Strandgeschichten

Kerala, Südindien, Mitte Januar. Das ältere französische Ehepaar war begeistert: Es sei so atemberaubend schön hier, das Meer, die Gewürze, die Farben und diese unglaublichen Strände, endlos groß und leer. Sie kämen jedes Jahr hierher, für vier Monate, von November bis Ende Februar. »Da ist es bei uns einfach zu kalt.« Wo sie denn wohnten? Montpellier. Vor uns glitzert der Strand, der sich unabsehbar weit nach Norden und Süden erstreckt, dahinter Palmen. Zehn Uhr morgens, 32 Grad.

Der Strand, das ist der Sehnsuchtsort, das Ziel am Urlaubsziel. Geschätzte drei Viertel aller Bildschirmhintergründe in den Büros meiner Universität zeigen einen Strand – mit Palmen, menschenleer, wie in den Reisebüroprospekten. Im Frühjahr 2017 wurde eine Umfrage durchgeführt, was Schweizerinnen und Schweizer besonders intensiv mit Heimat verbinden. Die Familie, sagten 70 Prozent. Die Berge: 60 Prozent. Fast jede und jeder Fünfte, 18 Prozent, meinte dagegen: der Meeresstrand.

Ist der Strand und das Glück am Strand, das, was uns alle verbindet, die Armen und die Reichen? Der Ethnologe Marc Augé hat das vermutet: Auf dem Sand zwischen Handtüchern und Sonnenschirmen, hat er geschrieben, fänden unsere eigenen archaischen Stammesriten statt. »Jeder verliert sich hier, und jeder findet sich wieder.« Die Dichte der Zeit werde spürbar, und diese Dichte verschaffe einem ein Gefühl von Kindheit: eine Art Dauer. »Am Strand verbringt man die Zeit, und die verbrachte Zeit lässt sich nur am Strand wieder einfangen.«

Ich bin Historiker, da beginnt man über Vorgeschichten nachzudenken. Wie sehen sie denn aus, die Wechselwirkungen zwischen den eigenen Reisen und der Vergangenheit? Denn eine nichtsubjektive Geschichte hat der Strand auch: Die heroischen Anfänge der europäischen Expansion werden als Strandgeschichten erzählt, im Film sowieso. Kolumbus, der in Ridley Scotts 1492 in der Gestalt von Gerard Depardieu mit Brustpanzer und nassen Pluderhosen auf den Sand stapft und dort auf die Knie fällt, die Fahne mit dem Kreuz in der Hand. Weiter oben im Norden Keralas, erzählte das französische Ehepaar, seien die Strände noch leerer und größer. »Dort ist ja auch Vasco da Gama gelandet, 1498.«

In Kappad Beach in Calicut, heute Kozhikode, erinnert ein Denkmal an den portugiesischen Entdecker; eine große graue Betonsäule mit englischer Aufschrift. Ein paar Schritte weiter kann man im Vasco da Gama Beach Resort einchecken. Nach Vasco da Gama ist nicht nur die längste Brücke Europas benannt, sondern auch der Strand in seiner portugiesischen Geburtsstadt Sines; ebenso der große Platz am Strand in der Hafenstadt Kochi in Kerala, wo er 1524 gestorben ist. Monumentale Statuen von Kolumbus und Vasco da Gama bewachen auch die Kornhausbrücke, den alten Eingang zum Hamburger Hafen. Da steht da Gama bis heute, mit Glatze, Bauch und dickem Schwert, so wie man sich 1903 einen Helden der Seefahrt vorstellte. Strand ist Anfang. Aber wovon eigentlich?

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