Maikäfer, flieg! Das Sterben der Arten und das Schweigen der Literaten

Anfang der 1960er Jahre häufen sich auf dem Schreibtisch von Rachel Carson, einer Chemikerin im US-amerikanischen Fish and Wildlife Service in Washington, die Zuschriften aus allen Winkeln Nordamerikas. Mal beredt, mal unbeholfen dokumentieren sie, dass Tierarten, die früher waren, heute nicht mehr sind. Es sind Reaktionen auf das Buch The Silent Spring, in dem Carson 1962 gegen massive Widerstände aus der Industrie den wissenschaftlichen Nachweis führen konnte, dass die flächendeckende Ausbringung von DDT und anderen Insektiziden die Hauptursache für dieses Artensterben war. Historiker lassen die moderne globale Umweltbewegung oft mit diesem einprägsamen Schlagwort vom »stummen Frühling« beginnen.

Auch der anfangs sieche Naturschutz der frühen Bundesrepublik wurde rasch von der Aufbruchsstimmung jenseits des Atlantik erfasst, bis hin zur Einrichtung des ersten deutschen Nationalparks 1970 im Bayerischen Wald. Wenn man Glück hat, erwischt man den heutigen Leiter, Dr. Franz Leibl, auch einmal in einer ruhigen Stunde. Dann erfährt man schnell, was den Niederbayern antreibt, der in der Öffentlichkeit meistens über entlaufene Wölfe, gewilderte Luchse oder im Hochlagenwald wütende Borkenkäfer Auskunft geben muss. Spricht man ihn zum Thema Artenvielfalt an, verdüstert sich seine Miene. Flächenfraß und die radikale Intensivierung der Landwirtschaft hätten zu massiven Populationszusammenbrüchen geführt. »Das einzige Thema aber, das zu einem Umdenken in der Bevölkerung führen könnte, ist die Nitratverseuchung des Trinkwassers.«

Ob wir auf einen neuen »stummen Frühling« zusteuerten, frage ich. »Wir sind doch schon mitten drin. Aber diesmal merkt es keiner mehr«, sagt er lakonisch. In den letzten fünfunddreißig Jahren hat sich die landwirtschaftliche Produktion in Europa verdoppelt. Der Grund hierfür ist weniger ein gestiegener Bedarf in den jeweiligen Ländern, sondern ein Kampf um Gewinnmargen, Agrarsubventionen und Exportmärkte. Dafür wird auf den Feldern verklappt, was die chemische Industrie und der eigene Mastbetrieb hergeben: Stickstoffdünger, Phosphatdünger, Gülle ohne jedes Maß. Die Folgen sind schon lange bekannt: Eutrophierung der Gewässer, Übersäuerung der Böden, Emission von Stickstoffverbindungen.

Während vor einem halben Jahrhundert das Verstummen der Vögel von weiten Teilen der Bevölkerung noch als tiefer emotionaler und kultureller Verlust erfahren wurde, ist für uns heute Natur in der Regel immer schon stumm – allenfalls Hintergrundmusik oder white noise . Rachel Carsons Hauptwidersacher war der Biochemiker Robert White-Stevens, der – wenige Monate nach der Kubakrise – in einem Fernsehinterview im Brustton der Überzeugung sagte: »Miss Carson behauptet, dass das Gleichgewicht der Natur eine wichtige Kraft für das Überleben des Menschen ist; der moderne Wissenschaftler hingegen glaubt daran, dass er die Natur dauerhaft kontrolliert.«

