Eribon und Macron, Bourdieu und Juppé

Reist ein Franzose nach Frankfurt, landet er in einer verkehrten Welt. Emmanuel Macron und Didier Eribon können seit der letzten Buchmesse ein Lied davon singen, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Dem Präsidenten schlug in Paris wegen seiner Reformpolitik Ablehnung entgegen, in Frankfurt flogen ihm die Sympathien zu. Der Literat löste mit seiner Kritik am Präsidenten in der deutschen Presse Empörung aus, die französischen Journalisten zuckten nicht mal mit den Schultern. Wie ist so viel Diskrepanz mitten in Europa möglich?

Bei Macron ist die Antwort einfacher. Es gibt nicht nur eine Kluft der Befindlichkeit, sondern auch der Betroffenheit. In Deutschland fällt es leicht, den Präsidenten für seine Kenntnis von Benjamin und Habermas und für seinen europapolitischen Mut zu bewundern, hat doch niemand von seiner Reformagenda schmerzliche Einschnitte zu erwarten. In Frankreich dagegen ist die Lage nicht nur für die wenigen, die sich von Macron als »Faulenzer, Zyniker und Extreme« angesprochen fühlen, bedrohlich, sondern auch für die vielen, die bis vor kurzem das Privileg einer nahezu unkündbaren Anstellung genossen. Entsprechend klein ist die Bereitschaft, dem Präsidenten Beifall zu zollen für einen außenpolitischen Mut, der bereits dort Halt zu machen scheint, wo die moralischen und ökonomischen Profite tangiert wären, die Deutschland aus der Schwäche anderer Euro-Staaten zieht. Dass Macron seine Europa-Rede, bevor er sie hielt, von Angela Merkel gegenlesen ließ und die Transferunion nur als deutsches Tabu, nicht aber als französische Forderung thematisierte, wird in Paris nicht als Zeichen der Stärke gedeutet.

Um die konträren Reaktionen auf Eribon zu verstehen, bedarf es zumindest im französischen Fall einer historischen Rückblende. Zuerst zur deutschen Seite: Mit seiner Ankündigung auf Facebook und in der Süddeutschen Zeitung, er werde der Eröffnungsfeier der Buchmesse fernbleiben, feuerte Eribon eine Protestsalve ab, die nicht zuletzt die Macron-Freunde in deutschen Medien treffen sollte. Erst führte er aus, er könne Macron nicht beim »Schwadronieren über Europa und die Kultur zuhören, im selben Moment, wo er – und Merkel – geduldig die Bedingungen für das kulturelle Schaffen und die Zugangsmöglichkeiten zu diesem in Europa zerstören«, und dann behauptete er, jede von Macrons Entscheidungen, jede seiner Reformen gefährde »alles, was das Fundament einer europäischen Kultur ausmachen kann«. Solche pauschalen Aussagen einer politischen Grundsatzkritik zu unterziehen, ging deutschen Journalisten leicht von der Hand – zu leicht, denn sie begingen dabei einen Kategorienfehler, der ihren französischen Kollegen nicht unterlaufen wäre.

Symptomatisch dafür ist der Kommentar von Andreas Fanizadeh, dem Kulturchef der taz. Für Fanizadeh klingt die »Posse«, die Eribon und »einige andere französische Linksintellektuelle« gegen Macron aufführten, »eins zu eins wie die alte KP-These vom Sozialfaschismus aus den 1920er Jahren. Dabei hat der vulgäre Antikapitalismus mit seinen schablonenhaften Neidmetaphern schon einmal einen verhängnisvollen Beitrag geleistet, um Europa und die Welt in Abgründe zu schicken.« Das Hauptproblem dieser Kritik ist nicht, dass ein deutscher Journalist vor einem französischen Intellektuellen die Weimarer Republik als abschreckendes Beispiel herbeiruft, sondern dass er ihm eine Position zuweist, die jener von kommunistischen Parteipolitikern entsprechen soll. Damit wird unterstellt, Eribons linke Fundamentalopposition gegen Macron folge einer politischen Funktionslogik, ziele also letztlich auf eine Veränderung der Machtverhältnisse im französischen Staat. Das ist das grundlegende Missverständnis seiner deutschen Kritiker.

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