Intimität. Klangkolumne

Sie hören ein Rascheln. Nicht fern, zu nah fast. Fast unerträglich nah. Ein leichtes Stöhnen, es wird stärker; nun sind andere Materialien zu hören, Kleidungsstücke, Möbelstücke, Schmuck; sie werden in Bewegung versetzt, rhythmisch – sofort stellt sich die Erinnerung an die skurrilsten Exemplare von Italopornos oder BRD-Sexploitationfilmen der sechziger und siebziger Jahre ein. Quietschende Bettgestelle, dumpfe Schläge auf Daunendecken, auf Hautoberflächen. Doch dann, fast unhörbar, ein leises Atmen. Hörbares Schwitzen, Keuchen, fast Flüstern, wieder Atmen, Bewegungen.

Wir befinden uns in diesem Moment auf einer grauen, wenig animierenden Website. Reihenweise werden hier Audiofiles angeboten mit Titeln wie: French-Canadian couple anal; French couple with sex, moans and shivers; College kids fucking; Masturbating multiple orgasms; Cute boy moans oder Quiet Girl. Keine dieser Dateien ziert ein aussagekräftiges Bild. Wir sehen Verlaufsbalken, stilisierte Tasten zum Starten und Pausieren der Klänge; der Hintergrund ist beige, vielleicht ganz zart hautfarben, violette Standardschriften. Die Sachlichkeit der Dateinamen und ihrer Präsentation trifft dabei die Sachlichkeit der aufgezeichneten Handlungen. Das Genre, das hier dargeboten wird, hört auf den Namen »Audioporn«.

Die Erforschung der Pornografie floriert seit gut einem Jahrzehnt, nicht zuletzt manifestiert in Porn Studies, der 2014 gegründeten wissenschaftlichen Zeitschrift. Die Bildsprache des Pornografischen, die Erzähl- und Nichterzählmuster der dargestellten Sexualakte, die Funktionsweisen von Amateurporno-Websites und Virtual-Reality-Applikationen bestimmen mittlerweile den Alltag vieler Netznutzer mehr, als diese sich vielleicht einzugestehen bereit sind. Die Antriebskraft der Forschung ist somit zunächst eine ganz triviale: Was das Alltagsleben so sehr prägt, ist es wert, erforscht zu werden.

Eine entsprechende Motivation bewegt denn auch seit jeher die Sexualwissenschaft, wenn sie das Sexualleben in seinen alltäglichen Aspekten erforscht, darstellt und analysiert – insbesondere in den gesellschaftlich verfemten, verdrängten, verdeckten Praktiken: Praktiken, die gerne im Incognito-Modus des Browsers versteckt werden und die Netznutzung seit Ende der neunziger Jahre anerkanntermaßen nachdrücklich mitvorangetrieben haben. Spätestens seit 2003 ist die übermächtige Datennutzung durch Pornografie sprichwörtlich geworden: The Internet is for porn. Auditive Aufzeichnungen und Klanginszenierungen von erotischen Annäherungen oder auch vom Vollzug diverser Sexpraktiken fristen jedoch nach wie vor eine Randexistenz. Braucht es den Klang zur Erregung weniger? Ist das Hören ein weniger sexueller Sinn? Kann Erregung besser durch Bildreize angeheizt werden? Abgesehen von den Telefonsexangeboten, die erstaunlicherweise nach wie vor die Seiten der Boulevardzeitungen pflastern, erscheint offenbar schon die Vorstellung, sexuelle Erregung allein mithilfe von O-Tönen oder kleinen Sexhörspielen zu befeuern, merkwürdig schrullig bis abstrus.

Tatsächlich entwickelte sich in den letzten Jahren – mithilfe der ubiquitär und günstig zu erwerbenden Technik und Vertriebsmittel – auch auf diesem Gebiet eine Szene von Hörern und Hörerinnen, Produzentinnen und Produzenten. Eine Szene, die allerdings noch weit unterhalb der großindustriellen Unternehmen der klassischen Pornobranche operiert und von deren gigantischen Gewinnspannen höchstens fantasiert.