Auch wenn Carson damals als Siegerin aus dem Kulturkampf hervorging, haben sich langfristig White-Stevens und sein Ideal einer von menschlichen Bedürfnissen überformten Landschaft durchgesetzt. Zwar führten die von Carson damals angestoßenen juristischen Auseinandersetzungen 1972 zum Verbot der landwirtschaftlichen Nutzung von DDT. Seitdem jedoch wurde die agrochemische Umstrukturierung der nutzbaren Böden und der zentralen erdsystemischen Phosphor- und Nitratzyklen ungebremst vorangetrieben. In den letzten Jahrzehnten vollzog sich diese Entwicklung explosionsartig und im globalen Maßstab. Die Idee einer totalen und dauerhaften Kontrolle der Natur hat wichtige globale Funktionssysteme, deren erdgeschichtlich gewachsene Stabilität für das Überleben des Menschen entscheidend ist, so verändert, dass sie zu kippen drohen. 1

Dass wir Modernen prinzipiell mehr Vertrauen in die Kontrolle durch die Wissenschaft als in die Kräfte der Selbstregulierungs- und Regenerationsfähigkeit der Natur haben, ist aber nicht, wie White-Stevens suggeriert, eine wissenschaftliche Frage. Es ist vielmehr eine Frage der kulturellen Selbstreflexion. Und es ist eine Frage der letzten Dinge: Worauf darf der Mensch hoffen? Auf einen Gott oder eine Göttin, auf die Resilienz des genetischen Codes gegenüber der Entropie, auf den Erfindungsreichtum der Evolution, auf menschliche Intelligenz und Ingenuität? Aber eschatologische Fragen stehen zur Zeit nicht hoch im Kurs.

Wenn man nicht gerade Bruno Latour heißt. Der hat nämlich in den schottischen Gifford Lectures, die seit 1888 dem Studium der »Naturtheologie im weitesten Sinne des Wortes« gewidmet sind, die Folgen des Naturbilds der Moderne zu Ende gedacht und vom Ende her bedacht. Für Latour zeigt das Anthropozän mit aller Deutlichkeit, dass wir noch nie modern waren und immer noch nicht modern sind. Denn wir verwechseln, in einem Kategorienfehler, Natur und Welt. Der Natur gegenüber spielen wir Gott: Wir halten sie uns als res extensa durch wissenschaftliche Objektivierung vom Hals und verleiben sie uns gleichzeitig als Ressource ein. Dabei merken wir nicht, wie uns dadurch die Welt als bewohnbare Lebenswelt Stück für Stück abhanden kommt. Dieser Denkfehler, so Latour, wurzele letztlich in unserer eschatologischen Faulheit: dem Wunsch, Gott zu spielen, und der Unfähigkeit, als Mensch verantwortlich Welt zu gestalten und damit erst modern zu werden. Die Ökologie, wie sie uns nun in den vielfältigen systemischen Krisen des Anthropozän entgegentritt, ist nicht »das Eindringen der Natur in den öffentlichen Raum, sondern das Ende der ›Natur‹ als eines Konzepts, das uns erlaubt, unsere Beziehung zur Welt zu resümieren und zu pazifizieren … Für die Bewohner des Westens und für ihre Imitatoren hat die ›Natur‹ [als epistemologische Leitkategorie] die Welt unbewohnbar gemacht.« 2

Menschliche Selbstausgliederung

In Zeiten, als Justus Liebig durch Kunstdünger die verheerenden Folgen von Missernten abwenden konnte, als Alexander Fleming durch die Entdeckung von Penicillin das Leid Abertausender Infektionskranker lindern konnte, mögen dieser Naturbegriff und seine metaphysischen Implikationen plausibel gewesen sein. Die Zeiten haben sich aber geändert. Global Player nutzen den Geldsegen demokratisch erwirkter Agrarsubventionen dazu, die landwirtschaftliche Produktivität zunehmend von genetisch verändertem Saatgut abhängig zu machen, das gegen spezifische Herbizide und Insektizide resistent ist. Virologen befürchten seit Jahren den Ausbruch einer epidemischen Infektionskrankheit, weil durch den systemischen Missbrauch von Antibiotika die Resistenz unter Krankheitserregern wächst, die sich überdies in der globalen Mobilitätsgesellschaft viel schneller verbreiten würden als etwa noch die Spanische Grippe vor hundert Jahren. Und die Folgen der Erderwärmung für eine Technosphäre, die ganz und gar auf die Klimabedingungen des letzten Jahrhunderts abgestimmt ist, sind unabsehbar. 3 Unsicherheit macht sich breit darüber, ob der Mensch die spezifische systemische Stabilität, die menschliches Leben evolutionär erst ermöglicht hat, aus eigenen Kräften aufrechterhalten und »kontrollieren« kann.

