Sowjetheimkehrer in der DDR-Geschichtswissenschaft

Das hundertjährige Jubiläum der Oktoberrevolution brachte die Frage zurück in das öffentliche Bewusstsein, auf welche Kräfte sich eine Bewegung gestützt haben mag, die nicht nur Befreiung proklamierte und Unterdrückung praktizierte, sondern zeitweilig gerade ihre loyalsten Anhänger in furchtbarster Weise verfolgt hat. Wie konnte es dazu kommen, dass auch unter den kommunistischen Emigranten, die in der Sowjetunion das Heil erhofften und die Hölle erlebten, der Glaube an die gute Sache nicht erstarb, sondern oft noch gefestigt wurde?

In Der Archipel Gulag erinnert Alexander Solschenizyn an János Kádár, an Władysław Gomułka, an Gustáv Husák, die kommunistische Diktatoren wurden, nachdem sie Opfer kommunistischer Repression geworden waren; und er lässt einen russischen Straßenbauingenieur zu Wort kommen, der erst ein halbes Jahr in der Todeszelle verbracht hatte, dann zu fünfzehn Jahren Lagerhaft verurteilt und anschließend in die »ewige Verbannung« geschickt worden war und doch bekannte: »In meinem Kopf hat sich nichts verändert. Bin derselbe parteilose Bolschewik geblieben. Der Glaube an die Partei hat mir geholfen«.

Wie lässt sich diese selbstmörderische Bindungskraft einer Idee erklären? Näheren Aufschluss verspricht eine besondere Personengruppe, nämlich die der kommunistischen Emigranten, die nach der nationalsozialistischen Machtergreifung aus Deutschland in die Sowjetunion gingen und dort nicht wie viele Hundert ihrer Landsleute dem Großen Terror zum Opfer fielen, sondern überlebten und nach 1945 ihre Heimat in der DDR fanden. Unter ihnen bilden die wenigen Historiker-Remigranten eine kleine und heterogen zusammengesetzte Gruppe, die die wissenschaftliche Analyse und öffentliche Präsentation ihrer Sicht auf die Vergangenheit zum Beruf gemacht hatte und deswegen mehr als andere zur historischen oder biografischen Reflexion berufen war.

Überlebensschicksale

Diese Gruppe reicht von dem 1901 geborenen Altkommunisten und Nestor der parteilichen DDR-Historiografie Leo Stern und dem drei Jahre jüngeren Arnold Reisberg über den 1917 geborenen und erst in der Sowjetunion zum Historiker ausgebildeten Weimar- und NS-Historiker Wolfgang Ruge bis zu dem weitere sieben Jahre jüngeren Stefan Doernberg, der 1945 als Rotarmist nach Deutschland zurückkehrte und hier in einer zweifachen Doppelrolle als Sowjetbürger und Deutscher, als Historiker und Diplomat tätig war.

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