Provenienzen. Über authentische und verdächtige Kunst. Und über Wissenschaft

Lange Zeit hatte die Rückverfolgbarkeit eines Kunstwerks vor allem mit der Suche nach dessen Echtheit zu tun. Die alte Idee des Originalen – spielt man einen Augenblick mit dem Gedanken einer Analogie von Provenienz und Geblüt – erinnerte auch ans Aristokratische, das ja behauptet, es gebe eine Einzigartigkeit, die sich in der Zeit erhält und sichtbar bleibt unter dem historischen Verderb. Einen geradezu idealen Fall beschreibt Marcel Proust im zweiten Band der Suche nach der verlorenen Zeit: In Balbec treffen der Erzähler und seine Großmutter die Marquise de Villeparisis. In ihrer Begleitung genießen sie ein paar Wochen lang die Gegenwart des alten französischen Adels. Eines Morgens trägt die Marquise ein Kollier, das große Bewunderung hervorruft: »Dies Schmuckstück war bereits auf dem Porträt einer von Tizian gemalten Ahnfrau von ihr zu sehen, das immer in Familienbesitz geblieben war. So war man nun wenigstens sicher, dass es ein echter Tizian sei.«

Das darf wohl genealogisches Glück genannt werden: Belegt ist nicht nur das Eigentum der Marquise, Schmuck wie Bild, sondern in ihren Stammbaum ist die Originalität eines großen Künstlers gleichsam eingewachsen: Werk und Familie bestätigen einander wechselseitig und verdichten sich zu einem eindrucksvollen Exemplum des Authentischen.

Natürlich ist der Tizian der Villeparisis ein Ausnahmefall. Der Adel hat Mühe, seine Stammbäume makellos und überschaubar zu halten, und auch was Kunstwerke anbelangt, ist die Geschichte für ihn die große Kraft der Zerstreuung – oder sogar des Verschwindens. Sie disloziert die Werke durch Raub, Tausch und Erbgang, seit dem frühen 18. Jahrhundert auch in einem anonymen Marktgeschehen, sie treibt Nachahmungen und Fälschungen hervor und lässt zu, dass Kunst in Vergessenheit gerät. Was nicht zerstört, gestohlen oder vergessen wurde, ist im Prinzip nachzuverfolgen, sofern Dokumente existieren. Nicht immer dringt die Rückverfolgung bis zur Urheberschaft oder dem Punkt der Erstveräußerung vor, oft kommt aber eine fragmentarische Ahnentafel zustande, so dass Echtheit mit Wahrscheinlichkeit vorliegt. Am Ende bleibt Authentizität ein wenig Glaubenssache, denn auch technisch-naturwissenschaftliche Prüfverfahren können nie Echtheit bestätigen, sondern immer nur Nicht-Echtheit. Am Ende bleibt hermeneutische Intuition oder stilkritische Erfahrung entscheidend, also ein Rest von Autorität und Übereinkunft. Zu keiner Zeit war also das Authentische der Ort einer unumstößlichen Faktizität. Es war allenfalls ein Pol in einem höchst wandelbaren kulturellen Gravitationsfeld, mal sicherer, mal weniger eindeutig zu lokalisieren. Das Feld steht Interventionen offen, und es wird auch von der Überzeugungskraft geprägt, die Wissenschaft ausstrahlt, sowie von den Erwartungen, die von der Gesellschaft an sie herangetragen werden.

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