Latours Kritik an der Externalisierung der Natur aus der Gesellschaft und an den Folgen der Trennung zwischen dem objektivierbaren ökologischen Metabolismus und dem über den Dingen schwebenden Erkenntnishunger der res cogitans richtet sich gegen die menschliche Selbstausgliederung aus dem evolutionären Lebenszusammenhang, man könnte auch sagen: gegen unsere Lebensvergessenheit. Leben aber – das ist die wichtigste Einsicht der wissenschaftlichen Ökologie – bedeutet immer Zusammenleben. Und Fragen des Zusammenlebens sind immer auch Fragen der Kultur. Diese Fragen über das Zusammenleben des Menschen mit anderen Lebewesen, über den menschlichen Platz im Gewebe des Lebens, werden heute meistens als ein rein wissenschaftliches Thema angesehen und aus der kulturellen Selbstbeschreibung des Menschen herausgehalten.

Uns kommen so nicht nur wertvolle feldbiologische Kulturpraktiken abhanden, wir laufen auch Gefahr, den von den Theologen vielbeschworenen »Sitz im Leben« zu verlieren, und das bedeutet, biologisch gesprochen, etwas ganz Konkretes: die Ko-Evolution des menschlichen Lebens mit einer Vielzahl anderer Lebewesen. Wenn wir einen sinnlichen Bezug dazu verlieren, dass unser menschlicher Organismus samt Kognition Teil einer Entwicklungsgeschichte des Lebens in seiner ganzen Vielfalt ist, dann sind wir bei Descartes, für den das Tier nur ein Automat war.

 

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Seit Jahren nun verdichten sich die Anzeichen, dass wir in einer Zeit rasanten Insektensterbens leben. Im Herbst 2017 haben Wissenschaftler unter der Federführung Caspar Hallmanns von der Radboud-Universität in Nijmegen die Daten ausgewertet, die während der letzten 27 Jahre von ehrenamtlichen Insektenkundlern in nord- und westdeutschen Naturschutzgebieten gesammelt wurden. Sie sind zu dem Ergebnis gekommen, dass innerhalb dieses Zeitraums die Biomasse an Fluginsekten um 70 bis 80 Prozent eingebrochen ist. 4 Um die Tragweite dieses Befunds zu verstehen muss man sich die Rolle der Insekten im Gewebe des Lebens vor Augen halten. Sie bestäuben 80 Prozent aller Blütenpflanzen, darüber hinaus zahlreiche Nutzpflanzen, beispielsweise Obstbäume. Mehr als 60 Prozent aller beschriebenen Tierarten sind Insekten. Ihre Anatomie zählt zu den raffiniertesten Anpassungsleistungen an die Lebensbedingungen des Planeten Erde in vier Milliarden Jahren Evolutionsgeschichte. Im Haushalt des Lebens übernehmen sie zentrale Aufgaben, vor allem als Zersetzer, die neue Nährstoffe erzeugen und in den Kreislauf des Lebens zurückführen. Ihr Potential für pharmazeutische Forschung und bionische Technologien ist unermesslich.

