Der Tierfilm und seine Kritiker

Der Wildlife-Tierfilm ist ein so populäres wie lukratives Genre. Schon die Kino und Fernsehproduktionen der 1950er Jahre zogen ein Massenpublikum an. Seither hatten erzählerisch kommentierte Reportagestrecken mit Aufnahmen wandernder Elefantenherden, zähnefletschender Krokodile, raufender Affen und nistender Vögel in vermeintlich unberührter Natur einen festen Platz im Fernseh- und Kinoprogramm. Trotz Billigferntourismus und immer massiverer Bildervermehrung erwies sich die Nachfrage nach Wildlife-Dokus auch in der Folge als derart groß, dass sich über die Jahrzehnte eine global agierende Industrie herausbilden konnte, die bis heute ständig neue Märkte erschließt.

Die Erfolgsformel für die offenbar weitgehend alters- und schichtenübergreifende Resonanz des Genres war im Kern immer dieselbe: Zivilisationsferne als mediales Erlebnis. »Experience nature at its most intense and magical set in Africa, the wildest continent on earth«, wirbt die BBC für den rund 20 Millionen Dollar teuren Film Enchanted Kingdom (2014) aus der Dokumentarfilmreihe Earth Films. In deutschen Kinos lief er 2015 unter dem fragwürdigen Titel Afrika – der magische Kontinent. Die BBC unterhält mit der Natural History Unit seit Ende der 1950er Jahre eine auf Naturdokumentationen spezialisierte Abteilung und ist damit einer der Hauptakteure im internationalen Wildlife-Filmgeschäft. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür bietet die weltweit vermarktete, vielfach preisgekrönte Dokumentarfilmreihe Planet Earth aus dem Jahr 2006 (seit 2016 wird ihr Nachfolger Planet Earth II ausgestrahlt, unter anderem über den kurz zuvor gegründeten Fernsehkanal BBC Earth).

Die Koproduktion mit kanadischen, japanischen und deutschen Sendern setzt einerseits auf die bewährten Narrative, Stimmungen und Stimmen des Genres (den englischen Originalkommentar steuerte David Attenborough bei). Indem Planet Earth dabei zugleich die Möglichkeiten modernster hochauflösender Hochgeschwindigkeitskameras und digitaler Bildbearbeitung ausschöpft, entsteht ein aufwändiges Hightech-Spektakel, das deutlich mehr an Doku-Fiction erinnert als an Momente geduldiger Tierbeobachtung.

Kommerziell erweist sich das Konzept als äußerst ergiebig. Zwei Staffeln mit insgesamt elf Folgen à 45  Minuten liefen zunächst auf Fernsehkanälen in aller Welt, bevor sie im nächsten Schritt auf DVD ausgewertet wurden. 2007 startete dann der Kinofilm Earth (Unsere Erde), der aus den spektakulärsten Szenen des Filmmaterials zusammengestellt worden und seinerseits so erfolgreich war, dass er eine eigenständige Reihe von Wildlife-Filmen für konventionelle Kinos, aber auch für den Einsatz in Naturkundemuseen und Freizeitparks begründete. Enchanted Kingdom ist bereits der dritte Teil der Earth-Films-Reihe, die mittlerweile auf 3D-Technik setzt, der Erfolgsdruck, dem er standhalten muss, ist dementsprechend hoch. Den »most ambitious 3D nature film ever« verspricht der Sender, dank »ground-breaking technology« erwarte die Zuschauer ein »immersive adventure«, wie man es von teuren Hollywood-Produktionen kenne.

Der pädagogisch aufgeladene superlativische Gestus der BBC-Marketingstrategen – selbst das begleitende E-Book, als Lehrmaterial für den Schulunterricht konzipiert, verspricht noch »to change the way that your audience sees the world« – findet auch in diesem Fall am Produkt selbst ein solides Widerlager: In Aufwand und Machart steht Enchanted Kingdom hinter fiktionalen 3D-Blockbustern wie James Camerons Avatar (2009) nicht zurück: artistische Schnittfolgen und Kamerafahrten, offensichtlich kostspieligste Bildbearbeitung und eine aufwändige Tonregie – jedes Tiergeräusch ist musikalisch verdoppelt oder akustisch überzeichnet. Der professionelle Überbietungswille macht aus Enchanted Kingdom über weite Strecken filmästhetisches Schaulaufen.

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