Ein Nachzügler imaginiert die Stadt

Jede Großstadt hat ihren dreckigen Fluss am Stadtrand und ihren ungeliebten Verkehrsknotenpunkt nahe dem Zentrum: In London sind das der River Lea und Elephant and Castle. Der River Lea, sieben Kilometer östlich des Finanzdistrikts gelegen, ist Londons zweiter Fluss und einer der wenigen Zuflüsse der Themse, die noch nicht unter die Erde verlegt wurden. Wie die Bièvre in Paris oder der Llobregat in Barcelona bildet seine Aue ein Gewirr aus schlammigen Wasserläufen und Verkehrswegen, das mit Industrie und Überbleibseln der ruralen Landschaft verwoben ist. Es ist eine ungeplante Landschaft, eine Sammlung von Unfällen. Das Leben verläuft hier zugleich langsamer und vergänglicher als in den angrenzenden Quartieren, fast so, als zöge sich eine geologische Bruchlinie durch die Stadt.

Elephant and Castle ist eine Kreuzung südlich der Themse, wo die von den Brücken kommenden Straßen zusammengeführt werden, bevor sie auf die verschiedenen Hafenstädte an der Küste zusteuern. Sie liegt in der Nähe einer scharfen Flussbiegung, weniger als zwei Kilometer entfernt von der City und von Westminster. Wie die Place de la République in Paris oder der Alexanderplatz in Berlin liegt sie im Herzen eines Arbeiterviertels. Elephant and Castle ist eine zu Tode geplante Stadtlandschaft, ein Mehrebenen-Verkehrsknotenpunkt, umstellt von Beton- und Glasplatten, geordnet und doch beliebig.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde in beiden Gegenden in großem Stil enteignet, abgerissen und rekonstruiert. Getragen war diese Welle urbaner Umgestaltung von der Aussicht auf die makellosen, verführerischen Lösungen, die die Abrisse ermöglichen würden. Doch bei der Übersetzung der Projekte in die Wirklichkeit haben sich die bestehenden Mängel hartnäckig gehalten, während die erhofften Fortschritte bislang auf sich warten lassen. In der kollektiven Psychologie des Londoner Städtebaus im frühen 21. Jahrhundert verdrängen Wunschbilder die komplexen Zusammenhänge städtischen Lebens – das Vorstellungsvermögen des Architekten wird dabei zur treibenden Kraft der Zerstörung.

Zukunftsvisionen

Als die geballte professionelle und institutionelle Vorstellungskraft im Zuge der Vorlage für das Internationale Olympische Komitee auf den River Lea losgelassen wurde, verwandelte sich der schmutzige Fluss kurzerhand in eine pastorale Landschaft. Das spannungsvolle Durcheinander der Realität  wurde größtenteils wegfantasiert, der Rest verschwand hinter suggestiven Bildern von vielschichtiger Harmonie und fließender Mobilität. Die Wege würden eine ausgedehnte und komplexe neue Infrastruktur bilden, die sich auf das Netzwerk der Wasserläufe legt – wie ein sich verästelnder, davonziehender und sich wieder vereinigender versteinerter Fluss. Das neue Sportstadion war als festliches Theater gedacht, an dem alle Wege zusammenlaufen. Obwohl viele der Gebäude gigantische Dimensionen aufwiesen, würden sie sich doch dem Landschaftsdesign unterordnen lassen, in das sie sich allein schon durch ihre begrünten Dächer einfügen würden. Wege, Sportstätten und Wirtschaftsgebäude würden sich allesamt derselben laubförmigen Gestaltungssprache unterordnen:

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