Reden zum Fenster hinaus. Schrift und Funk in Brest-Litowsk

In memoriam Cornelia Vismann

Irgendwann in der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, in der »das Salz der Erde«, so Genosse Sokolnikow am 24. Januar 1918, von Westen nach Osten gewandert ist: Frankreich 18. Jahrhundert, Deutschland 19. Jahrhundert, jetzt Russland – irgendwann in dieser Weltgeschichte kommt Die Nacht, die entscheidet. 1

Eine neue Macht reibt sich die Augen

Was geht da vor sich, in einer Stille, die »schrecklicher ist als alle Donner der Welt«? 2 Zuerst die Besetzung aller Kommunikationszentralen: »Post, Telegraph, Staatsbank«. Curzio Malaparte nennt es Staatsstreich.

Trotzki in seiner ausführlichen Malaparte-Kritik setzt dagegen: Die Massen hätten alle Kommunikation in sich aufgenommen, ja sie seien identisch mit ihr. Die Folge davon: Die Machtergreifung ist unsichtbar, denn die Massen selbst sind unsichtbar. »Die Arbeiter brauchten nicht auf die Straße zu gehen … die unsichtbaren Massen gehen … mit den Ereignissen. Betriebe und Kasernen verlieren nicht eine Minute die Verbindung mit den Bezirksstäben, die Bezirke mit dem Smolny.« Das Geheimnis der Nacht ist also: höchste Verbindungsdichte. Und das heißt nicht nur, wie Trotzki sagt, »telephonisch beobachten«, also unmittelbaren Telefonkontakt mit der ganzen Garnison halten und Funksprüche absetzen. Verbindungsdichte ist nur möglich, weil es die unsichtbar Vielen sind, die diese Dichte herstellen und tragen.

Bei den Subjekten kommt das vor allem als Schlaflosigkeit an. Tagelang schläft man nicht, alle bekommen eine graugrüne, übernächtigte Gesichtsfarbe und entzündete Augen, die Zimmer sind vollgeraucht, und vor allem: Die Kragen sind schmutzig, wie Lenins Schwester als Erste bemerkt. Trotzki: »In den Bewegungen, in den Worten war etwas Somnambulisches, Mondsüchtiges, einen Augenblick schien es mir, daß ich selbst dies alles nicht wachend wahrnähme«. 3 Und dann diese Angst, die Revolution zu verlieren, wenn sie nicht endlich ausschlafen und saubere Kragen bekommen würde! Schließlich wird bei Trotzki die Revolution als Ganze zum Unbewussten der Geschichte. »Das höchste theoretische Bewußtsein der Epoche verschmilzt in solchen Augenblicken mit der unmittelbaren Handlung der zutiefst unterdrückten und der Theorie am fernsten stehenden Massen.«

Wie aber sieht der Tag danach aus? Am 26. Oktober (alter Stil):
– morgens ein Zeitungsaufruf
– dann um 10 Uhr vormittags der berühmte Funkspruch vom Panzerkreuzer Aurora, dem, so die offizielle russische Geschichtsschreibung der 1960er Jahre, »ersten Dokument der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution« 4
– um 12 Uhr die Besetzung der Funkstation von Novaja Gollandia, einer Funkstation in der Stadt
– um halb drei nachmittags die Sitzung des Petrograder Sowjets und dann
– um viertel vor elf nachts die Eröffnung des Zweiten Gesamtrussischen Kongresses der Sowjets.

Er beginnt mit dem ersten Dekret der neuen Macht, dem berühmten »Dekret über den Frieden«, das von Lenin vorgelesen und dann von ihm zweifach kommentiert wird. Mit diesem Dekret, das Lenin auch einen »Aufruf« (obraschtschenije) nennt, beginnt erstens die neue Macht ihre Form anzunehmen, das heißt: auf alle Fragen mit Dekreten zu antworten. Zweitens setzt das erste Dekret eine Rahmenbedingung der neuen Macht: die Frage von Krieg und Frieden. Sie vor allem wird das Folgende leiten.

