Staatsterror unter Stalin

Seit dem Aufkommen des modernen Luftkriegs berichten aktive Militärs immer wieder von der ebenso paradoxen wie fatalen Erfahrung, dass mit zunehmender Distanz zu einem Zielobjekt die Hemmung vor großflächiger Zerstörung und massenhafter Tötung schwindet. Mit der Indienstnahme von ferngesteuerten, interkontinental einsetzbaren Raketen und Drohnen hat sich diese Erfahrung weitgehend normalisiert: Der »Feind«, über Hunderte, womöglich Tausende von Meilen in die Ferne gerückt, wird zu einem neutralen Abstraktum, dessen Vernichtung kaum noch menschliche Regungen zu wecken vermag. Hass oder Mitleid, Überlegenheits- oder Schuldgefühle verlieren ihre emotionale Dynamik.

Wie die große Distanz, so bewirkt auch die große Zahl eine merkliche Neutralisierung ethischer Wertsetzungen und Werturteile – ein Phänomen, das bei der Erschließung der Opferzahlen aus den beiden Weltkriegen ebenso zu beobachten ist wie bei der Aufarbeitung des Staatsterrors im nationalsozialistischen Deutschland und in der stalinistischen Sowjetunion: Da wie dort ergibt die Summierung der Zahlen zweistellige Millionenwerte, eine Bilanz mithin, die jegliche Vorstellungskraft übersteigt.

Die für die UdSSR errechneten oder geschätzten Opferzahlen aus den 1930er Jahren und der stalinistischen Nachkriegszeit weisen bis heute eine enorme Schwankungsbreite auf. Dafür gibt es vielerlei Gründe. Einer davon war (und ist) die langfristige, neuerdings wieder verschärfte Sperrung der einschlägigen Staats-, Partei- und Polizeiarchive, ein anderer ergibt sich aus dem ungewöhnlich weitläufigen Einzugsbereich des sogenannten Großen Terrors, zu dessen individuellen und kollektiven Opfern angebliche »Staats-« und »Volksfeinde« aller Art gehörten, darunter »Konterrevolutionäre«, »Kulaken« (selbständige Bauern), »Abweichler«, »Schädlinge«, »Saboteure«, »Spione«, »Kosmopoliten«, aber auch parteilose »Mitwisser« und »Mitläufer« sowie eine Vielzahl von Menschen, die einzig und allein auf Verdacht angeklagt oder durch Sippenhaftung als »Mitschuldige« straffällig wurden.

Dazu kommt die Unklarheit, ob und inwieweit die Hungerkatastrophen von 1931/1933 oder die Zwangsarbeit auf staatlichen Baustellen und in Straflagern als indirekter, obwohl planmäßig organisierter Terror zu betrachten sind. Dasselbe gilt für die massenhafte Repression sowjetischer Armeeangehöriger, die nach dem Krieg aus deutscher Kriegsgefangenschaft in die UdSSR zurückkehrten und dort als Deserteure oder als Verräter liquidiert wurden. Dass man den staatlichen Terror offiziell als »Säuberungsaktion« (Tschistka) bezeichnete, hat durchaus seine Richtigkeit, denn damit konnte jeder beliebige Staatsbürger und konnten auch beliebige gesellschaftliche oder politische Gruppierungen als »unsaubere« Elemente diffamiert werden, als Gegner und Gefährder der angeblich »sauberen« Welt des Sowjetstaats.

Seit in Russland vier Millionen Menschen für den Zeitraum von 1920 bis 1950 als Opfer staatlicher Gewalt offiziell rehabilitiert worden sind (Dekret vom 13. August 1990), gilt diese Opferzahl als allgemeine Richtgröße, doch wird sie durch statistische Berechnungen und demografische Analysen russischer wie nichtrussischer Experten bei weitem überboten. Neuerdings scheint sie sich bei zirka zwanzig Millionen einzupendeln, allein für die Zeit des Großen Terrors (1936 bis 1939) geht man mittlerweile von vier bis fünf Millionen Gewaltopfern aus. Dabei bleibt allerdings in vielen Fällen offen, ob als Opfer ausschließlich »Todesopfer« zu gelten haben oder auch Personen, die enteignet, deportiert, langfristig in Kerker- und Lagerhaft gehalten oder unter strengstem Regime zu Zwangsarbeit auf staatlichen Großbaustellen herangezogen wurden. Um den Umfang und die Intensität des damaligen Staatsterrors zu prä- zisieren, sei auf das Jahr 1937 verwiesen, das diesbezüglich am genauesten dokumentiert ist. Aufgrund eines Dekrets, das im Sommer 1937 vom Politbüro beschlossen wurde, fanden zunächst binnen zehn Tagen 72 950 Sowjetbürger einen gewaltsamen Tod; bis zum Jahresende gab es, unter dem Kommando des Volkskommissars Nikolai Jeschow, insgesamt 767397 Verhaftungen und 386 789 Exekutionen.

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