Literarische Imagination

Eigentlich fällt in historischen Umbruchsphasen, in denen das Wissen über die deep time menschlicher Geschichte schwer mit biografischer Lebenserfahrung in Deckung zu bringen ist, der literarischen Imagination eine wichtige gesellschaftliche Rolle zu. Das war schon der Fall während der Zeiten, die Karl Jaspers als Achsenzeiten bezeichnete, als frühe Siedlungskulturen im Nahen Osten und Mittelmeerraum dem Konkurrenzdruck von extrem mobilen Reitervölkern dadurch widerstanden, dass sie sich intern immer besser organisierten: durch Bewässerungssysteme und Infrastruktur, durch ein einheitliches Steuerwesen und religiöse Narrative mit mächtiger sozialer Bindekraft. Das war auch bei den großen technologischen Revolutionen der letzten 250 Jahre so, bei den geologischen und evolutionsbiologischen Umbrüchen in den Ordnungen des Wissens im 19. Jahrhundert wie auch den Paradigmenwechseln in der Physik im frühen 20. Jahrhundert.

Davon kann bislang in der Zeit, in der sich die Menschheit ihres einschneidenden Einflusses auf erdsystemische Zusammenhänge bewusst geworden ist, nicht die Rede sein. Die Debatte über das Anthropozän wird in Museumsshows möglichst schmerzfrei wegkuratiert und gelangt über intellektuelle Zirkel selten hinaus. Der Zeitgeist erlegt uns die Bereitschaft zu ständiger Selbstbefragung und Neuerfindung auf. Gleichzeitig verweigert er sich der zentralen Aufgabe der Selbstbefragung des humanistischen Menschenbilds und der Neuerfindung der vorherrschenden sozioökonomischen Organisationsformen.

Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh ist in seinen Berlin Lectures im Herbst 2015 mit dem Versagen der globalisierten Gegenwartskultur angesichts des Klimawandels hart ins Gericht gegangen. Unsere kulturelle DNA sei tief im sozialen Imaginären des 19. Jahrhunderts verwurzelt. Diese DNA sei geprägt von den bürgerlichen Kardinaltugenden des Commonsense, der graduellen Evolution, des Realismus, der Probabilität, des Pragmatismus. In den Varianten des psychologischen Realismus, Ästhetizismus und Modernismus habe sich die Literatur einer Kunst der permanenten Selbstbefragung und Selbstenthüllung verschrieben. Paradoxerweise hat sie dabei an einem neuen Verblendung szusammenhang mitgewebt – an einer Zukunftsillusion, in der die Erfüllung eines jeden individuellen Bedürfnisses nur eine Frage der Güterverteilung, nie aber der Begrenztheit der Materie selbst ist.

In der totalen Auskleidung der Zukunft mit den Wunschbildern eines individuellen projet de vie löst der Mensch seine vielfältigen Bindungen mit dem Gewebe des Lebens. Alles werde, so Ghosh, einer Wahrscheinlichkeitsarithmetik der individuellen Selbstverbesserung untergeordnet, die Schritt für Schritt auch die für die Moderne so wichtige Autonomieästhetik einem graduellen Meliorismus unterordnet. Ästhetische Spielformen des Wunderbaren, Exzentrischen, Monströsen, Unvorhersehbaren, Magischen, die von jeher die literarische Einbildungskraft ausmachten, müssten diesem Diktat der »Uniformität« weichen. Sie stünden folglich, so Ghosh, dem sozialen und ökologischen Imaginären der Gegenwart und Zukunft kaum mehr zur Verfügung (oder nur kurzfristig, wie etwa im lateinamerikanischen Magischen Realismus).