Die entsprechenden Websites muten daher eher wie vergessene private Archive an, kaum gestaltet, schon gar nicht aggressiv beworben oder monetarisiert; nur wenige der Seiten befleißigen sich einer klassischen Pornobildsprache und der Beschreibungs- und Abbildungstopoi der Bildpornografie: ausschließlich Abbildungen von nackten Frauen, oft mit Kopfhörern, Erzählungen von unerschöpflichem sexuellen Begehren der Frauen und unerschöpflicher Erektionsfähigkeit der Männer, weitgehend nur heterosexuelle Szenarien und Filenamen zwischen »Sound of Creampie« und »Gott, du läufst aus«. Doch selbst auf dieser Seite herrscht das Bemühen vor, den Eindruck von Amateuraufzeichnungen unbedingt beizubehalten: »Keine Fakes auf Audioporno! Audioporno bleibt fakefrei. Für alle, die uns echte private Files schicken wollen. Gern rebloggen wir auch, wenn Ihr uns darauf aufmerksam macht.«
Berührungsnähe

Die deutliche Ausbreitung von Audiopornos wird gerne in Verbindung mit einem anderen Genre diskutiert, das auf den ersten Blick doch denkbar weit entfernt scheint von sexuell anheizenden Darstellungen: das der ASMR-Videos und -Tracks: 1 In diesen Videos führen meist junge, weiße Frauen über einen längeren Zeitraum – zwischen 30 und 120 Minuten – schlichte Handlungen des häuslichen Alltagslebens aus wie etwa Bügeln, Kämmen, Sellerie Essen; ausgedehnt versenken sie ihre Finger und Hände in Slime, streicheln ausdauernd über ihr eigenes Gesicht oder schreiben mit einem Füllfederhalter lustvoll auf dickem Papier.

Diese Handlungen werden hingebungsvoll, zartfühlend und teils mit intensiv animierenden Gesten, Untertönen und Blickwechseln ausgeführt. Diese Videos und Tracks entwickelten sich in den letzten Jahren offenbar zu einem der wichtigsten Genres der Alltagsbegleitung und werden gerne als Einschlafhilfe genutzt oder – eher selten eingestanden – auch zur softerotischen Stimulation durch Klang. Ich lausche dem sanften Flüstern, Rascheln und Schlucken, dem Knacken, Streicheln, Kratzen und Streifen – so ganz nah und unendlich zart, ganz material und dicht am Mikrofon, direkt an meinem rechten oder linken Ohr. Fast schmerzhaft nah, eine Körpererfahrung am eigenen Leib.

Die kalifornische Performance-Studies-Forscherin Emma Leigh Waldron analysiert darum ganz treffend: »ASMR-Videos erzeugen durch die Berührung der ASMRistin eine Kombination aus physiologischem und zerebralem Vergnügen. Und sie berühren uns wirklich: Die digitale Aufzeichnung und Wiedergabe erlauben es, dass die von Olivias Stimmbändern und Fingernägeln erzeugten Schwingungen buchstäblich mein Ohr penetrieren und in meinem Körper resonieren. In solchen vermittelten Formen der Intimität wird die Vermittlung durch Medien zur Erleichterung, da durch Video- und Audio-Streaming unser Kontakt mit der Performerin erst ermöglicht wird, unabhängig davon, wo wir uns gerade befinden in Raum und Zeit.«

Das trifft ins Herz auch der Audioporn-Nutzung: Konsumiert wird eine Klangcharakteristik des intimen Sprechens und Handelns einer Persona, die wie losgelöst von Zeit und Raum erscheint. Eine sexualisierte, weibliche Persona berührt ASMR-Hörer und folgt hierbei dem traditionellen Rollenschema der Sexarbeit, eine intime Situation zu eröffnen, die zumindest temporär von Alltagssorgen, finanziellem Druck, Deadlines und To-Do-Listen befreit ist. Die zartfühlende, durch und durch hingebungsvolle Performance soll den Eindruck erwecken, nur jetzt und hier für Dich persönlich, diesen einen Hörer, stattzufinden: »Ich fang’ erst einmal damit an und streiche mit meinen Händen über Dein Gesicht – um alles an Dir und in Dir zu glätten. All die Probleme Deines Tages, alles, was Dich beunruhigen könnte oder Unruhe verursacht, all das werde ich glätten und ausräumen. Du wirst eine leere Fläche – zum Schlafen, zum Entspannen. Entspannen. Entspannen.«

