Distant Listening

In der norwegischen Nationalbibliothek liegt eine Radioaufnahme von 1936: Olina Sohlheim, zu diesem Zeitpunkt hundertdrei Jahre alt, berichtet von ihrer Kindheit auf dem Land, von körperlicher Arbeit und Entbehrung, der Heimsuchung durch Wölfe, ihrer späteren Tätigkeit und Bezahlung als Soldatin. Dies ist Oral History: nicht des 20., sondern des 19. Jahrhunderts. Die Lautaufnahme ist von hoher Qualität, fünfzehn Minuten Sound aus einer anderen Welt, der bäuerlichen mündlichen Kultur der vorindustriellen Epoche. In der Stimme der Frau, der belebten Prosodie der Erzählung, fallen erzählte Zeit und erzählende Zeit in eins.

Auditive Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Geschichte von unten, Geschichte des Eigensinns: von Orlando Figes über Lutz Niethammer bis zu Spielbergs Holocaust-Archiv ist dies eine Geschichte des 20. Jahrhunderts. Dabei könnte man mit etwas Sinn für frühere Diskursspuren, wie sie Carlo Ginzburg, Peter Burke oder Robert Darnton an schriftlichen Quellen, also »klassisch« verfolgten, im Repertoire europäischer Lautarchive fündig werden. Besonders reichhaltig ist der Schatz an folkloristischer Musik in osteuropäischen Archiven, wobei man nur einmal litauische Partisanengesänge oder polnische Dorflieder gehört haben muss, um zu verstehen, warum junge Menschen Fußballstadien füllen, um sie nachzusingen. Besonders das ethnografische Material reicht bis weit über die Epochenscheide. Ob man auf indigenen Lautaufnahmen, die es seit etwa 1900 gibt, homerische Erinnerungskunst wird nachverfolgen können, wie dies Milman Parry auf dem Balkan unternahm, bleibt dahingestellt.

Es ist präzise jenes »Schaben« an den Quellen mit Blick auf die dahinterliegende, ausgegrenzte Kultur, wie es von Edward P. Thompson begründet wurde, für das Oral History sich anbietet. Es geht hier weniger um klassenbewusste Beantwortung der »Fragen eines lesenden Arbeiters« (so wenig diese hier diskreditiert werden soll), sondern mehr um eine mögliche Kontextualisierung des Sounds in ausgegrenzten kulturellen Formen und Mentalitäten, insbesondere in Transfers zwischen diesen Formen.

Denn Lautaufnahmen haben eine versprachlichte, explizite Dimension, sie haben aber auch eine performative Komponente, die oftmals gegenläufig, zurücknehmend und schlichtweg widerborstig das Narrativ kommentiert. Es ist diese Dimension auditiver Quellen, die bislang kaum in den Geschichtswissenschaften genutzt wurde. Selbst in den Oral-History-Werken der ersten Stunde, auch und besonders in Deutschland, ist das Transkript der Lautaufnahme die Quelle, bestenfalls angereichert durch einige phonetische Marker. Prosodie, Klangfarbe, Rhythmik, Tremoli, pointierte Glottal Stops: Dies alles bleibt außer Reichweite.

Historiker meiden diese performativen Komponenten, wohl wissend, dass selbst Akten im Kontext der Wissenskultur der jeweiligen Verwaltung, die ja im Wesentlichen verschwiegen, also eben nicht explizit ist, eine performative Komponente bergen. Dies gilt spätestens dann, wenn der Verteilungs- und Entscheidungsgang die Akte mit einer handschriftlichen Schicht zum Palimpsest macht. Um die Genesis von der Akte zum Verwaltungsakt anhand einer Paraphenfolge nachzuzeichnen, braucht es Spürsinn für das Timing der Wissensakkumulation.

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