Vor, bei und nach dem Übersetzen

Was ist ein übersetzter Text, und wem gehört er? Was macht eine Übersetzung mit dem Was ihrer Ausgangssprache, wenn sie ihn in das neu zu gestaltende Wie ihrer Zielsprache schiebt? Lässt sich das Was eines Textes von der jeweiligen sprachlichen Äußerung überhaupt trennen? Diese Fragen treiben mich um, seit ich übersetze, und das ist, neben früheren Gelegenheitskontakten, seit gut zehn Jahren.

Was tut ein Literaturübersetzer, bevor er übersetzt? Er liest das Original, ist man versucht zu antworten. Doch lese ich ein fremdsprachiges Original nicht bereits übersetzend? Wo fängt die Aneignung an, die jede Übersetzung und überhaupt jede Lektüre ist? Möglicherweise schon vor dem Aufschlagen des Buchs, bei der Wahl desselben, oder gar bei all dem historischen und kulturellen Vorwissen, das ich erst ansammeln muss, um genau dieses Buch in die Hände zu bekommen. (»Hermeneutischer Zirkel« heißt bekanntlich diese Lesebrille, die die Lektüre bestimmt, und »Paratexte« jene Texte, die man vor dem eigentlichen Korpus liest.) Davor ist also schon dabei. Und mündet für Übersetzer in gar nicht so seltenen Fällen in die Entdeckung einer literarischen, emotionalen, gedanklichen oder sogar biografischen Nähe zum Autor, die sie veranlasst, einen deutschen Verlag für diesen zu suchen, weil sie der Überzeugung sind: Dieses Werk soll und muss im eigenen Sprachraum gelesen werden können.

Nehmen wir an, all diese Schritte sind bewältigt, und der Übersetzer sitzt (oder liegt) jetzt vor seinem zu übersetzenden Original. Neben dem Begehren nach einer ästhetischen und emotionalen Erfahrung lesen wir mit dem Antrieb zu verstehen. Was wir allerdings verstehen können und wollen, ist individuell verschieden. Jeder liest sein eigenes Buch. Zudem ist das Wie eines Textes bei einem literarischen Werk wohl noch entscheidender als das Was, das ich mir in seinem Wie allerdings irgendwie extrahieren muss. (»Alles ist schon gesagt worden, nur noch nicht von jedem«, meinte Umberto Eco zum Überhang des Wie vor dem Was.) Habe ich mir also das im fremdsprachigen Wie gebundene Was als Übersetzerin mit dem mir eigenen Verstehenshorizont konstruiert, kann ich nach einer Sprachgestalt im Deutschen suchen, die das Sprachmaterial meiner Muttersprache in einer Weise organisiert, die eine annähernd gleiche Wirkung erzielt wie die, die das Original auf mich ausgeübt hat – würde man meinen.

Doch ist das richtig? In Übersetzerkreisen wird viel von Wirkungsäquivalenz als dem Ziel des Übersetzens gesprochen: Man vermutet, erspürt oder recherchiert eine mögliche Wirkung in der Fremdsprache, um diese in der eigenen nachzubilden. Nach allem zuvor Gesagten, nach allem, was ein hermeneutischer Zirkel ist, ist dieses Bild der Äquivalenzen schief. Und das nicht nur, weil es in einem Buch immer etwas Unfassbares gibt, dessen man gar nicht habhaft werden kann, das aber in der Übersetzung wiederentstehen kann, ohne dass man dessen habhaft ist.

Nein, für mich persönlich ist es anders. Es gibt nämlich in meinem Fall, die ich einsprachig aufgewachsen bin und alle anderen Sprachen als Fremdsprachen erlernt habe, nur eine einzige Sprache, in der ich mich emotional und gedanklich zu Hause fühle, und das ist meine Muttersprache, das Deutsche – wenn ich emotional sage, meine ich: gefühltes Denken, denkendes Erleben. Ich persönlich übersetze, um mir einen fremdsprachigen Text in diese Nähe zu rücken. Ich bilde die Wirkung des fremdsprachigen Texts also nicht nach, sondern stelle sie für mich überhaupt erst her. Selbst wenn ich die Bedeutung der folgenden Sätze kognitiv verstehe und sie mich auf ein bestimmtes Gefühlsregister verweisen, und selbst wenn ich einen französischen Muttersprachler nach der Wirkung des Texts auf ihn befrage und er mir bestimmte Adjektive nennen wird, kann ich die Sätze meines Originals doch erst wirklich empfinden, wenn ich sie auf Deutsch schreibe und höre: »C’est la première nuit. La nuit qui suit le jour où leur fille est morte. Ce matin elle était vivante, elle s’est réveillée, elle est venue jouer dans leur lit, elle les appelait papa et maman, elle riait, elle était chaude, elle était ce qui existe de plus beau et de plus chaud et de plus doux sur terre, et maintenant elle est morte. Elle sera toujours morte.« – »Es ist die erste Nacht. Die Nacht, die auf den Tag folgt, an dem ihre Tochter gestorben ist. Heute morgen war sie noch lebendig, sie ist aufgewacht, sie ist zum Spielen in ihr Bett gekrochen, sie hat Papa und Mama gerufen und gelacht, sie war warm, sie war das Schönste, Wärmste und Süßeste, was es auf dieser Welt gab, und jetzt ist sie tot. Sie wird für immer tot sein.«

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