 

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Das gesamte Arsenal der Verführungs-Performance wird abgerufen – doch die Sexualisierung der Handlungen bleibt implizit. Niemand entblößt Geschlechtsteile, Sexualpraktiken werden nicht ausgeführt, keine Sexspielzeuge, erotische Kleidung oder Möbel werden ausgestellt. Aus gutem Grund können Nutzer und Performerinnen – so das mehrheitliche Geschlechterverhältnis – bestreiten, dass ASMR Pornografie sei. Emma Leigh Waldron: »Die ASMR-Gemeinschaft regelt streng die Inhalte, die in ihren Foren veröffentlicht werden. Dies verdeutlicht die moralischen Untertöne in der rhetorischen Spannung zwischen ›sexuellem Inhalt‹ (mit dem ASMRisten zumeist nicht assoziiert werden wollen) und ›therapeutischem Inhalt‹, der als ein positives Attribut angesehen wird und sich somit als Strategie zur Legitimierung der Sinnlichkeit von ASMR-Videos durch einen medizinischen Diskurs eignet. Die ASMR-Gemeinschaft unterscheidet also kritisch zwischen Sexualität und Therapie und befestigt damit die Ideologie, dass es sich hierbei um Modalitäten des Genusses handeln müsse, die einander wechselseitig ausschließen.«

Unbestritten bei allen ASMR-Performances sind dabei die körperlichen Effekte: suggestive Beruhigung, Sensibilisierung der Epidermis, Betonung des Sensoriums, der propriozeptiven Sinne, von intimen Berührungs- und intensiven Entspannungs- und Erregungssequenzen. Müssen das therapeutisch Hilfreiche und das sexuell Erregende einander aber jeweils unbedingt ausschließen? Im Sinne des Schutzes der Klienten in klassischen Therapien gilt dies mit Sicherheit. Im Sinne eines erweiterten Verständnisses von mediatisierten Berührungen – sei es in ASMR oder im Audioporno – hilft es jedoch, diese Erfahrungen nicht allein als verarmte Formen sublimierter oder verdrängter, »ordentlich« genitaler Sexualität zu begreifen, sondern umgekehrt als eine Erweiterung des Sensoriums, der Empfindungsfähigkeit von Hörern und der körperlichen Empfänglichkeit für die Übertragung intensiver Berührungen. Scheint doch ASMR tatsächlich seine Nutzer in Hör-, Berührungs-, Blick- und Bewegungsempfindungen einzuüben, vielleicht auch therapeutisch und heilsam, die nicht allein genitaler Sexualität vorbehalten bleiben müssen. Heteronormative Klischees verstellen hier wohl eher die sensorische Praxis, die viel grundlegender ansetzt, physiologischer und sensorischer: eine Praxis, die lange in Freudianische Kategorien der polymorphen Perversionen oder des Fetisch abgeschoben wurde.

Die Forschung stellt dieses streng heteronormative Denken aus dem 19. Jahrhundert jedoch zunehmend infrage. Dagegen wird eine polymorphe Plastizität des sexuellen Begehrens im ganzen Spektrum der queeren Präferenzen, der Objektwahlen und der Idiosynkrasien im Einzelfall betont. Das rein »›genitale‹ Geschehen« erscheint dann eher als ein »immer wieder reaktualisiertes Potenzial zur sexuellen Befriedigung im Rahmen einer Objektbeziehung«. 2 Genitale Sexualität ist somit nur eine Option der Idiosynkrasien aus Geilheit und Begehren – und ASMR erfüllt ganz offensichtlich starke sexuelle Bedürfnisse jenseits des Genitalen.

Stimmerregung

Was in ASMR in Einzelfällen als Softerotik erscheint, ist in Audiopornos der einzige Gegenstand: Berührungen und Handlungen, sanft geflüsterte Ausrufe, Begleitgeräusche sexueller Praktiken. Diese Aufnahmen zeichnen sich durch zwei Merkmale aus: zum einen durch eine extrem nahe Mikrofonierung und zum anderen durch eine meistenteils gezielt unterlassene Rahmung der Situation.