So wird der Klimawandel zum Erkenntnisschock in einer éducation écologique , die aus den Sackgassen dieser psychoökonomischen éducation sentimentale herausführen könnte: In der Konfrontation mit extremen Wetterereignissen »erkennen wir etwas, wovon wir uns abgewandt haben, nämlich die Gegenwart und Nähe nichtmenschlicher Aktanten, mit denen wir im Austausch stehen«. 5 Das intuitive Gespür der meisten Kulturen für die Möglichkeit unvorhersehbarer Ereignisse wurde systematisch ersetzt durch den geradezu stochastischen Glauben an die schrittweise und unbegrenzte Selbstoptimierung der Technosphäre, von der angenommen wird, dass sie auch dem Menschen diene. Alles kann gemanagt werden, indem man an ein paar großen und kleinen Stellschrauben dreht. Da reicht die Fantasie freilich nur noch bis zum nächsten Quartalsbericht, bis zum nächsten Urnengang oder bis zum nächsten Glyphosat-Poker im Europäischen Parlament. Für die geosystemischen Verwundbarkeiten und Eigenmächtigkeiten des Planeten Erde oder für die ökosystemische Eigendynamik der Biosphäre ist in so einem Weltbild kein Platz.

Ghoshs Kritik an der Totalverbürgerlichung der literarischen Imagination im 19. Jahrhundert und deren Globalisierung im 20. ist schlagend, aber doch sehr undifferenziert. Zum einen greift die Fixierung auf den Klimawandel unter Ausschluss all der anderen drängenden globalen Umweltprobleme entschieden zu kurz. Außerdem wird er – trotz oder gerade wegen seines postkolonialen Hintergrunds – zum Opfer eines anglophon verengten Blickwinkels (der sich kleine Abstecher in die frankophone Welt nicht versagt, auch das wiederum ein sehr angelsächsischer Gestus). So erzählt beispielsweise die deutschsprachige Literatur sehr wohl Gegengeschichten zum grand récit des bürgerlichen Meliorismus, und zwar zuhauf: von Herder über Jean Paul, Goethe, Humboldt bis zu den Zweiflern und Verzweiflern unter den poetischen Realisten wie Raabe und Stifter – von den großen lebensphilosophischen Romanexperimenten von Döblin oder Jahnn ganz zu schweigen.

Paradoxerweise werden allerdings solche Stimmen in der Erzählkunst der Nachkriegszeit rarer, also gerade in den 1960er Jahren, als sich langsam eine globale ökologische Reflexivität herauskristallisierte; und im Gegenwartsroman lässt sich allenthalben das von Ghosh benannte Defizit erkennen. Natürlich gibt es Ausnahmen. W. G. Sebalds Die Ringe des Saturn (1995), Christian Enzensbergers Nicht Eins und Doch (2013) oder Raoul Schrotts Erste Erde Epos (2016) inszenieren das Verhältnis von Natur- und Kulturgeschichte auf je eigene Weise radikal neu und leisten damit genau das, was Ghosh einfordert. 6 Peter Handkes Archetext wächst derweil seit Jahrzehnten als wundersame Sprachflechte vor sich hin. Es ist eine Symbiose aus dem Pilzmyzel der Fantasie und den Algen des sinnlich Gegenständlichen und macht, indem er zwischen beiden immer neue Beziehungen stiftet, unsere Kohabitation mit anderen Lebewesen erfahrbar.

Man trifft, wenn man lange genug sucht, auch auf einige beachtenswerte lyrische Ansätze, die sich diesem Ziel verschrieben haben. In Marion Poschmanns Geliehene Landschaften (2016) werden die Leser von Park zu Park geführt: vom Bernsteinpark in Kaliningrad bis zum Park des verlorenen Mondscheins im japanischen Matsushima. In diesen Anthropozän-Parks wird Natur, im hegelianischen Sinn, aufgehoben: in eine andere (Traditionalisten würden sagen, »höhere«) Daseinsstufe überführt; durch ästhetische Prinzipien überformt – und zugleich den instrumentellen Nutzungsformen des Menschen entzogen und damit bewahrt. Geliehen sind die Landschaften von der Regenerationsfähigkeit der Natur, die sie innerhalb der Technosphäre, in der sie wachsen, bezeugen. Geliehen ist ihre ästhetische Gestaltung oft zumindest teilweise aus fremden Natur- und Kulturlandschaften, und geliehen ist die Verheißung eines jeden Parks, die immer erst zur Sprache gebracht werden muss: »Jeder Park voll Vertriebener, Heimweh nach Eden. || Die Leere und ihre Vergehen. So rede, Leere, ich sehe || Dich nicht.«

