Der Prolet ist ein anderer. Klasse und Imaginäres heute

An ihren Begriffen sollt ihr sie erkennen. Dass Begriffe nicht einfach nur neutrale generalisierte Bezeichnungen von Dingen, Vorstellungsinhalten und Praktiken, oder reflektierter: von zuvor selbst erst gesetzten Differenzen sind, wie das der Commonsense oder die Wissenschaftstheorie annehmen, sondern potentiell immer auch politische »Kampfformeln« (Eric Voegelin), vermittels derer Sachverhalte und Verhältnisse zugespitzt und einer politischen Entscheidung zugetrieben werden, das hat die politische Rechte unserem Verständnis von Begriff hinzugefügt. Ein Virtuose dieser Form von Begriffsgebrauch war Carl Schmitt. Begriffe sortieren Gegenstandsfelder nicht nur, sondern richten sie aus; und sie werden selbst zu Kennmarken, nach denen sich – gut schmittianesk – Freund und Feind gruppieren. Dabei spielen weniger analytische Trennschärfe und Präzision der Begriffe eine Rolle als die affektive Ladung, die sie als Elemente von Sprache nolens volens immer aufweisen und die selbst in der kältesten Wissenschaftsprosa nie ganz neutralisiert werden kann. Das eigentlich poetische Moment jeder Theorie liegt in ihrer Nomenklatur, behauptet Giorgio Agamben irgendwo: in der Belehnung bestimmter Wörter (und eben gerade keiner anderen) mit Begriffsfunktion.

Ein lange gültiges Schibboleth dieser Art war »Klasse«. Wer den Begriff benutzte, kam von links, wer sich über den Begriff stritt – und da gab und gibt es einiges zu streiten! –, der stand auf der Linken; und dass »Klasse« zuzeiten sich zu einem »neutralen« wissenschaftlichen Begriff zu verallgemeinern schien (wie in den 1970er Jahren in der westdeutschen Akademie), kann als Anzeichen einer linken Hegemonie in diesem Bereich und zu dieser Zeit gedeutet werden. Und viele von denen, die irgendwann ihren »Abschied vom Proletariat« genommen haben, spüren noch oft eine leichte Wehmut, wenn sie wenigstens an jene alten Illusionen zurückdenken, die im Begriff »Klasse« wie in wenigen anderen aufgespeichert sind.

Romantischer Antikapitalismus von rechts

Das alles hat sich geändert. Die Bildsprache und der Affektgehalt, die einstmals mit dem Klassenbegriff verbunden waren, sind heute zu einer rechten Angelegenheit geworden (auch wenn die Rechten – sie wissen warum! – den Begriff der Klasse weiterhin meiden wie der Teufel das Weihwasser). Sprichwörtlich geworden ist Trumps »white working class«. Die französische Arbeiterklasse ist fast geschlossen vom PCF zum Front National übergelaufen; Didier Eribons Analyse dieser Verschiebung ist vielerorts fast zu einer Art Passepartout der politischen Gegenwartsdiagnose avanciert. Bei allen Unterschieden erscheint »Klasse« in der Weltsicht der Rechten als etwas Verlorenes; als etwas, das vom Zug der Zeit, der »Globalisierung«, überrollt wurde und das es nun wieder in sein Recht zu setzen gilt. Es geht um die Erinnerung an Trumps »forgotten men and women«, es geht um Rettung und Anerkennung. Und bei Trump (aber durchaus auch beim FN und anderen Gegnern der Europäischen Union) geht es ganz konkret um Zoll- und Arbeitsmarktpolitik: Die guten alten »manufacturing jobs«, die nicht zuletzt von Trumps neoliberalen Vorgängern glücklich über die südliche Grenze abgeschoben worden waren, sollen nach Amerika zurückgebracht werden; »buy American« wird zur patriotischen Aufgabe. And Bob Dylan pipes the tune.

Das alles wäre gesondert – und damit meine ich auch: differenziert, etwa nach nationalen politischen Kontexten und Traditionen – zu untersuchen. Was mich hier allein interessiert, sind die Reaktionen, die von der Rechtswendung von »Klasse« bei Liberalen, bei Linken vielleicht auch, hervorgerufen wurden, und das wiederum spezifisch im Hinblick auf den Klassenbegriff selbst. Grob gesagt kann man hier zwei Reaktionsrichtungen unterscheiden: eine, die nun die linke Kritik durch eine Rückbesinnung auf den echten Klassenbegriff refundamentalisieren will, und eine andere, die sich endgültig in der Überzeugung bestärkt sieht, dass linke Kritik fortan ohne Klasse auskommen muss.

Auf der einen Seite, bei den kritischen Refundamentalisierern, sieht man durch die Rechtswende »der Arbeiter« – die so unversehens selbst in der öffentlich-rechtlichen Demoskopie wieder zu einer soziologisch abgrenzbaren Gruppe geworden sind (apropos »Wählerwanderung zur AfD«) – das Versagen einer Linken angezeigt, die sich zu lange schon von ihrem Markenkern, der »sozialen Frage«, entfernt hätte. Statt sich um die »kleinen Leute« mit ihren Sorgen und Nöten zu kümmern, sei die Linke dem bunten Charme einer kulturalistischen Identitätspolitik erlegen, die recht eigentlich nie etwas anderes als der metropolitan-kosmopolitische Budenzauber einiger zahlungskräftiger Konsum-Citoyens gewesen sei. Dem allen müsse nun, nach den Wahlerfolgen von Trump, FN und AfD, eine Rückbesinnung aufs eigentliche Kerngeschäft der Linken folgen, eine Rückkehr zu sozialer Umverteilungspolitik, ein – aber das trauen sich dann auch schon wieder nur die ganz Radikalen wie der notorische Slavoj Žižek so zu formulieren – Comeback des echten Klassenkampfs. 1