Das erste Merkmal ergibt sich scheinbar direkt aus der Intimität der aufgenommenen Situation. Sexualakte aus der Ferne aufzunehmen ist wenig sinnvoll, eine Aufnahme durch ein Mikrofon neben dem oder direkt am Körper der Protagonisten erscheint fast zwingend. Durch diese Aufnahmetechnik können Klänge der Haut, der Bewegung, des Schweißes, der Sekrete eingefangen werden, die auditive Pornografie offenbar dringend braucht. Während visuelle Pornografie durch Abbildung von feuchter Haut und erigierten Schwellkörpern die Erregung der Protagonisten darstellen will, so geschieht dies bei auditiver Pornografie vor allem durch Aufnahmen der Epidermis, kaum hörbares Seufzen, Stöhnen und Gewichtsverlagerungen der beteiligten Körper.

Das zweite Merkmal, die unterlassene Rahmung, ist zunächst einmal das klassische Kriterium für Pornografie in der Rechtspraxis: »eine grobe Darstellung des Sexuellen, die in einer den Sexualtrieb aufstachelnden Weise den Menschen zum bloßen (auswechselbaren) Objekt geschlechtlicher Begierde degradiert, wobei das Kriterium der aufdringlich vergröbernden, anreißerischen, verzerrenden, unrealistischen Darstellung, die ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensäußerungen bleibt, von Bedeutung ist«. 3

Dieser fehlende Sinnzusammenhang nun ist aber gerade die Voraussetzung für Enthemmung, Aufreizung, Überwältigtwerden von sexueller Gier, das Übereinanderherfallen, das pornografisch gezeigt und nutzbar gemacht werden soll. Fehlende Rahmung und körpernahe Aufnahme sind den Hörerinnen und Hörern allerdings nicht unvertraut, seit längerer Zeit sind genau diese beiden Merkmale in Pop-Produktionen etabliert. Seit der Verfeinerung der digitalen Aufnahmetechnik in den 1990ern ist es gängige Praxis, die Stimmen von Sängerinnen und Sängern möglichst körpernah aufzunehmen, um den Eindruck einer größtmöglichen Intimität zu erwecken. Atmen und Schmatzen, Schlucken und Räuspern gelten seitdem kaum mehr als Fehler in einer Aufnahme, sondern sie markieren extreme Nähe, intensive Bezugnahme, die überraschende Einladung zu intimer Begegnung.

Das galt bereits für das Tremolo von Elvis Presley und die sonore Bewegtheit der erregten Kopfstimme von Prince. Heute ist das zu hören etwa auf Headphones von Björk (aufgenommen außerhalb eines reflexionsarmen Studioraums, die Sängerin allein beim nächtlichen Strandspaziergang), auch in den anrührenden Balladen oder Introspektionsliedern von Joanna Newsom oder Anohni (alias Antony Hegarty). Die besondere Spannung, Gelassenheit oder Erregung überträgt sich durch die schleimgeschützten, über den Muskel geschichteten und schnellschwingenden Stimmlippen im Kehlkopf. Ich höre eine singende Persona – und ich meine darin umgehend den Körper, der hier singt, die Art sich zu bewegen, die diesen Sänger oder diese Sängerin auszeichnen, wie unmittelbar neben mir, an mir, in mir zu erleben. 4

Offenbar materialisiert eine Stimmaufzeichnung sehr glaubhaft die Nähe der aufgezeichneten Person. Das Begehren einer Sängerin oder eines Sängers, Gegenstand der Bewunderung von Primadonnen und Croonern, Toastern, Rappern oder Stimmakrobatinnen, dieses Begehren verwirklicht Nähe schon im schieren Zuhören: Du singst so schön, als wärst Du bei mir – als wäre alle Entfernung überwunden.

