Oh man. Annie Ernaux und Didier Eribon lesen

Früher waren es die Man-Sätze gewesen. Man kann doch nicht. Man muss doch. Wenn meine Mutter diese Man-Sätze sagte, war es aus. Dann half nur die Flucht in die Bücher, und das war die Flucht aus dem Man-Milieu. Und jetzt habe ich ein ganzes Buch voller Mans gelesen und finde mich darin wieder. Dieses Buch ist das 2009 in Frankreich erschienene Les années von Annie Ernaux, das jetzt endlich auch auf Deutsch vorliegt.

Ich lerne Annie Ernaux kennen, ich moderiere ein Gespräch mit ihr und Didier Eribon in Frankfurt. Ich bin bewegt, ich bin fast wütend: Warum habe ich Ernaux nicht schon vor zwanzig Jahren gelesen? Ihre Bücher La honte, Une femme, La place, Titel wie Vorschlaghämmer – wovon sich in den deutschen Titeln Gesichter einer Frau und Das bessere Leben, in der Frauenerotiknische eines Publikumsverlags gestrandet, nichts wiederfand. Hätte ich sie gelesen, hätte ich Leitplanken gehabt. Und ein Idol, eine, die einem Mut gemacht hätte. Die Unerschrockene. Die Freibestimmte. Die Kluge, die es trotz all dieser Eigenschaften geschafft hat, sich nicht sozial auszuschließen. Ja, trotz. Natürlich. Dabei war ihr Weg hart erkämpft. In Die Jahre liest man Sätze wie: »Man hatte die Worte noch im Ohr, die man am liebsten gleich wieder vergessen hätte, los, blas mir einen, lutsch meinen Schwanz, Worte, über die man ein Liebeslied legen musste, c’était hier ce matin-là, c’était hier et c’est loin déjà, um sich die Sache schönzureden, um die romantische Fiktion eines ›ersten Mals‹ zu erschaffen, um einen Schleier der Melancholie über die misslungene Entjungferung zu legen. Wenn einem das nicht gelang, kaufte man Kuchen und Bonbons und betäubte den Schmerz mit Zucker und Sahne – oder man wurde magersüchtig, um ihn auszuhungern.« Oder: »Sie schämt sich dafür, dass sie niemanden kennt, der auf die Universität geht, dass sie eine Jacke aus Wildlederimitat trägt und keine echte.«

Ernauxs Herkunftswelt ist nicht die der Bücher, die doch die einzige ist, in der sie sich nicht einsam fühlt. Ernaux nennt Die Jahre eine »kollektive Autobiografie« und sich eine »Ethnologin ihrer selbst«. Sechzig Jahre soziale, politische und persönliche Geschichte spannen sich um ein Personalpronomen, das nie genannt wird: ich. Das Ich ist ein Loch, eine Leerstelle. Es gibt ein »sie«, es gibt »man«, »wir« und »die Leute«, sie alle füllen das Loch. »Man« findet in den sechziger Jahren »normal, dass die Einwanderer in Armenvierteln lebten, in Fabriken und im Straßenbau malochten, dass ihre Oktoberdemonstrationen erst verboten und dann blutig niedergeschlagen wurden, und vielleicht sogar, wenn man es überhaupt mitbekam, dass über hundert Demonstranten von Polizisten in die Seine geworfen wurden.« Eine weibliche Geschichtsschreibung bis in unsere Tage  – zu der »man« als Frau sich erst ermächtigen muss, sagt sie, denn Geschichte wird meist von Männern geschrieben, sagt sie, doch Frauen haben einen anderen Bezug zur Welt. Diese Geschichte kommt ins Rollen beim Durchsehen von Fotos aus einem siebzigjährigen Leben. Die Fotos inszenieren das Ich man-reif – genauso wie die Familienfeiern, die einen zweiten roten Faden durch das Buch ziehen, die gelungene Anpassung an das Man zelebrieren. Das kenne ich. Jedes Weihnachtsfoto ein Drama. Wer kennt es nicht. Wenn das Wir als Man inszeniert wird. Und die entsprechende Erwartung zuverlässig enttäuscht.

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