Die andere Seite zieht aus dem neuen Rechtsdrall des Klassenbegriffs noch weitergehende Konsequenzen: Statt eine »echte« gegen eine »falsche« Anwendung des Begriffs zu reklamieren, sieht man hier im rückwärtsgewandt-nostalgischen Zug der rechten Bezugnahme eine tiefe Wahrheit des Klassenbegriffs selbst enthüllt. Dieser habe nämlich seiner Konstitution nach immer schon etwas Regressives, etwas Identitäres an sich gehabt; im Zerrbild der weiß-rassistischen Trump-Fans – man starte einmal eine Bildsuche mit den Stichworten »Trump« plus »white working class«, und man wird das Grausen so schnell nicht wieder los – könne man nur allzu gut genau das Bild erkennen, das die Klasse eigentlich immer schon abgegeben habe: weiß, männlich, mittelalt, cis-normsexuell, kraftstrotzend und pumperlg’sund.

Der Working Class Hero, wie er uns von Shelley bis Springsteen begegnet, wäre demnach nur konzentrierter Ausdruck dieses Imaginären, dessen Borniertheiten und Ausschlüsse – seine inhärenten Nationalismen, Sexismen und Rassismen etwa – nur so lange (und genau deswegen) unerkannt bleiben konnten, wie (und weil) die Kompassnadel seiner übergreifenden politischen Ausrichtung noch grob in Richtung »soziale Emanzipation« wies. Seit das sich geändert hat, sei der Working Class Hero auch politisch endgültig zu sich gekommen. Der einzige – wenn auch vielleicht nicht ganz unbedeutende – Bruch in diesem Prozess der Selbstwerdung liege nun darin, dass dem imaginären proletarischen Heldenbild in der Vergangenheit (bis in die 1970er Jahre hinein) noch ein reales Gegenstück entsprochen habe, eine hoch- und schwerindustriell gebundene Arbeiterklasse, deren starker Arm tatsächlich »unseren« Wohlstand produziert habe. Heute hingegen habe sich die Heldenimago von jeder realen Basis emanzipiert und bleibe politisch wirkmächtig nur noch als reines Bild.
Von der Macht alter Bilder

Beiden Positionen ist nun gemein, dass sie sehr weitgehend vom gleichen Begriff von Klasse ausgehen und noch mehr von den gleichen Bildern. Und das ist wiederum der gleiche Begriff, dieselbe Bildsprache, die auch die Rechten in Anschlag bringen, wenn sie – wie explizit auch immer – bei »Klasse« ansetzen.

Wenn Refundamentalisierer und antinostalgische Fundamentalkritiker von Arbeiterklasse reden, dann meinen sie eine fest verschweißte Einheit zweier Komponenten: Von ihrer materiellen Reproduktionsbasis her verrichtet die Arbeiterklasse erstens Handarbeit im industriellen Sektor oder in direkt angrenzenden Bereichen. Und diese Industriearbeiterklasse ist zweitens mit einer starken und distinkten soziokulturellen Identität versehen. Sie versteht und fühlt sich demnach als eine Einheit und kultiviert dieses Bewusstsein in einem eigenen Lebensstil, in eigenen Werten, in einem eigenen Geschmack. Damit schließlich setzt sich die Industriearbeiterklasse bewusst von (mindestens) einer anderen Klasse ab, die sie als feindlich erkennt: den Bürgern. Diese wiederum zeichnen sich nicht so sehr durch Reichtum oder Verfügungsgewalt über Produktionsmittel aus – wer hat die schon? –, sondern vor allem durch »Bildung«; der oder die Intellektuelle schließlich ist Fluchtpunkt von Bürgerlichkeit überhaupt, imaginäres Gegenbild zum proletarischen Working Class Hero. Dass bisweilen gerade die Intellektuellen davon träumen, selbst zu einem solchen zu werden – is something to be –, bestärkt den Befund nur: Beide sind als Gegen- immer auch Komplementärfiguren. 2

Nun, so pointiert – oder karikaturhaft überspitzt – würde wahrscheinlich kaum (noch) jemand die Implikationen seines Klassenbegriffs ausformulieren, aber es geht hier eben nicht um präzise Begriffe, sondern um Bilder; und es sind die eben umrissenen Bilder, die sich uns offenbar immer noch mit fast unwiderstehlicher Gewalt ins Bewusstsein drängen, wenn wir diese Wörter hören: Arbeiter, Arbeiterklasse, Proletariat (aber eben auch: Bürger, Intellektueller). Dass diese Bilder heute veraltet sind, weil unsere soziale Realität ihnen allenfalls noch in Schwundstufen oder bestimmten regionalen Verwesungszuständen entspricht (etwa im rust belt , in Nordfrankreich oder Nordengland, im Ruhrgebiet), führt dann aber nicht dazu, dass die Bilder historisiert werden.

Eher noch wird aus dem Veralten der Bilder von Klasse auf das Veralten des Begriffs geschlossen. Die Klassengesellschaft, so sagt man dann, sei unwiderruflich überwunden. Oder aber, um noch einmal auf die eben vorgeschlagene Unterscheidung zurückzukommen: Man erblickt (als »Refundamentalisierer«) seine eigene, linke Aufgabe darin, die Verlierer des historischen Prozesses zu vertreten und ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen, in der Annahme, dass diese immer noch so etwas wie die schweigende und weitgehend vergessene Mehrheit bilden. Linke Politik wird dann eine solche für die Ex- Arbeiterklasse in den wastelands der Deindustrialisierung.