Diese Begehrenspraxis der Stimmerregung speist mutatis mutandis auch eine Leseperformance, die von Thomas Meinecke in Selbst literarisch erzählt wurde: »HYSTERICAL LITERATURE, Session Two, Alicia (Official). Hi. I’m Alicia. I am reading Song of Myself from Leaves of Grass by Walt Whitman … Dann stiehlt sich mehr und mehr ein Lächeln auf Alicias Züge. Homer: Zugleich scheint sie etwas zu schmerzen. Nach circa fünf Minuten Laufzeit hat Homer das Surren endlich auch vernommen. Eher ein Rattern, findet er. Clayton Cubitt (respektive dessen Assistent) ist wohl versehentlich mit seinem Vibrator an Alicias Stuhl gekommen, sagt Henri und hat Homer damit augenblicklich verraten, welches Spiel in den Clips namens Hysterical Literature gespielt wird, das Holz respektive das Metall wirkt als Resonanzkörper.« 5

Eine grobe Darstellung des Sexuellen, die in einer den Sexualtrieb aufstachelnden Weise den Menschen zum auswechselbaren Objekt geschlechtlicher Begierde degradiert, ist auf diesen Videos tatsächlich nicht zu sehen; die Frauen (notabene: Es sind auch hier stets Frauen) sitzen am Lesetisch weder in Alltags- noch in Erotikbekleidung. Das Kostüm suggeriert hier tatsächlich eine Lesung, vielleicht mit Publikum, doch in jedem Fall in Darstellungsspannung, der Auftrittsort soll nicht intim und privat erscheinen.

Damit aber ist die Szenerie zur potentiellen sexuellen Transgression ins Pornografische hinein bereitet: keine Fallhöhe, sondern eine Entblößungsspannung. Die Leserinnen lesen offiziös und gesammelt, bevor die mutmaßlichen Effekte der Vibratornutzung sie Haltung verlieren lassen. Thomas Meinecke: »Bei allem Verabredungscharakter bleibt doch unklar, ob Alicia wirklich gekommen ist, sagt Henri. Sowohl er als auch Homer haben bereits erlebt, in Zweifel gezogen zu haben, ob die Frau, mit der sie soeben geschlafen haben, tatsächlich als befriedigt zu betrachten sei. Zudem befällt sie ein Gefühl der Scham. Selbst wenn Alicia ihren Orgasmus nur vorgetäuscht haben sollte, fühlen sich Henri und Homer wie VOYEURE. Und es verstreicht mindestens eine Viertelstunde, ehe sie sich die anderen Videos dieser fragwürdigen Serie (Stoya, Danielle, Stormy, Teresa, Solé und Amanda) ansehen.«

Dieses Begehren, das Thomas Meinecke hier literarisch inszeniert, nämlich herauszufinden, ob tatsächlich ein »echter« und »belegbarer« Orgasmus stattgefunden haben mag, dieses Begehren der zumindest ansatzweise wohl auch erregten Betrachter ähnelt der Frage, ob es sich bei ASMR nicht eigentlich um eine verdrängte und verquaste Form der Sexualität handeln mag. In beiden Fällen wird von zweifelnden Betrachtern beharrlich auf einen expliziten Beleg der wahren Empfindung, der echten Erregung gedrungen. Im heteronormativen Porno gilt darum allein der Cumshot – vulgo: Moneyshot. Das Sperma muss visuell dokumentiert und daher in jedem Fall außerhalb des Körpers eines Sexualpartners sichtbar bleiben.

Intime Reflexe

Während (Bewegt)Bildpornografie diese Norm in der Regel stützt, entfällt sie bei Audioporn. Performanzskepsis und Authentizitätszweifel werden von heteropornormativer Seite darum auch sorgenvoll debattiert: Sind hier denn auch wirklich Sexualakte zu hören – oder spielen die das nur vor? Wo kein visueller Beleg vorliegt, da kann schließlich kein Sex stattfinden – oder doch? Ist es nicht just solch uneindeutig angeregte körperliche Vorstellungskraft, die intime Annäherungen begleitet, bestärkt und sensorisch bahnt? Eine ambivalente Drift der Einbildungskraft verkörpert diese Erregung. Wer Audiopornos zu genießen vermag, der oder die genießt, wie Stimm- und Körperperformances eine Intensität der Körpererfahrung, der Sinneserregung darstellen, vorzeigen und (wissentlich oder unwissentlich) auf die Hörenden übertragen.