Für Trotzki haben die Dekrete der ersten Periode, die manchmal auch »Gesetze« heißen, »mehr propagandistische als administrative Bedeutung. Lenin beeilte sich [in den Dekreten], dem Volke zu sagen, was die neue Macht sei «.  5 Die Dekrete kommen aus der »größten gesetzgeberischen Improvisation«. Weil es bei den Sitzungen des Rats der Volkskommissare nicht viel Zeit gibt, schickt Lenin »den Teilnehmern der Beratung kurze Zettelchen, mit dem Wunsch um die eine oder andere Auskunft. Diese Zettelchen bildeten ein sehr umfangreiches und sehr interessantes schriftliches Element der gesetzgeberischen Technik des Lenin’schen Sowjets.« Leider sei der meiste Teil nicht aufbewahrt, weil die Antwort auf der Rückseite stand und die Zettelchen vom Vorsitzenden sofort vernichtet wurden. Trotzki sieht die Dekrete in ihrer Gesamtheit vor allem als Monument: Sie seien dazu da, »das Geschehene in der Vorstellung der Massen zu befestigen«. Von Anfang an sei Lenin darauf bedacht gewesen, »möglichst viel revolutionäre Denkmäler« aufzustellen: Büsten und Gedächtnistafeln in allen Städten und Dörfern und Klassikerausgaben. Es geht also um den Ausgang aus dem Somnambulismus. Denn im »Getümmel der schnellen Entscheidungen« (Vismann) weiß die Revolution nicht, was sie ist, was sie tut.

Diese monumentale Schriftlichkeit wird sich als mediale Grundtatsache der »Sowjetmacht« durchhalten, etwa bis zur berühmten Lenin-Gesamtausgabe . Sie ist ein Text als Monument, ein Staatsakt als Buch und tritt so auf: »Wladimir Iljitsch Lenin, Bericht über die Tätigkeit des Rats der Volkskommissare auf dem VIII. Gesamtrussischen Sowjetkongreß, 22.–29. Dezember 1920. In: W. I. Lenin, Werke, herausgegeben auf Beschluß des IX. Parteitages der KPR(B) und des II. Sowjetkongresses der UDSSR. Die deutsche Ausgabe erscheint auf Beschluß des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und wird vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED besorgt, Berlin, Dietz Verlag, 1959, Band 31, April-Dezember 1920.«

Dekrete als Monumente, die sagen, was die neue Macht ist , diese Fata Morgana der Bewusstheit ist auch dem Dekret über den Frieden selbst eingeschrieben. Sein Eckstein ist das Angebot von Friedensverhandlungen ohne Bedingung, über alles und ohne Ultimatum. Ja, die kriegführenden Staaten müssten nicht einmal die neue Macht anerkennen. 6 Nur so – das verteidigt Lenin immer wieder – könne man den Gegner zum Verhandeln »zwingen«. Außerdem führe jedes Ultimatum auf eine Geheimhaltung, doch jetzt sollen und »werden alle davon erfahren«, von jedem Schritt der Verhandlungen. Aber ist es nicht das Eingeständnis einer Schwäche? Nein, wir räumen auf mit der »bürgerlichen Heuchelei von der Stärke eines Volkes«. Die Stärke der neuen Ordnung ist nicht, den Massen befehlen zu können, dass sie in den Krieg gehen. »Unser Begriff von Stärke ist ein anderer. Nach unseren Begriffen ist es die Bewußtheit der Massen, die den Staat stark macht. Er ist dann stark, wenn die Massen alles wissen, über alles urteilen können und alles bewußt tun.« 7 Aber wie entsteht das Wissen der Massen, dieser, modern, »Transparenztraum«? 8 Seine medialen Bedingungen sind selbst geschichtlich. Lenin: »Wir leben nicht im tiefen Afrika, sondern in Europa, wo alles schnell bekannt wird«.