Es sind alte Bilder des Sozialen – und es sind Bilder, von denen wir selbst nur allzu oft wissen, dass sie veraltet sind –, die unsere soziale Einbildungskraft fesseln und einengen; Bilder einer industriellen Arbeiterklasse, wie sie vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt wurden (Tipp: Bildsuche »Arbeiterklasse«, »Proletariat«, »Arbeiter«). Gegen alle Versuche aber, diese Fesseln zu sprengen oder die Bilder wenigstens aufzulockern, gegen neue begriffliche Bestimmungsversuche etwa, die eine aktuelle Beschreibung des Sozialen in erneuerten Klassenbegriffen versuchen, wird umgekehrt dann wiederum die Evidenz der alten Bilder bemüht, die sich somit seltsam immun gegen Begriffe, Theorien und neue Bilder erweisen.

Gegen diese Fixierung auf die alten Bilder der Industriearbeiteridentität und gegen die exklusive Gleichsetzung dieser Bilder von Klasse mit dem Klassenbegriff überhaupt habe ich in meiner Poesie der Klasse (2017) noch viel ältere, noch nicht fixierte, noch gleitende Bilder proletarischer Klassenfigurationen freigelegt, wie sie sich am Beginn der Klassengesellschaft, in der Phase ihrer Durchsetzung im Vormärz, gezeigt haben. Die historische Untersuchung war dabei immer auch gedacht als Versuch einer »Befreiung unserer historischen Einbildungskraft«, wie Susan Buck-Morss das einmal genannt hat. Es geht um die Einübung in eine andere Bildsprache von Klasse und in den historischen und politischen Umgang mit anderen Bildern – vielleicht auch anderen Arten von Bildern. Fluchtpunkt meiner Untersuchung ist die Gegenwart, in der ich eine Wiederkehr gleitender, offener Klassenfigurationen beobachte, die natürlich nicht mit denen aus dem Vormärz identisch sind, die sich aber vielleicht besser erfassen lassen, wenn wir unsere Einbildungskraft durch eine Arbeit am Vormärz zuvor irritiert und sensibilisiert haben. Debatten um Prekariat und Prekarität, wie sie seit zehn, fünfzehn Jahren in politischen, kulturellen und akademischen Kreisen geführt werden, bilden den Horizont meiner Untersuchung.
Prolet werden

Wie lässt sich nun die gegenwärtige Gesellschaft in Klassenbegriffen beschreiben, ohne alte Bilder, ohne fixierte, aber überholte Klassenidentitäten vorauszusetzen? Als zentraler Begriff muss hier derjenige der »Proletarisierung« eingeführt werden. Mit ihm kann »Klasse« tatsächlich als historische Prozess- statt als statische Identitätskategorie (oder -karikatur) verstanden werden, so wie dies der große englische Sozialhistoriker E. P. Thompson vor mehr als fünfzig Jahren in seinem Standardwerk The Making of the English Working Class gefordert hat.

Proletarisierung meint zunächst einmal, historisch, die Umwandlung von nichtproletarischen Lebensformen in proletarische: die Umwandlung von Kleinbauern und Handwerkern in Manufaktur- und Fabrikarbeiter etwa. In diesem Sinn hat schon der alte Engels den Begriff verwendet. Was aber genau passiert bei dieser Umwandlung? Einmal verändert sich die Art der Tätigkeit, ganz handgreiflich und materiell, dann aber auch die gesellschaftliche Form, in der die Tätigkeit ausgeführt wird: Aus Subsistenzsicherung wird Lohnarbeit. Dieser Aspekt, den Marx einmal die »formelle Subsumtion« der Arbeit unter das kapitalistische Regime genannt hat, erweist sich als der zentrale. Alle Arbeit wird Lohnarbeit; diese wird zur zweiten Natur, zur immer schon vorausgesetzten Form, außerhalb derer wir uns keine sozial relevante Tätigkeit mehr vorstellen können. Wer überleben will, muss arbeiten, und arbeiten bedeutet: seine Arbeitskraft auf Zeit verkaufen.

Dass diese Transformation von gesellschaftlicher Tätigkeit überhaupt in Lohnarbeit so harmlos nicht ist, wie das der Begriff der »Umwandlung« suggeriert – der Goethe-Leser Marx schreibt dauernd von »Metamorphosen« –, hat die historische Soziologie der 1970er Jahre herausgearbeitet. Sie definiert »Proletarisierung« als Zerstörung: als »Zerstörung der jeweils ›bisherigen‹ Arbeits- und Subsistenzformen«. 3 Die Anführungszeichen bei »bisherigen« markieren hier insofern ein Understatement, als damit in aller Kürze angedeutet wird, dass Proletarisierung als ein höchst dynamischer Prozess angesehen werden muss. Denn das, was im Prozess der Proletarisierung zerstört wird, ist immer das jeweilig Bisherige. Es gibt nichts absolut »Vorkapitalistisches«, das irgendwann dann komplett zerstört und ins kapitalistische Regime integriert wäre. Und wenn alles »Bisherige« immer neu zerstört werden kann, dann ist Proletarisierung selbst kein abgeschlossener, vielleicht sogar überhaupt kein abschließbarer Prozess. Solidarsysteme und erkämpfte Sozialstandards können ebenso (wieder) angegriffen werden wie »bisher« noch marktferne Bereiche der kollektiven wie individuellen Existenz. Was in den letzten Jahren vielerorts als neoliberale »Ökonomisierung des Sozialen« kritisiert wurde, ist ebenso unter Proletarisierung zu fassen wie die sozialen Verwüstungen in den Krisenverliererstaaten des europäischen Südens oder die Zerstörung kleinbäuerlicher Subsistenzformen im globalen Süden durch weltmarktorientierte Monokulturen und land grabbing .
Die Proletarisierung der Welt

