Zug um Zug ins Paradies

Der Straßenkampf lässt sich auch ganz unverfänglich propagieren. Bereits der Name der französischen Website Lundi matin weckt eher Assoziationen an gediegenes Frühstücksradio. Die Seite ist minimalistisch, aber mit einem nicht zu verkennenden Willen zur Eleganz gestaltet. Die Autoren orientieren sich an einem selbstverliebten Ethos journalistischer Gelassenheit, das im Moment seiner existentiellen Krise augenzwinkernd wiederbelebt wird. Inhaltlich aber geht es knallhart zur Sache: Es finden sich Berichte zum Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten, embedded reporting aus dem Schwarzen Block, ätzende Kritik an den Akteuren der parlamentarischen Politik, Editorials zur Lage der antikapitalistischen Linken weltweit, mit allen philosophischen Wassern gewaschene Strategietexte ebenso wie Gerichtsreportagen über die Prozesse, die Kampfgenossen durchzustehen haben.

Ein Impressum sucht man auf der Seite vergebens, doch es ist ein offenes Geheimnis: Die Macher von Lundi matin verorten sich im erweiterten Umfeld des Unsichtbaren Komitees. Das anonyme Autorenkollektiv legte 2007 mit Der kommende Aufstand ein antikapitalistisches Manifest vor, das nicht nur von Linksradikalen in ganz Europa begierig aufgesogen wurde. Die lyrische Beschwörung des Umsturzes fand auch in bürgerlichen Feuilletons Bewunderer. 2014 folgte der Band An unsere Freunde, kürzlich erschien ihre neueste Schrift Jetzt in deutscher Übersetzung. Wenn in Frankreich die politischen Emotionen hochkochen – nach den Terroranschlägen gegen Charlie Hebdo oder das Bataclan, während »Nuit debout« und dem darauffolgenden Abnutzungskampf zwischen der Polizei und den Demonstranten gegen die Arbeitsmarktreformen –, dann finden linke Franzosen in den Verlautbarungen auf Lundi matin die theoretisch versierte Bestimmung dessen, was radikale Systemkritik heute bedeutet. Bis zu 500 000 Mal im Monat wird die Seite aufgerufen.

Unter Verdacht

Als 2017 die neue TGV-Trasse zwischen Paris und Bordeaux eröffnet wurde, gab Lundi matin all jenen eine Stimme, die mit den Folgen dieses metropolitanen Zusammenrückens zu kämpfen hatten. In Bordeaux steigen die Mieten, weil nun mehr Pariser pendeln und im Vergleich zu den Lebenshaltungskosten in der franzö-sischen Hauptstadt dabei günstiger wegkommen. »Parisien rentre chez toi« lautete die Losung der Gegenseite, die Pariser sollten schleunigst dahin zurückkehren, wo sie hergekommen waren. Für das Unsichtbare Komitee kommen solche Verwerfungen keineswegs überraschend. Dass ein Ausbau der Verkehrswege für größere soziale Mobilität sorgt, halten sie für eine Mär. Die gesteigerte Erreichbarkeit stehe der gesellschaftlichen »Segregation« nicht entgegen, schreiben sie in Jetzt, »sie gibt ihr vielmehr ihre Daseinsberechtigung«.

Die Situation weckt unweigerlich Erinnerungen an die beschädigte Oberleitung, die im September 2008 eine TGV-Strecke lahmlegte. Ins Visier der Behörden geriet damals Julien Coupat, in dem die französische Strafjustiz den Vordenker des anonymen Autorenkollektivs zu erkennen meinte. Die Anklage mutmaß- te, eine terroristische Vereinigung sei am Werk. Die Anschlagspläne gegen den Personenverkehr hätten sich »im fortgeschrittenen Stadium« befunden, orakelte der Staatsanwalt Jean-Claude Marin. Seither wurden Indizienprozesse gegen Coupat und einige Mitglieder einer Kommune angestrengt, die sich Anfang der Nullerjahre im Dörfchen Tarnac in der Nähe von Limoges niedergelassen hatten.

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