Die neue Macht handelt

Das ist alles gut und schön. Aber wie handelt die neue Macht? Denn schon das »Dekret über den Frieden« generiert lauter instabile Situationen. Seine medialen Forderungen lauten: sofortige Veröffentlichung aller Geheimverträge und Abschaffung der Geheimdiplomatie. Denn »verhandeln« heißt (bei Lenin) ab jetzt: »offen vor dem ganzen Volk handeln«. Aber alles Verhandeln ist nun an eine prekäre Adresse gerichtet: sowohl an Regierungen als auch an die Völker. Das ist leichter geschrieben als getan. Seit dem 26. Oktober funkt Lenins privater Funker, Nikolai Dozhdikow – in der DDR sogar Held von Kinderbüchern –, 9 mehrmals täglich und irgendwann von Zarskoje Selo aus das Dekret, die Österreicher fangen es ab, der Eiffelturm empfängt es. Nach zwei Wochen Stabilisierung der Macht, also Kampf gegen Kerenski, Sicherung der Telegrafenstation Zarskoje Selo, Ausbruch aus der Isolation von Petrograd, entlang der Bahn- und Telegrafenlinien, dann am 8. November 1917 der, wie manche sagen, erste Akt der neuen Macht nach außen: ein offizielles Waffenstillstands- und Friedensangebot per Funkspruch. Gleichzeitig aber geht ein Funkspruch an den Oberbefehlshaber der Armee General Duchonin im Hauptquartier in Mogiljow. Er soll die feindlichen Armeen zum sofortigen Waffenstillstand auffordern und außerdem »ununterbrochen auf direkter Drahtleitung« dem Sowjet der Volkskommissare über den Fortgang der Dinge berichten. Eine Antwort aus Mogiljow bleibt aus.

Dann am 9. November um zwei Uhr nachts meldet sich der Rat der Volkskommissare – Lenin, Trotzki und der neue Oberbefehlshaber Krylenko – über direkte Leitung bei Duchonin. 10 Direkte Leitung heißt: Hughes-Apparat.

»Ist der Oberkommandierende am Apparat?«
»Hier Dietrichs.«
»Seien Sie so freundlich und bitten Sie den amtierenden Oberkommandierenden an den Apparat. Wenn General Duchonin dieses Amt nicht ausübt, so wollen Sie, bitte, die Person an den Apparat rufen, die ihn gegenwärtig vertritt. Soweit uns bekannt ist, hat General Duchonin sein Amt noch nicht niedergelegt.«

Antwort des Hauptquartiers: »Der amtierende Oberkommandierende General Duchonin hat bis 1 Uhr nachts auf sie gewartet, jetzt schläft er. Der Apparat funktionierte nicht, dann war er durch eine Verbindung des Hauptquartiers mit dem Generalquartiermeister besetzt.«

»Können Sie uns sagen, ob Sie das Funktelegramm des Rats der Volkskommissare erhalten haben, das um 4 Uhr abgegangen ist, und was getan wurde, um die Anweisung des Rats der Volkskommissare auszuführen?«

Antwort des Hauptquartiers: »Es ist ein wichtiges Staatstelegramm, ohne Nummer und ohne Datum eingegangen. General Duchonin hat deshalb an General Manikowski eine Anfrage hinsichtlich der notwendigen Garantien gerichtet, die die Echtheit des Telegramms bestätigen.«

»Was hat Manikowski auf diese Anfrage geantwortet, und um wie viel Uhr und in welcher Weise ist sie erfolgt: durch Funk, telefonisch oder telegrafisch?«

Antwort des Hauptquartiers: »Es ist noch keine Antwort eingelaufen, vor einer Stunde ist gebeten worden, die Antwort zu beschleunigen.«

»Ich bitte um genaue Angabe, wann und auf welchem Wege die erste Anfrage abgegangen ist? Geht das nicht schneller?« – usw. …

Es geht damit weiter, dass nicht der Apparat, sondern Duchonin für voll verantwortlich erklärt wird für die Verzögerung einer so wichtigen Staatsangelegenheit. Petrograd fordert: Er soll morgen »Punkt 11 früh am Apparat erscheinen«. Daraufhin weckt Dietrichs den General sofort.