Zugegeben, damit ist Proletarisierung eine sehr weite, eine vielleicht allzu weite Kategorie geworden. Was leistet sie? Mit ihr lassen sich – auch das habe ich in meiner Vormärz-Studie versucht – systemische Zusammenhänge erfassen, die jenseits der unmittelbaren Anschaulichkeit liegen. Warum wurden im Vormärz umherziehender ländlicher und städtischer »Pöbel«, pauperisierte Handwerker und Prostituierte, Wander- und Fabrikarbeiter plötzlich in ein und derselben sozialen Kategorie zusammengefasst mit verarmten Adligen und prekären Intellektuellen? Warum setzt ein dem eigenen Selbstverständnis nach so durch und durch bürgerlicher Gelehrter wie Wilhelm Heinrich Riehl neben die »Proletarier der Handarbeit« noch ein »Adelsproletariat«, aber auch die »Proletarier der Geistesarbeit«: »Beamtenproletariat, Schulmeisterproletariat, perennirende Predigtamtscandidaten, verhungernde akademische Privatdocenten, Literaten, Journalisten, Künstler aller Art«? 4

Der einzige gemeinsame Zug ist ein negativer: Alle diese Gruppen wurden abgeschnitten von ihren »bisher« üblichen Wegen der Subsistenzsicherung und allein dem cash nexus unterworfen, wie der englische Spätromantiker Thomas Carlyle es zeitgenössisch formuliert hat. Das Besondere an der Vormärz-Situation ist nun, dass dieser gemeinsame Zug, den wir heute post festum mit dem abstrakt anmutenden Begriff der Proletarisierung ansprechen, schon zeitgenössisch in einer überaus wirkmächtigen politischen Subjektivierung positiv ins Werk gesetzt wurde. Unter dem damals allemal noch gewöhnungsbedürftigen Namen »Proletariat« ersteht ein politisches Kollektivsubjekt, das die Geschichte in der Folge wortwörtlich umarbeiten wird.

In der Gegenwart ist die weite Kategorie der Proletarisierung nun tatsächlich zu einer globalen Kategorie geworden; sie macht weltweite Zusammenhänge beschreibbar, die jenseits der analytisch-begrifflichen Beschreibung für uns ebenso unanschaulich und abstrakt anmuten wie für die Menschen im Vormärz der Zusammenhang all jener »Proletarier«, deren Einheit der umfassende Einsatz des Begriffs doch behauptet. Dass es für die Proletarisierten der Welt heute gerade keinen einheitlichen Namen mehr gibt, der sie zu einer auch politischen Einheit zusammenführt, liegt auf der Linie der Analyse. Denn die »Proletarisierung der Welt«, so spitzte schon Guy Debord in seiner Gesellschaft des Spektakels in unnachahmlicher Weise dialektisch zu, vollendet sich gerade im »Gelingen des wirtschaftlichen Systems der Trennungen«. 5

Proletarisierung bedeutet eben nicht kollektive Identitätsstiftung, sondern Zerstörung aller »bisher« bestehenden sozialen Bande; universelle Proletarisierung ist gleichbedeutend mit der Universalisierung der Konkurrenz als Sozialprinzip. Dass der Prozess der Proletarisierung die Konkurrenz schließlich auch im Weltmaßstab verwirklichen wird, das haben Theoretiker wie Moses Heß und Marx schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts vorhergesehen; wir erleben heute, so könnte man zuspitzen, die vorläufige Vollendung dieser Entwicklung. Und so ist es sicher kein Zufall, dass der Begriff der Proletarisierung in der neueren historisch-sozialwissenschaftlichen Debatte vor allem wieder durch die Theoretiker der »Weltsystem-Analyse«, durch Immanuel Wallerstein etwa, prominent gemacht worden ist. 6

Universalität und Unsichtbarkeit

Aber kehren wir erst einmal zurück in die Metropole. Was lässt sich hier mit »Proletarisierung« fassen, was man mit dem nostalgisch-überkommenen Begriff »Arbeiterklasse« eben nicht mehr zu fassen bekommt? Zunächst einmal wird man in einem sehr umfassenden Sinn sagen müssen, dass auch die Reproduktion all derer, die im Service- oder Dienstleistungsbereich tätig sind, sich lohnförmig vollzieht; keiner, egal ob Tütenpacker oder Solo-Selbständige, lebt mehr außerhalb des cash nexus , auch wenn man weder den einen noch die andere umstandslos der Arbeiterklasse zuschlagen würde. Insofern könnte man den Prozess der Proletarisierung in den Metropolen mit einigem Recht für abgeschlossen betrachten. Die historisch spezifische Form der Lohnarbeit mit ihren allemal höchst unwahrscheinlichen Voraussetzungen – zuvörderst der, dass die menschliche Arbeitskraft, um deren Kauf und Verkauf sich im Letzten alles dreht, überhaupt eine Ware ist : eine Voraussetzung, die historisch erst in einem überaus gewaltsamen Prozess durchgesetzt und in die Köpfe und Körper der Menschen buchstäblich hineingebrannt werden musste – hat sich so sehr verallgemeinert, dass sie damit gleichsam unsichtbar geworden ist. Die condition proletarienne , in deren Erforschung und Darstellung von Engels bis zu den Postoperaisten der Gegenwart viel Energie und Vorstellungskraft investiert wurde, hat sich zur condition humaine totalisiert.

