Present Shock. Gegenwartsdiagnosen

»Unsere Gesellschaft konzentriert sich auf den gegenwärtigen Moment. Wir erleben alles im Liveticker, in Echtzeit, always-on«, eröffnet Douglas Rushkoff, Schriftsteller, Cyberpunk-Aktivist, Musiker und Medientheoretiker, seine 2013 veröffentlichte Studie Present Shock. When Everything Happens Now. Wenn alles »jetzt« passiert, so Rushkoffs Ausgangsthese, sorgen »neue Technologien und ein veränderter Lebensstil« nicht nur dafür, »dass wir alles immer schneller tun«, sie forcieren zugleich »den Bedeutungsverlust von allem, was nicht gegenwärtig ist  – weil der Ansturm von allem, was genau jetzt passiert, so gewaltig ist.«

Rushkoff ist nicht der erste Zeitdiagnostiker, der die Fixierung auf die Gegenwart als zentrales Problem der heutigen Gesellschaft beschreibt, und er ist nicht der einzige, der die Medien  – und hier insbesondere die weltweite digitale Vernetzung – für die »Kultur des Präsentismus« verantwortlich macht. Seit einigen Jahren erscheinen im Umfeld der Medien- und Kulturwissenschaften auffallend viele Studien, die Veränderungen in der Auffassung von Zeit konstatieren und diese Verschiebung kausal mit dem Prozess der Digitalisierung in Verbindung bringen.

Im Modus einer Zeit- oder eben Gegenwartsdiagnostik, die sich als hybride Wissensform zwischen fachwissenschaftlichen und allgemeinen Diskursen bewegt, wird dabei Gegenwart als dominante Zeitform und dominantes Thema ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. So erweist sich die Konzentration auf den »gegenwärtigen Moment«, die als Problem der Gegenwartskultur in den Blick genommen werden soll, auch als Problem des kritischen Diskurses, der Schnittstellen zwischen Präsens und Präsenz zu konturieren versucht oder mit dem, wie es im Wörterbuch der Brüder Grimm bereits 1897 heißt, »vielfach merkwürdigen wort« Gegenwart ringt.

Als Dirk Baecker vor knapp zwanzig Jahren dem Kulturbegriff das Potential zuschrieb, »den Blick für eine Gegenwart zu schärfen, die wir aus den Augen verloren haben, weil wir in der Vergangenheit jene Absicherung und in der Zukunft jene Möglichkeiten suchen, die uns die Gegenwart vorenthält«, war noch nicht absehbar, dass der Blick auf die Gegenwart nur wenig später ähnlich stark strapaziert werden sollte wie vormals der Begriff der Kultur.2 Mittlerweile wird die von Baecker herausgestellte Einsicht, dass mit dem Kulturbegriff »die Gegenwart überhaupt erst in das Zentrum der Aufmerksamkeit« gerückt werden kann, von einer Dauerfokussierung auf die Gegenwart überdeckt, die nicht in jedem Fall von einem geschärften Blick zeugt. Sie scheint sich vielmehr insofern auf den Begriff der Gegenwart auszuwirken, als dieser in den letzten Jahren derart gedehnt und gewendet worden ist, dass er auch die Rolle jenes Unschärfejokers übernehmen kann, für die zuvor gelegentlich der Kulturbegriff herhalten musste.

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