Fließbänder, an denen Menschen arbeiten, Fabriken, in denen Türen von Hand eingesetzt werden, einen Modellbauer, der an einer Karosserieform arbeitet. Sie zieht an den Tankstellen und Imbissbuden der Provinz vorbei. Sie blickt auf die Silhouette von Detroit und betrachtet Autobahnkreuze. Auch wenn das Automobil, das schließlich als Objekt des Begehrens auftaucht, schlank, dynamisch und sehr modern aussieht, wirkt das Bildprogramm entschlossen historisch. Es konzentriert sich auf Techniken, die mit der Digitalisierung der industriellen Produktion in den neunziger Jahren verschwanden. Bob Dylan, plötzlich zum Helden der Arbeiterklasse geworden, verbindet das mit einem dunklen Heroismus, der dem Clip etwas dräuend Mysteriöses verleiht, angefangen bei einer Szene, in der ein Reiter durch die Nacht jagt, bis in die schummrige Billardhalle, in der Bob Dylan, vor einem Chor müder älterer Männer stehend, schließlich den letzten Satz spricht: »We will build your car.« Sein Blick auf die amerikanische Automobilproduktion ist deswegen nicht nostalgisch, auch wenn es so aussieht, als berufe er sich auf eine Vergangenheit, die besser als die Gegenwart gewesen sei. Vielmehr ist sie fiktiv. Sie bedient sich der Vergangenheit der industriellen Produktion auf dieselbe Art, wie sich das literarische Genre der Fantasy auf das Mittelalter beruft. Das gilt auch für das Bild des amerikanischen Arbeiters und seines Stolzes, dem der Werbefilm gewidmet ist, insofern er diesen Arbeiter der Zeit enthebt und in einen Archetyp verwandelt.

Dieser Archetyp hat eine lange Geschichte. Fast zweihundert Jahre bevor Bob Dylan das Loblied des amerikanischen Arbeiters anstimmte, schrieb Percy Bysshe Shelley das Gedicht The Masque of Anarchy, im Gedenken an die Niederschlagung eines Aufstands in Manchester im August 1819, bei dem die britische Kavallerie mit gezogenen Säbeln in eine Demonstration geritten war und fünfzehn Menschen starben. »Ye are many – they are few« lautet die bekannteste Zeile aus diesem Gedicht. Sie wird zuweilen von Jeremy Corbyn, dem Vorsitzenden der Labour Party, zitiert. Verwandter mit Bob Dylans Huldigungsversen für Chrysler sind allerdings einige andere Zeilen aus demselben Gedicht: »Men of England, heirs of Glory | | Heroes of unwritten story, | | Nurslings of one mighty Mother | | And one another.«

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