Über die Feststellung der verallgemeinerten sozialen Form hinaus aber erlaubt es der Begriff der Proletarisierung zudem, durchaus sehr spezifische prekäre Übergangsphänomene in den Blick zu nehmen. Etwa wenn sozialstaatliche Garantien und Sicherungssysteme »abgebaut« werden, die das »proletarische Risiko« (Etienne Balibar) – das rückhaltlose Ausgeliefertsein an den Markt – »bisher« abgefedert haben: Dann werden aus Sozialhilfeempfängern plötzlich wieder Ein-Euro-Jobber; aus akademischen Mittelbauern wissenschaftliche Saisonwanderarbeiter, die sich jeweils für die Vorlesungszeiten sechs Monate im Jahr in Bacheloristan verdingen und in den vorlesungsfreien Zeiten dann wieder entlassen werden und »hartzen« gehen müssen; 7 aus festangestellten Redakteuren werden feste Freie, aus den »bisherigen« Freien: nun ja, was eigentlich – Möbelverkäufer? 8

Erfassbar werden aber auch »gemischte Ökonomien«, in denen strukturelle Unterbeschäftigung mit Gelegenheitsjobs (»casual labour«, wie man im Englischen so schön sagt), familiäre Solidarsubsistenz (»Hotel Mama« als Dauerexistenzform), gelegentliche Beschaffungskriminalität und »unternehmerische« Existenzweisen – steuerlich unterstütztes Start-up-Gewese jeder Art, vom Kiosk bis zu »irgendwas mit Internet« – mehr oder weniger friedlich koexistieren. Was Helmut Höge vor Jahren schon als »Berliner Ökonomie« untersucht hat, dürfte sich im Jahrzehnt der Wirtschaftskrise seit 2007 eher noch vermasst und ins gesamte Territorium ausgebreitet haben.

Deregulierung, Privatisierung, Prekarisierung: Was bringt es nun, so müssen wir abermals fragen, diesen diversen -ierungen nun noch die Proletarisierung überzustülpen? Verlieren die einzelnen Phänomene, die ja ebenfalls seit einigen Jahren sozialwissenschaftlich und auch politisch en detail analysiert werden, nicht an Prägnanz, wenn man sie in einer Superkategorie zusammenfasst? Nun, wiederum gilt: Die Weite des Begriffs kann als dessen erste Tugend ausgewiesen werden. Mit Proletarisierung haben wir einen Begriff an der Hand, der quer liegt zu soziokulturellen Identitäten, zu Schichtungen und Höhendifferenzen, wie sie mit »Klasse« immer auch angesprochen waren. Wenn sowohl Großverdiener wie Gelegenheitsjobber als proletarisiert gefasst werden, dann drückt sich damit die geteilte Notwendigkeit aus, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, und auch die geteilte Gefahr, bei schwindender Nachfrage aus der Gesellschaft herauszufallen. »Doppelte Latenz« hat der Hegel-Forscher Frank Ruda das einmal genannt: Jedweder kann jederzeit vom sozialen Fall (bei Ruda: in den Pöbel) ereilt werden. Dass die verschiedenen Fälle dann sehr unterschiedlich komfortabel abgefedert sind, kann hier (und nur hier!) tatsächlich einmal vernachlässigt werden.

Erst in der Universalität der Proletarisierung emanzipiert sich die Klassengesellschaft von allem Kastenwesen; im Begriff der Proletarisierung erst wird es möglich, dass auch in der Rede von Klasse »alles Ständische und Stehende verdampft« und die Menschen in die Lage versetzt werden, »ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen«, so wie Marx und Engels das im Manifest der Kommunistischen Partei emphatisch angekündigt haben. Das Schimpfen auf »die da oben«, auf Bonzen und Abzocker, hat dann als Basis der Kritik (jedenfalls vorerst) ausgedient.

Intellektueller Korpsgeist

Das Ständische und Stehende hält sich vor allem in jenem Segment der Gesellschaft, dessen real-ökonomische Basis von jeher umstritten war und das darum umso mehr auf imaginäre Selbstvergewisserung angewiesen ist: bei den Intellektuellen.

Eine der größten Entdeckungen im Vormärz war für mich die Tatsache, dass sich hier prekäre, freigesetzte Intellektuelle durchaus als Teil jenes Proletariats verstanden haben, dessen Geburt sie beschrieben (und damit zu Wege brachten). Stellungslose Privatdozenten und Dichter, die vom Bogenhonorar der Leihbibliotheken und dem Zeilenhonorar der Tageszeitungen lebten, haben so schon im Anfang des Prozesses einer gewissermaßen existentiell bedingten Einsicht in das Wesen von Proletarisierung Ausdruck verliehen. Und kaufmännisch ausgebildete Schreiber wie Georg Weerth und Ferdinand Freiligrath haben dann gar nicht erst versucht, sich in der Gegenüberstellung von Gebildeten und Volk, von Intellektuellen und Pöbel zu verorten.

Dies scheint nun aber der unglaublichste und unglaubwürdigste Teil der Geschichte zu sein; in Manfred Kochs Rezension meines Buchs (in der FAZ vom 10. November 2017) wurde denn auch moniert, von den behandelten Autoren und Autorinnen sei nur Wilhelm Weitling ein »Nichtintellektueller« (also ein echter Prolet), »Georg Büchner, Georg Weerth, Ernst Willkomm, Ernst Dronke, Louise Otto-Peters« hingegen seien »Kinder des Bürgertums« gewesen und folglich offenbar, eben: Intellektuelle. Aber wo kommen diese Kategorien her, wenn die Schreibenden selbst poetisch, politisch und ethisch alles daran setzten, die hier in Anschlag gebrachte Unterscheidung gerade auszusetzen? Und wodurch qualifiziert sich Weitling – ein vielbelesener, allseits beschlagener Kopf, der mit vielen Geistesgrößen der Epoche im Austausch stand – zum »Nichtintellektuellen«? Nun ja, er war Autodidakt und hat sein Geld als Schneider verdient.