Poschmann pflegt den Dialog mit Johann Georg Hamann, für den die Schöpfung »eine Rede an die Kreatur durch die Kreatur ist«. Von diesem sprachmagischen Aspekt lässt sie sich leiten, wenn sie, Park für Park, die Versatzstücke unserer Kulturlandschaft renaturiert. Dazu muss sie ihre Leser erst einmal von der modernistischen Fixierung auf die griechische thesei , das vom Menschen Gesetzte, befreien und wieder öffnen für die physis , das Geborene und sich aus sich selbst Zeugende.

Keine zeitgenössische deutschsprachige Autorin hat auf so betörend schöne Weise die Körperlichkeit des Menschen in seiner biosphärischen Wechselwirkung besungen wie Anja Utler in dem Band münden – entzüngeln (2004): »sagst: auch übers feld: zu wachsen || und als ich dich sehe: der hals || ist dir aufgeblüht in die kehle || der hang: durch die schultern || gefallen durchs brust- wie durchs || schlüsselbein knüpft: sich die luft || in die lippen und kurz: wirst das blatt, || zitterst auf unterm gaumen ja || ganz in den knochen höre ich dich«.

Hier folgt jemand dem Leben in seinem Vollzug: interessiert und beteiligt, zugewandt und erwartungsfroh, voller Begierde und Geduld. Kulturelle Demarkierungen werden porös. Die Liebe bricht sich nicht mehr nur petrarkistisch oder brechtisch Bahn, sondern auch biosphärisch. 7

Abgesehen von diesen vereinzelten Experimenten nimmt die zeitgenössische literarische Kultur an den zentralen Themen der politischen Ökologie wenig Anteil. Das gilt für klassische Naturschutzthemen wie Artenschwund, Landschaftszersiedlung und Biotopverlust noch mehr als für die dominanten Themen der Anthropozän-Debatte wie Klimawandel, Bodenerosion und Meeresversauerung. Im Hinblick auf ökologische Fragestellungen ist die literarische Imagination eingeschnürt in ein Korsett aus strengen Sprach- und Diskursregeln: Vermeidung jeder affirmativen Haltung zur Natur, die nichts weiter sei als ein soziales Konstrukt; bloß keine Misanthropie, an der unveräußerlichen Vernunftbegabung des Menschen ist nicht zu zweifeln; Ironie ist in Ordnung, aber bitte keine Satire. (Dabei gab es wahrscheinlich seit der römischen Spätantike kein satiretauglicheres Zeitalter als das unsrige.) Die Freude an der Trauerarbeit, die unsere Kultur ansonsten imprägniert, erstreckt sich nun einmal nicht darauf, dass wir unsere Kinder in die Agrarsteppe eines stummen Frühlings schicken. Unter solchen Bedingungen können keine ökologischen Verlustgeschichten erzählt werden, keine Geschichten über die Gespenster all der verschwundenen Arten.

Die jüngste Studie über das Insektensterben in Deutschland und der publizistische Eifer, mit dem wenige Wochen lang darüber berichtet wurde, halten einige Lektionen über uns bereit: Auch wenn wir ökologischen Aktivisten gerne Katastrophenmalerei und Moralismus vorwerfen, sind es doch nur die Apokalypse und der moralische Zeigefinger, die uns aus unserer Lethargie rütteln: Der Guardian titelte »ökologisches Harmaggedon«, und Einsteins Zitat vom Tod der Bienen als dem Beginn vom Ende des Menschen machte wieder einmal die Runde. Die Krefelder Hobby-Insektenforscher, die in akribischer Kleinarbeit die Daten gesammelt hatten, waren schon früher mit ihren Erkenntnissen an die Öffentlichkeit getreten; ernst genommen wurden sie erst, nachdem sie vom wissenschaftlichen Establishment validiert worden waren.

