Patienten im Netz

In seinen letzten Lebensjahren ging mein Großvater jeden Tag auf seinem Balkon spazieren, fünfhundert Schritte machte er, nicht einen weniger, nicht einen mehr. Er hatte sich in jungen Jahren beim Eislaufen das Hüftgelenk gebrochen, und durch falsche Behandlung war das rechte Bein verkürzt, so dass er fortan auf den Stock angewiesen war. Warum er diesen eintönigen Spaziergang machte, dieses unselige Herumtigern, war mir nicht verständlich. Klar war nur eines: Bei diesem Ritual durfte man ihn nicht unterbrechen oder mit Fragen stören, er war am Zählen seiner Schritte, beim vierhundertfünfzigsten Schritt hellte sich seine Miene auf, er würde es bald hinter sich gebracht haben und sich an den Kaffeetisch setzen können.

In unserer Zeit hätte er sich nicht länger mit dem Stock herumplagen müssen. Ihm wäre ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt worden, und statt sich dem mühseligen Ritual des Schrittezählens zu unterziehen, würde er heute am Arm eine Fitness-Uhr tragen, die ihm das Zählen abnimmt. Mein Großvater wäre nie auf die Idee gekommen, seine Patientenakte zu lesen, im medizinischen Fachjargon war er nicht bewandert. Weshalb sollte er sich also die Mühe machen? Noch befremdlicher wäre ihm die Idee erschienen, er könnte selbst zum Autor seiner Patientengeschichte werden. Doch genau diesen Möglichkeiten sehen sich Patienten heutzutage gegenüber. Mit dem Internet eröffnen sich ihnen ungeahnte Wirkungsfelder auf dem Gebiet der Kommunikation über ihre persönliche Leidensgeschichte.

Zu den neuartigen Textformen zählen Erfahrungsberichte mit Medikamenten und Operationen, mit denen Patienten in Online-Foren und Chatrooms um Rat suchen oder selbst als Berater auftreten. In diesen oft nur aus wenigen Sätzen bestehenden Texten artikuliert sich meist ein Widerspruch zu Empfehlungen der Schulmedizin. Es herrscht ein munteres anything goes der Interpretation von Diagnosen und der Therapievorschläge – eine mehr oder weniger gemäßigte Rebellion.

Mit dem Internet hat auch eine weitere Sorte von Texten an Bedeutung gewonnen: das Patientendossier (elektronische Patientenakte), das zwar von Ärzten geschrieben, doch dank der großen, stetig anwachsenden Zahl elektronischer Hilfsmittel, wie Apps und anderer Gadgets, unter aktiver Mitwirkung der Patienten entsteht. Das Patientendossier gleicht einem Fortsetzungsroman, in dem Krisen und rettende Interventionen, Komplikationen und Zeiten der Rekonvaleszenz einander in dichter Folge ablösen können. Die Rolle des Patienten in diesem Fortsetzungsroman ist schwer zu definieren. Doch die Option, selbst handelnde Person zu sein, ist für ihn dabei bestimmend.

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