Wenn in der Gegenwart überall die neoliberale Penetration der intellektuellen und geistigen Sphäre beklagt wird, ihre allseitige »Ökonomisierung«, so bleibt es doch wenigstens blauäugig, wenn man als deren Ermöglichung nicht umgekehrt auch die allseitige Intellektualisierung des Lebens, auch des ökonomischen, im Blick behält. »Jeder Mensch ist ein Intellektueller« hat Antonio Gramsci schon in den 1930er Jahren in seinem berühmten 12. Gefängnisheft notiert, »aber nicht alle Menschen haben in der Gesellschaft die Funktion von Intellektuellen.« 9 Auf diesen Satz haben gewissermaßen vorauslaufend schon die Dichterinnen und Aktivisten des Vormärz die Probe gemacht, wenn sie sich als Intellektuelle und als Proletarier zugleich gesehen haben: als »organische Intellektuelle« einer Klasse, die sich als solche noch gar nicht stabilisiert hatte. Gramscis Satz gilt heute umso mehr, wo sich der intellektuelle Anteil jeder Tätigkeit »unerhört erweitert« hat. In den 1970er Jahren wurde dieser Umstand schon unter dem Schlagwort der »Massenintellektualität« diskutiert (in Italien, wo sonst?), Axel Honneth und Toni Negri haben vor einigen Jahren daran erinnert. In der Gegenwart wird dieser Strang fortgesponnen vielleicht in Paul Masons Begeisterung für die »digitalen Menschen« (so schwach seine Vision eines »Postkapitalismus« auch sonst sein mag) oder sympathisch alterseuphorisch in Michel Serres’ Liebeserklärung an die »kleinen Däumlinge« der »vernetzen Generation«.

All das aber geht fast spurlos an den Intellektuellen vorbei, die vor allem über eins wachen: dass sie nicht zu denen gehören, deren Lage sie so gern analysieren. Man gibt vielleicht noch gern (und ein bisschen kokett) zu, dass man bei sich selbst dieselben »Abstiegsängste der Mittelschicht« feststellt, wie man sie auch bei Pegidisten und anderen unsympathischen Zeitgenossen diagnostiziert; damit aber macht man vor allem noch einmal klar, dass man doch jedenfalls zu eben dieser Mittelschicht gehört, einer sozialen Kategorie mithin, die durch nichts zu substantiieren ist als durch imaginäre Selbstzurechnung und Prätention. Man gehört nicht zum Proletariat, nicht zum Volk, nicht zum Pöbel. Das bleibt unüberschreitbare Schranke jeder intellektuellen Selbstverortung.

Bei vielen Intellektuellen der letzten ein, zwei Generationen mag diese Selbstseparation gar nicht im Hochmut begründet liegen; eher schon in der historisch nicht ganz unberechtigten Angst vor einer romantisch-paternalistischen Überidentifikation mit den »Subalternen«; in der Scheu, für andere, weniger Privilegierte zu sprechen, denen damit das Sprechen im eigenen Namen gerade unmöglich gemacht würde. Als Referenzpunkte einer solchen drohenden Überidentifikation werden gern die Romantiker aufgeführt, die sich mit Sammeln von Volksliedern ihr Volk gleich miterfunden hätten, oder irgendwelche Achtundsechziger, deren Proletkult-Seligkeit ihr eigenes revolutionäres Subjekt herbeihalluziniert habe. Das hat es sicher gegeben, aber die daraus resultierende Forderung, permanent die eigene Sprechposition »als Intellektueller« zu hinterfragen, hat irgendwann dazu geführt, dass die Antwort immer schon feststeht: Man steht abseits, steht höher, ist nicht direkt oder existentiell involviert. Man hat sich qua Selbstreflexion immunisiert.

Das muss nicht unbedingt mit Ignoranz verbunden sein; gerade wenn man sich aber als Intellektueller trotzdem den Abgehängten und Unterprivilegierten verbunden fühlt, werden diese sehr schnell zu einem Objekt intellektuell-humanitärer Care-Arbeit. Das mag insgesamt allemal sympathischer sein als die Arroganz der alten Intellektuellenkaste, die es ja auch immer noch gibt; vom »Korpsgeist«, den Gramsci noch bei den »traditionellen Intellektuellen« seiner Zeit analysiert, ist die Selbstreflexivität vieler »kritischer Intellektueller« von heute trotzdem kaum noch zu unterscheiden.

Vielleicht sollte man es stattdessen einfach einmal darauf ankommen lassen. Vielleicht erfährt man ja etwas Neues über die Verhältnisse, über sich und seine intellektuellen Standesgenossen, zählt man sich und sie – probehalber nur, tentativ, noch ohne festes politisches Programm – einmal zu den Proletarisierten dieser Welt. Das muss nicht ohne weiteres immer nur mit Verblendung, Anmaßung oder Selbstviktimisierung zu tun haben. Klar, man muss Differenzen markieren können; dies ist aber erst dann wirklich aussagekräftig, wenn man auch den gemeinsamen Bezugsrahmen der Differenzierung ausweisen kann. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen mir und einem Gelegenheitsarbeiter ohne Schulabschluss; aber das ändert wiederum nichts an der Tatsache, dass es auch jede Menge Leute nicht nur mit Schul-, sondern auch mit Universitätsabschluss gibt (darunter sind Freundinnen und Freunde von mir), die sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen; anderen zwar, aber nicht notwendig besser bezahlten.

Statt sich gegen »die Sache selbst« – die sozialen Verhältnisse der Gegenwart, durchaus auch global verstanden – durch eine möglichst saubere wissenschaftliche Selbstpositionierung zu immunisieren, käme es vielleicht gerade darauf an, sich von den Verhältnissen und den Mit- und Gegenspielerinnen gleichsam infizieren zu lassen. Vielleicht zeigen sich dann plötzlich ungeahnte Reaktionen: Verbindungen, Querbezüge, auch Möglichkeiten von politischer Kooperation und Solidarität, die unter der Oberfläche wissenschaftlicher Neutralität verborgen blieben, die nun aber nur auf ihre Aktivierung warten.

Rückverwandlungen

Die regressive Renaissance der weißen und männlichen Industrielohnarbeiterklasse, wie wir sie heute bei Trump (und manchmal auch bei seinen linken Kritikern) beobachten können, wiederholt in gewisser Weise einen Prozess, der sich ebenfalls schon im 19. Jahrhundert beobachten lässt. Das tragische Ende meiner Geschichte des buntscheckigen Vormärz-Proletariats wiederholt sich zur Zeit als Farce.