Dabei hätten wir ohne dieses herausragende Beispiel für citizen science über das Insektensterben in ganz Europa fast keine Daten. Artensterben und Artenarmut werden heute nicht als ein kulturelles Problem gesehen, die meisten erfahren von den kleinen Kataklysmen, die sich vor ihrer Haustüre abspielen, nur aus wissenschaftlichen Statistiken. Man muss kein subtiler Jäger sein, wie Ernst Jünger den sammelnden Feldentomologen oder Lepidopterologen beschrieb, um beim Sonntagsspaziergang zu merken, dass es sogar von Allerweltsarten wie Laufkäfern, Kleinen Füchsen und Tagpfauenaugen weniger gibt als früher. Ganz zu schweigen etwa vom Mondhornkäfer, der mit dem Skarabäus verwandt ist. Und dass es neben der Rackenvogelart Eisvogel auch den auf braunem Untergrund schwarz-weiß-orange-blau irisierenden Edelfalter mit gleichem Namen (Großer Eisvogel) gibt, der sich vorzugsweise in den Kronen blühender Espen und Schwarzpappeln aufhält (bald müssen wir auch hier schreiben: aufhielt), das hat keinen Ort mehr im kollektiven Gedächtnis.

Gerhard Haszprunar, Direktor der Zoologischen Staatssammlung in München – und damit auch Kurator der weltweit größten Schmetterlingssammlung –, macht mit seinen Besuchern gerne kleine Stegreifaufgaben, um die kulturell bedingte Verarmung unserer ökologischen Einbildungskraft zu unterstreichen. Die meisten Besucher können selbst für bestimmte beliebte Tiergruppen wie Singvögel oder Tagfalter höchstens zehn Arten angeben. Untersuchungen zeigten, so Haszprunar, »dass Menschen die Tierwelt um sich herum als intakt ansehen, sobald sie diese zehn Arten – Amsel, Drossel, Fink und Star und so weiter – antreffen. Was an Arten in der Fläche verloren geht, wird nicht als Verlust wahrgenommen.« Für ihn ist offensichtlich, dass dies ursächlich mit der kulturellen Prägung unserer Vorstellungskraft und unseres Wissens zusammenhängt. Der Zusammenbruch der Artenvielfalt auf den großen Agrarflächen ist auch die Manifestation einer kulturellen Krise – die Außenseite unseres verkümmerten sinnlichen Austauschs mit der Mitwelt. »Man sieht nur, was man weiß« notierte bereits Goethe.

Die Hilflosigkeit, mit der die Kommentatoren eingestehen, dass man gegen das Insektensterben nichts tun könne, solange die Ursachen nicht eindeutig erwiesen seien, zeigt überdies, wie stark mittlerweile im öffentlichen Bewusstsein – TTIP hin oder her – das Vorsorgeprinzip ausgehöhlt ist. Denn es wäre selbstverständlich möglich, unter Berufung auf das Vorsorgeprinzip etwa die Ausbringung der Neonikotinoide, die wesentlich für das Insektensterben verantwortlich sein dürften, einzudämmen. Einem Verbot stehen aber nicht nur wirtschaftliche Interessen im Weg, sondern auch der Zeitgeist: Solange nicht eindeutig nachgewiesen werden kann, dass das Zerreißen des Lebensgewebes direkt einem juristischen Subjekt, dem menschlichen Organismus, schadet, übersteigt die Komplexität unser Verantwortungsgefühl.

