„Lone Wolf“-Terrorismus

Am 31.  Oktober 2017 lenkte Sayfullo Saipov einen gemieteten Umzugslastwagen in New York auf einen Fahrradweg, pflügte durch die Passanten und rammte einen Schulbus. Acht Menschen starben; mehrere wurden schwer verletzt. Akribisch hatte er seine Tat geplant. Ganz bewusst hatte er sich den Abend von Halloween ausgesucht, sogar das Kurvenfahren mit dem Truck geübt. Neben dem Kleintransporter fand die Polizei Zettel, auf denen »Der Islamische Staat wird für immer fortbestehen« auf Englisch und Arabisch geschrieben war. Auf Saipovs Mobiltelefon befanden sich Propagandafotos und Videos des IS. Vorbildlich folgte Saipov der Terroranleitung, die der IS im englischsprachigen Onlinemagazin Rumiyah im November 2016 veröffentlicht hatte; dort war sogar ein Umzugswagen abgebildet. Für die Sicherheitsbehörden kam er aus dem Nichts.

Als Roshonara Choudhry mit einem Messer auf den britischen Abgeordneten Stephen Timms einstach, waren alle überrascht. Choudhry wuchs in bescheidenen Verhältnissen im Ost-Londoner Viertel East Ham auf. Die junge Britin war jedoch auf dem besten Weg, der Armut zu entkommen. Sie studierte am prestigeträchtigen King’s College in London und hatte gute Noten. Gegen Ende ihres letzten Semesters, im November 2009, brach sie ihr Studium jedoch ab. Von ihrem sozialen Umfeld unbemerkt lud sie sich die Hasspredigten Anwar al-Awlakis herunter  – des berüchtigten Chefideologen des jemenitischen al-Qaida-Zweigs, ein US-amerikanischer Staatsbürger, dessen Reden und Traktate über Jahre maßgeblich zur globalen Rekrutierung von Dschihadisten beigetragen haben (bis er 2011 durch einen US-Drohnenschlag getötet wurde). Choudhry hatte zuvor keine Sympathien für den Islamismus gezeigt. Bemerkenswerterweise trat sie zu keinem Zeitpunkt mit al-Awlaki in direkten Kontakt. Offensichtlich genügten dessen Predigten, um Choudhry davon zu überzeugen, dass der Dschihad eine erstrebenswerte Alternative zu ihrem bisherigen Leben sei. Im Mai 2010 griff sie Stephen Timms mit einem Messer an. Zweimal konnte sie auf ihn einstechen, bevor das Sicherheitspersonal Choudhry zu Boden rang. Timms hatte Glück und kam mit dem Leben davon.

In beiden Fällen handelt es sich um sogenannte einsame Wölfe – einzelne Täter ohne beziehungsweise mit nur minimaler Unterstützung durch andere Personen oder Gruppen, die mit ihrem Terror ein politisches, soziales, religiöses oder ein anderes Ziel zu erreichen wollen.1 Einsame Wölfe stellen die Sicherheitsbehörden vor besondere Herausforderungen. Oft fehlen Frühwarnfaktoren; daher laufen viele Instrumente der klassischen Terrorismusbekämpfung ins Leere. Es gibt keine Gruppen oder Zellen, die sich infiltrieren lassen; keine Mitglieder, die zur Informationsgewinnung oder Anwerbung verhaftet werden können; häufig findet keine Kommunikation statt, die sich abfangen und überwachen lässt. Dementsprechend schwer ist es, einsame Wölfe vor der Tat aufzuspüren. »And isn’t it kind of scary that one man could reap this kind of hell?«, stichelte Timothy McVeigh, der im April 1995 ein öffentliches Gebäude in Oklahoma City mit 2000 Kilogramm Sprengstoff in die Luft gejagt und 168 Menschen getötet hatte.

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