Denn mit der Etablierung einer Arbeiterbewegung im Verlauf der 1840er Jahre geht zugleich eine »Reinigung« und Uniformierung der Arbeiterklasse einher. Wo in frühen Beschreibungen des Proletariats noch dessen Heterogenität betont wird, da stehen nun plötzlich Figuren im Zentrum, die tatsächlich als Präfigurationen späterer Working Class Heroes und »sozialistischer Übermenschen« in den propagandistischen Romanen, Filmen und Bildkunstwerken des »sozialistischen Realismus« gelesen werden müssen. Diese Figuren kämpfen verbissen gegen die Willkür ihrer Ausbeuter, sie kämpfen aber genauso verbissen darum, alleine und exklusiv ausgebeutet zu werden. Wer dabei weggebissen werden muss, sind Frauen und Kinder – der Kampf gegen die Kinderarbeit wurde in der frühen Bewegung schnell und fraglos zu einem Kampf auch gegen die Frauenarbeit (und damit gegen das Recht der Frauen auf Arbeit) –, und es sind alle »unfreien« Arbeiter: Sklaven, Leibeigene, Menschen in Schuldknechtschaft.

Natürlich gibt es auch historisch nichts gegen einen Kampf gegen die Sklaverei einzuwenden, und die ganz frühe englische Arbeiterbewegung war eng mit der abolitionistischen Bewegung verbandelt. Schnell aber wurde der Kampf gegen die Sklaverei zu einem solchen gegen die Sklaven: gegen billige Konkurrenten auf dem Weltmarkt der Ausbeutung. Mit der Aufkündigung der Solidarität mit den Sklaven aber wurde der metropolitane Klassenkompromiss vorbereitet und ermöglicht, den Lenin später in seiner Imperialismustheorie aufs Korn nehmen wird. Die Arbeiteraristokratie der kapitalistischen Zentren lässt sich ihre politische und ökonomische Kooperationsbereitschaft mit jenen Extraprofiten gratifizieren, die von der Bourgeoisie durch die Hyperausbeutung der kolonialen und postkolonialen Arbeitskraft eingestrichen werden.

Schon am Ende des Vormärz also ersteht das Proletariat wenigstens imaginär als jene »freie«, weiße und männliche Industriearbeiterschaft, die dann für mehr als einhundert Jahre die Geschichte entscheidend bestimmen und deren Bild unser Bild von Klasse und Klassengesellschaft nachhaltig prägen wird. Alle »Reste«, die bei diesem Säuberungsprozess abfallen, werden entweder in die häusliche Sphäre gesperrt oder in der Kategorie des »Lumpenproletariats« entsorgt.

Seit den 1970er Jahren nun kann man in den Metropolen eine Dekomposition der formiert-uniformierten Industriearbeiterklasse beobachten; begründet liegt diese zuvörderst in der fortschreitenden Deindustrialisierung der alten kapitalistischen Zentren. Dass damit aber die Lohnarbeit als Geschäftsgrundlage modern-kapitalistischer Vergesellschaftung keineswegs verschwindet, wurde schon dargelegt. In den letzten Jahren durchlief der Prozess der Fragmentierung und Diversifizierung der alten Arbeiterklasse eine letzte, krisenhafte Brennstufe. Die Debatten um Prekarität, Prekarisierung und Prekariat sind der kritisch-theoretische Reflex auf diese Bewegung.

Wenn es nun aber so ist, dass mit dem beschriebenen Prozess auch eine Masse »Proletarisierter« – der Hilfsbegriff sei durch die Abwesenheit eines selbstbewussten Kollektivakteurs entschuldigt – unübersehbar die Bühne betreten hat, die in vielen ihrer Konstitutionsbedingungen und auch in ihrer sozialen Erscheinung wieder stärker dem buntscheckig-heterogenen Vormärz-Proletariat ähnelt als der formierten Arbeiterklasse der Zwischenzeit – und diese Ähnlichkeit haben etwa auch Jacques Rancière oder Robert Castel beobachtet –, dann wäre die Renaissance wenigstens des Leitbilds genau dieser formierten Arbeiterklasse tatsächlich als Wiederholung zu betrachten. So wie »damals«, in den 1840er Jahren, das Bild des »freien«, weißen, männlichen Alleinversorgers durchgesetzt wurde (das an das alte, imaginär noch gültige Bild des patriarchalen Handwerker-Hausvorstands erinnerte), so werden nun genau die Bilder und Werte der alten, patriarchalen Arbeiterklassenherrlichkeit in Anschlag gebracht, um die Unübersichtlichkeit einer neuen sozialen Situation in den Griff zu bekommen.

Begriff und Krise

Da es identische Wiederholungen der Geschichte nicht gibt, ist es wichtig, die historische Differenz in den Blick zu bekommen. Die »Säuberung« der 1840er Jahre – an der theoretisch-politisch nicht zuletzt Marx kräftig mitgewirkt hat – konnte sich noch im Gleichschritt mit dem ökonomischen Fortschritt wähnen. Das Bild der uniformen Industriearbeiterklasse erscheint dann als Verkörperung der immer uniformeren Fabrikarbeit, die sich historisch wenigstens in Deutschland erst wesentlich später wirklich vermassen wird; die Industriearbeiterklasse kann schließlich auftreten als Personifikation des Produktivkraftfortschritts selbst.

