Bei den Bandar-log. Wunderbare Wiederaneignungen

Als Rudyard Kipling 1893 eine erste Geschichte vom Wolfsjungen Mogli veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, dass er damit die zentrale Figur eines der bekanntesten (und schönsten) Bücher der Weltliteratur geschaffen hatte. Diese erste Geschichte (In the Rukh) erzählte ausgerechnet von Moglis späterem Leben als pensionsberechtigter Forstbeamter im Dienst der britischen Krone. Die erste Generation dieser Forstbeamten, Moglis Dienstherren sozusagen, war noch an der staatlichen Forstakademie in Nancy (Frankreich) ausgebildet worden. Das war sicherlich kein Auftakt nach dem Geschmack der späteren Fans seiner Abenteuer im indischen Dschungel.

Klein-Mogli erlebt diese Abenteuer natürlich vor seiner Verbeamtung, zusammen mit seinen bärenstarken beziehungsweise kraftvoll-geschmeidigen Lehrmeistern Balu und Baghira und der hypnotischen Python Kaa.1 Als ein besonders faszinierendes, gerade in Disneys berühmter Zeichentrickverfilmung von 1967 liebevoll ausgemaltes Abenteuer ist Moglis Entführung durch das Affenvolk, die Bandar-log, in die geheimnisvolle Stadt im Dschungel in Erinnerung geblieben. Diese Episode fehlte natürlich auch in keiner der anderen prominenten Verfilmungen. In der von Zoltan Korda von 1942 in Technicolor schmilzt sie allerdings auf montierte pseudodokumentarische Tieraufnahmen vor Ruinen zusammen. Disneys Trickverfilmung interpretiert vor allem den Auftritt des hier eigens ausgedachten Oberaffen King Louie hinreißend als sinnenraubende jugendverführende Bebop-Nummer schwarzer Jazzer. Die neueste Verfilmung von 2016 führt die Trickmacht der Computeranimation vor. Die Tempelruine sieht dabei aus wie in einer 3-D-Games-Variante von Indiana Jones. King Louie mutiert vom Jazzer zu einer unverhohlenen Hollywood-Adaption von King Kong.

Doch merkwürdigerweise handelt diese unvergessliche Episode in Kiplings Text von etwas ganz anderem: vom Vergessen, vom Unglück der ewigen Gegenwart. Indien war seit 1857, seit dem blutig niedergeschlagenen Aufstand einiger Territorialfürstentümer, Kronkolonie des Britischen Empire und hatte sogar einen Vizekönig. Die Stadt der Affen verfügt über einen »verfallenen Sommerpavillon, für Königinnen erbaut, die schon hundert Jahre tot waren«. Viel mehr als das erfahren wir in der Bandar-log-Episode noch nicht.

Zu erwähnen ist höchstens die Tatsache, dass Kipling selbst wesentlich früher zwei verlassene indische Residenzstädte im Zuge ihrer zunehmend wichtiger werdenden touristischen Erschließung besucht hatte. Erst die Geschichte Des Königs Ankus verrät uns mehr über die Stadt und ihren sagenhaften Reichtum. Die kritische Forschung kam schnell zu dem Urteil, dass die Stadt für Kipling vor allem das Unvermögen der Inder verkörpern sollte, ihre eigene Kultur zu pflegen und zu erhalten. Erst die britische Kolonialmacht habe den Überresten der autochthonen indischen Kultur einen Ort und einen Rahmen gegeben, der sie langfristig zur Zivilisation erhob.

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