Dass die immer stärkere Ausdifferenzierung unserer Arbeitswelt zu dem Irrglauben geführt hat, alles sei machbar oder kontrollierbar, solange man es nur auf überschaubare Aufgaben herunterbricht, ist keine fixe Idee esoterischer Ganzheitsapostel. Es ist eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit. Wenn unsere Kultur nicht die Vorstellungs- und Einbildungskraft aufbringt, Gegenwelten zu der unseren Alltag regierenden Logik des technokratischen Meliorismus zu entwerfen, dann wird sie zu dessen Komplizen. Wir finden solche Gegenwelten nicht in der Logik unserer auf Hyperproduktion geeichten Lebenswelten, wir müssen uns diese Gegenwelten durch die Verluste unserer zeitgenössischen Lebensvergessenheit hindurch erst wieder erschließen.

Dieser Text ist ursprünglich im März 2018 in der Print-Ausgabe des Merkur erschienen. Die Übersicht über das Heft und alle Kaufoptionen  finden Sie hier.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Josef Reichholf betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung einer systemtheoretischen Sicht auf die Ökologie. Um einer naiven Vorstellung von »Gleichgewicht« als einer statischen Ordnung vorzubeugen, spricht er von »stabilen Ungleichgewichten« und rückt damit den Aspekt der Resilienz bestimmter Ökosysteme und der erdsystemischen Zusammenhänge in den Vordergrund. Die Zivilisationsgeschichte des Homo sapiens in den letzten 12 000 Jahren ist das Produkt eines solchen erdsystemischen stabilen Ungleichgewichts seit dem Ende der letzten Eiszeit. Vgl. Josef Reichholf, Stabile Ungleichgewichte. Die Ökologie der Zukunft . Frankfurt: Suhrkamp 2008.
  2. Bruno Latour, Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime. Frankfurt: Suhrkamp 2017. Vgl. Niels Werbers kritischen Essay Gaias Geopolitik in: Merkur , Nr. 792, Mai 2015.
  3. Vgl. Lorraine Daston, The Science of the Archive . In: Osiris , Nr. 1, 2012.
  4. Caspar A. Hallmann u.a., More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas . In: Plos One vom 18. Oktober 2017 (journals.plos.org/plosone/article/authors?id=10.1371/journal.pone.0185809).
  5. Amitav Ghosh, The Great Derangement. Climate Change and the Unthinkable . University of Chicago Press 2016.
  6. Auch zeigt der Publikumserfolg der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe »Naturkunden« bei Matthes & Seitz die große Nachfrage nach einer literarischen Aufarbeitung dieser Themen.
  7. Vgl. auch Anja Bayer /Daniela Seel (Hrsg.), all dies hier, Majestät, ist deins: Lyrik im Anthropozän . Berlin: kookbooks 2017.

2 Kommentare

  1. Liebi Anita sagt:

    Zeitgleich zu Ihrem Artikel erscheint in der Neuen Zürcher Zeitung eine Rezension zu Raphael Urweiders neuem Gedichtband „Wildern“ – eine poetische Expedition ins «botanisierte Jetzt» (Hanser Verlag 2018). Michael Braun schreibt in der Besprechungseinleitung: „Wenn sich ein zeitgenössischer Dichter der vegetabilischen Welt annimmt und in der Nachfolge von Wilhelm Lehmanns «grünem Gott» den Reichtum von Flora und Fauna anpreist, dann wird dieser Versuch heute schnell unter Regressionsverdacht gestellt. Das bekam vor einiger Zeit auch der Büchnerpreisträger Jan Wagner zu spüren, als seine verstörenden Naturgedichte maliziös als ein Ausbund an Biederkeit abgetan wurden.“ Da stehen wir nun.

  2. Franz Zeder sagt:

    Da fährt eine Lokomotive über die natürliche Diversität. Sie nennt sich Wirtschaft, und der ist es nie genug. „Hydro Power“ sieht bereits eine Chance, den Naturschutz aus Profitgründen zu verwässern.
    Das Mittel dagegen wüßte jeder:
    Ende der Populationszunahme der Spezies Mensch, Ende der technologischen Lebensraumveränderung. Ein politischer Advokat dafür ist nicht in Sicht.

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