»Am Apparat der zeitweilig amtierende Oberkommandierende, General Duchonin.«
»Hier die Volkskommissare, wir warten auf Ihre Antwort.«
»Da ich aus dem mir soeben übergebenen Telegrammstreifen des Gesprächs … mit Ihnen ersehe, daß Sie der Absender des mir zugegangenen Telegramms sind …«. Darum , so Duchonin, benötige er noch einige Informationen betreffs Antwort auf das Dekret, rumänische Armee, das Vorhaben separater Waffenstillstandsverhandlungen.

Nach einigem Hin und Her schließlich Duchonin: »Ich begreife nur, daß unmittelbare Verhandlungen mit den Staaten für Sie unmöglich sind. Um so weniger ist es mir möglich, sie in Ihrem Namen zu führen. Nur eine zentrale Regierungsmacht … kann für die Feinde genügende … Bedeutung haben, um diesen Verhandlungen Autorität zu verleihen.«

Und dann aus Petrograd der telegrafische Staatsakt: »Im Namen der Regierung der Russischen Republik, im Auftrag des Rats der Volkskommissare entheben wir Sie ihres Amtes …«.

Es ist gut zu sehen, wie hier die neue Macht noch unsicher handelt. Sie ist sich ihrer und ihrer Medien noch nicht ganz gewiss. Genauer gesagt: Wie macht man aus kriegerischen Medien, also Draht- und Funken-Telegrafie, »Staatsmedien«, um mit Cornelia Vismann zu sprechen? Wie geht die Autorisierung vor sich? Vor allem die Funken-Telegrafie scheint alles neu aufzumischen. Man kann sich auf das neue Medium als autoritätsgebend noch nicht verlassen. Wie eben auf jedes neue Medium kein Verlass ist, vor allem in Fragen der Autorität.

(…)

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Die Sitzung des ZK der RSDRP am 24. Januar 1918 (Protokoll). In: Winfried Baumgart /Konrad Repgen (Hrsg.), Brest-Litovsk . Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1969.
  2. Leo Trotzki, Geschichte der russischen Revolution. Oktober-Revolution. Berlin: S. Fischer 1933.
  3. Leo Trotzki, Mein Leben. Versuch einer Autobiographie. Berlin: S. Fischer 1930.
  4. In der Lenin-Gesamtausgabe ist der Funkspruch als mehrfach durchgestrichenes Gekrakel von Lenins Hand auf einem Zettel reproduziert. Wladimir Iljitsch Lenin, Werke. Bd. 26. Berlin: Dietz 1961.
  5. Hier und im Folgenden zit. n. Trotzki, Mein Leben. Hervorhebungen Peter Berz.
  6. Vgl. Funkspruch von Lenin und Trotzki An die Völker der kriegführenden Länder vom 28. November 1917. In: Der Friede von Brest-Litowsk. Ein unveröffentlichter Band aus dem Werk des Untersuchungsausschusses der Deutschen Verfassunggebenden Nationalversammlung und des Deutschen Reichstages. Bearbeitet von Werner Hahlweg. Düsseldorf: Droste 1971.
  7. Schlußwort zur Rede über den Frieden. In: Lenin, Werke. Bd. 26.
  8. Vgl. Manfred Schneider, Transparenztraum. Literatur, Politik, Medien und das Unmögliche. Berlin: Matthes & Seitz 2013.
  9. Erwin Bekier, Die Telegraphenschlacht. Berlin: Kinderbuchverlag 1969.
  10. Gespräch der Regierung über direkte Leitung mit dem Hauptquartier, 9. (22.) November 1918. In: Lenin, Werke. Bd. 26.

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