Auf Sendung

Der Zug fährt pünktlich ein. Du stehst am Gleis und siehst, wie sich jemand vor den einfahrenden Zug wirft. Rote Jacke, blonde Haare. Der Zug überrollt die Person, wird langsamer, hält an. Leute strömen an dir vorbei. Du weißt nicht, was du tun sollst. Du läufst in die andere Richtung, durch die Glastür in die Bahnhofshalle. Der Schalter der Auskunft ist frei, und drei Angestellte in Uniform unterhalten sich. Du unterbrichst ihr Gespräch und sagst, dass sich auf Gleis eins gerade jemand vor den Zug geworfen hat. Die drei werden bleich. Und das am frühen Morgen, stöhnt einer. Der hinter dem Tresen sitzende Bahnmitarbeiter ruft in der Zentrale an, sie ist schon informiert. Durch die Glastür siehst du immer mehr Menschen in Richtung des Zugs laufen. Warum laufen die denn da jetzt alle hin, fragt der älteste der drei Männer. Du trittst einen Schritt zurück und schaust auf die Anzeige unter der Decke. In siebzig Minuten sollst du im Funkhaus sein, in neunzig Minuten beginnt die Sendung.

Wahrscheinlich musst du eine Zeugenaussage machen, weil du gesehen hast, wie sich jemand vor den Zug warf. Flink mit einer Vorwärtsrolle, direkt vor den Zug auf die Gleise. Kaum war die Person auf die Gleise gesprungen, rollte der Triebwagen über sie. Einen Schrei hast du nicht gehört. Vielleicht standest du zu weit weg, vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig Meter. Aber auch wenn du keine Zeugenaussage machen musst, weißt du nicht, ob du jetzt ins Funkhaus gehen kannst, gehen sollst. Ob das Sinn hat, gleich in einer Sendung aufzutreten, live. Deine Fahrkarte ist schon abgestempelt. Wahrscheinlich wirst du es nicht mehr rechtzeitig ins Funkhaus schaffen.

Zwei der drei Bahnmitarbeiter sind verschwunden. Einer sitzt noch da, leichenfahl, mit dem Rücken zum Gleis, und blickt immer wieder ängstlich über seine Schulter. Du trittst zu ihm und entschuldigst dich. Du sagst, dass du einen wichtigen Termin in Köln hast, und fragst, wie du am schnellsten dort hinkommst. Der Bahnmitarbeiter nickt. Nach Köln wird in der nächsten Stunde nichts mehr fahren, antwortet er, du sollst die Zweiundsechzig nehmen, auf die andere Rheinseite fahren und in den Intercity steigen.

Du bedankst dich, verlässt das Gebäude und gehst über die Straße zur Haltestelle. Die nächste Bahn nach Beuel soll in neun Minuten eintreffen. Du setzt dich auf die Bank unter der Überdachung, holst aus dem Rucksack dein iPad und lässt dir die Verbindungen nach Köln anzeigen. Mit dem Zug wirst du es wahrscheinlich nicht rechtzeitig schaffen. Du hast nur zwanzig Euro bei dir und gehst zurück in das Bahnhofsgebäude. Vor dem Informationsschalter stehen inzwischen ganz viele Menschen. Du stellst dich zu ihnen, und der Bahnmitarbeiter erklärt ihnen dasselbe wie vorhin dir.

(…)

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