Heute dagegen ist die Sehnsucht nach den alten Bildern tatsächlich im besten Fall konservativ geworden, in der Regel aber schlankweg reaktionär. Das Imaginäre der (alten) Arbeiterklasse bereitet heute nichts mehr vor, was noch kommt, die beschworenen Bilder stemmen sich vielmehr gegen eine Entwicklung, von der sie selbst schon längst über den Haufen geworfen worden sind. Sie wenden sich gegen »die da oben« und die ganz unten, gegen »gierige Manager« und kosmopolitische Eliten und gegen die Flüchtlinge und Umherziehenden dieser Welt. Beide Extreme aber verkörpern in ihrer Zerrissenheit tatsächlich und authentisch den »Fortschritt« von heute und morgen: die globalisierten Ströme von Reichtum, Waren, Wissen, Arbeitskraft und schließlich Menschen. In der weltweiten Produktion von »Überflüssigen«, die quasi darum kämpfen, überhaupt noch irgendwo ausgebeutet zu werden, weil sie dann wenigstens überleben können, wird man die Signatur des Zeitalters entziffern – und das letzte und stärkste Argument für den Begriff der Proletarisierung und für die Beschreibung unserer Gegenwartsgesellschaft in Klassenbegriffen überhaupt erblicken müssen.

Denn Begriffe, um darauf zurückzukommen, sind immer dann tauglich – das lehrt wiederum Marx, nicht Schmitt –, wenn sie sich als Krisenbegriffe bewähren: als begriffliche Verdichtungen und Zuspitzungen von Zuständen, für die es keine einfachen (»realpolitischen«) Lösungen gibt; als Angabe von Tendenzen, die über das hinausweisen, was heute als Problemlösungsrahmen immer vorausgesetzt wird; als Mittel, den ersten Anschein zu durchbrechen und einen zweiten Blick zu wagen. 10

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Slavoj Žižek, Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror . Berlin: Ullstein 2016.
  2. Zur Spaltung des Sozialen in eine kosmopolitisch sich dünkende Elite und eine an der Scholle und ihren Werten klebende Unterschicht – und zu den vielen, die weder das eine noch das andere sein wollen – vgl. Guillaume Paoli, Die lange Nacht der Metamorphose. Über die Gentrifizierung der Kultur . Berlin: Matthes & Seitz 2017.
  3. Vgl. Gero Lenhardt /Claus Offe, Staatstheorie und Sozialpolitik. Politisch-soziologische Erklärungsansätze für Funktionen und Innovationsprozesse der Sozialpolitik . In: Christian von Ferber /Franz-Xaver Kaufmann (Hrsg.), Soziologie und Sozialpolitik , Sonderheft 19, 1977 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie . Eine klassische, aber immer noch schneidende Darstellung von Proletarisierung als Zerstörung bietet Karl Polanyi, The Great Transformation (1944). Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen . Frankfurt: Suhrkamp 1978.
  4. Wilhelm Heinrich Riehl, Die bürgerliche Gesellschaft . Bd. 2 der Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik . Stuttgart: Cotta 1866.
  5. Eine schöne und aussagekräftige Hommage an den kommunistischen Theoretiker und Filmemacher Guy Debord hat Olivier Assayas geschrieben: A Post-May Adolescence. Letter to Alice Debord . Wien: Synema 2012.
  6. Immanuel Wallerstein, Historical Capitalism . London: Verso 1983.
  7. Vieles dazu und noch viel mehr bietet undercurrents – Forum für linke Literaturwissenschaft.
  8. Vgl. Robert Kisch, Möbelhaus. Ein Tatsachenroman. München: Droemer 2015.
  9. Eine Anmerkung noch zur Einordnung Weitlings: »Wenn man zwischen Intellektuellen und Nicht-Intellektuellen unterscheidet, bezieht man sich in Wirklichkeit nur auf die unmittelbare gesellschaftliche Funktion der Berufskategorie der Intellektuellen, man berücksichtigt also die Richtung, in welcher der Schwerpunkt der spezifischen beruflichen Tätigkeit liegt, ob auf der intellektuellen Ausarbeitung oder der nervlich-muskulären Beanspruchung. Das bedeutet, daß man zwar von Intellektuellen reden kann, nicht aber von Nicht-Intellektuellen, weil es Nicht-Intellektuelle nicht gibt.« – So Gramsci in § 3 seines 12. Gefängnishefts (Gramsci, Gefängnishefte. Kritische Gesamtausgabe . Bd. 7 (12. bis 15. Heft). Hamburg: Argument /InkriT 2012).
  10. Von den wenigen sozialwissenschaftlichen Untersuchungen, die die globale Lage ohne Rücksicht auf realpolitische Lösbarkeit umschreiben, seien nur drei genannt: Mike Davis’ nun schon zehn Jahre alter Klassiker Planet der Slums (Berlin: Assoziation A 2007), Stephan Lessenichs aktuelles, trefflich betiteltes Werk Neben uns die Sintflut. Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis (München: Hanser Berlin 2016) und Saskia Sassens Ausgrenzungen. Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft (Frankfurt: Fischer 2015). Hier heißt es schon in der Einleitung: »In einer ganze Reihe von Wirtschaftsbereichen spielen Menschen als Konsumenten und Arbeitskräfte für den Profit eine immer geringere Rolle. Aus der Sicht des heutigen Kapitalismus sind beispielsweise die Bodenschätze in großen Teilen Afrikas, Lateinamerikas und Zentralasiens wichtiger als die Bewohner der betreffenden Regionen in ihrer Funktion als Arbeitskräfte oder Verbraucher.« Eine rigorose Theorie des globalen »Surplus-Proletariats« bieten Aaron Benanav /John Clegg, Misery and debt. On the logic and history of surplus populations and surplus capital . In: Endnotes , Nr. 2, April 2010 (gekürzte und kommentierte Übersetzung in kosmoprolet , Nr. 4, 2015), beides im Netz unter endnotes.org.uk bzw. kosmoprolet.org . In der neuesten Ausgabe von Endnotes erscheint das »Surplus-Proletariat« nicht mehr, wie weiland bei Lukács noch das Proletariat, als »identisches Subjekt-Objekt der Weltgeschichte«, sondern als »identisches Subjekt-Abjekt« der Welt.

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