Diese Laut- und Erzählperformances schöpfen die zuvor erwähnte Entblößungsspannung ganz aus; sie suggerieren und inszenieren eine Situation des Belauschens und des Teilhabens an Intimität und verborgener Sexualpraxis anderer: Im Klang entblößen sie sich, das erregt Hörende. In Bildpornos wird ein ganzes Brimborium an Szenerie und Dialog erwartet, das man in Audiopornos gar nicht erst vermisst.

Es bleiben sensorische und sonische Akte: Ich höre intime Reflexe. Seiten wie Pillowtalk (»vanilla and erotic amateur audio recordings of yourself as well as any consenting partner«)  oder Gone Wild (»amateur erotic audio recordings that are intended to be sexually stimulating or titillating to the listener or the submitter«)  zeigen solche Intimreflexe; besonders eindrucksvoll und suggestiv in den Klanginszenierungen, den poetisch radiophonen Kurzhörspielen von The Heart: »For the next 24 minutes I want you and me to forget that the world exists. Open your eyes, look at the world. And I want you to close them on three. One; two; three: doesn’t exist! It’s just me and you. I don’t know about you, but – I was kind of lonely before I fell asleep.«

Die Hörstücke auf The Heart sind alles andere als Pornografie; sie erinnern klangästhetisch eher an die komplexeren Introspektionshörspiele der deutschsprachigen experimentellen Tradition (die es in dieser Extremform und Vielfalt kaum anderswo gibt oder je gegeben hat). Wie in ASMR wird die Entblößungsspannung weitgehend ausgeschöpft, indem die Sprecherin oder die Sprecher ihre Obsessionen und Selbstzweifel ob der eigenen Sexualpraktiken, dem Sexualleben, der Sexualperformance und der eigenen Positionierung im Gefüge gegenwärtiger Erwartungen, anerkannter oder abweichender Formen von Sexualität unaufhörlich artikulieren, befragen und dadurch eben: entblößen.

Wir hören auch intime Reflexe – Berührungen der Haut, angespanntes Atmen, Keuchen, Flüstern –, vor allem aber lauschen wir den intimen Reflexionen ihrer Protagonisten. Ambivalente Selbstwahrnehmungen zur eigenen Anspannung oder Unerregbarkeit, zum Hingezogensein zu Überraschendem, zum Desinteresse an Vertrautem, zur Scheu vor Begegnung, zur Unsicherheit ob Intentionen. Kategorien öffnen sich, eine sprechende Persona öffnet sich, Klänge und offene Fragen, Flirtgespräche und Trennungswortwechsel durchdringen einander – ein Gefüge aus Körpererinnerungen und Begehren, Vereinzelung und Verbundenheit.

Sexuelles Begehren, ob heteronormativ genital oder idiosynkratisch und polymorph wird zweifelnd, zögernd, wankelmütig und starrsinnig ausgestellt: »It’s just me and you. I don’t know about you, but – I was kind of lonely before I fell asleep.«

Eine erstaunliche Einladung: Ich kenne Dich nicht, ich werde Dir nie nah begegnen, und ich teile doch mit Dir meine Unsicherheit über mich, mein Begehren, meine Sorge und meine Obsessionen plötzlicher Nähe, geteilter Sexualität.

Dieser Text ist ursprünglich im April 2018 in der Print-Ausgabe des Merkur erschienen. Die Übersicht über das Heft und alle Kaufoptionen  finden Sie hier.

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. ASMR steht für »Autonomous Sensory Meridian Response«. Vgl. Dominic Pettman, Sonic Intimacy. Voice, Species, Technics (Or, How to Listen to the World). Stanford University Press 2017.
  2. Susann Heenen-Wolff, Die »genitale« Sexualität. Versuch der Dekonstruktion eines normativen psychoanalytischen Konzepts . In: Journal für Psychoanalyse , Nr. 57, 2016.
  3. Duden Recht A-Z. Fachlexikon für Studium, Ausbildung und Beruf. Berlin: Bibliographisches Institut 2015.
  4. Vgl. Holger Schulze, The Sonic Persona. An Anthropology of Sound. London: Bloomsbury Press 2018.
  5. Thomas Meinecke, Selbst. Berlin: Suhrkamp 2016.

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