Klasse, Frauen

Am 24. Februar 2018 forderte Marie Schmidt in der Zeit unter dem Titel Hört die Signale! , dass die neue Internationale (Bewegung) #MeToo »Folgen für den modernen Arbeitskampf haben« müsse. Sie beschreibt die Frauenrechtsbewegung »Time’s Up«, die sich über Missbrauch und Ungleichheit am Arbeitsplatz empört, als ein Moment der Arbeiterbewegung. Feminismus ist Klassenkampf, möchte man zuspitzen, würde Schmidts Artikel nicht gleichzeitig den Befund formulieren, dass man von »Klassen« heute höchstens noch in Anführungszeichen sprechen kann, so wie auch niemand mehr vom »Proletariat reden mag«.

Zumindest Letzteres stimmt nicht, das belegen die Essays von Thomas Steinfeld und Patrick Eiden-Offe im Februarheft (Nr. 825) des Merkur . Eine Verbindung von Arbeitskampf und MeToo-Bewegung stellt zwar keiner der beiden her, dafür erforschen sie die Gründe, die ein Weiterdenken von »Arbeiterbewegung« und »Klasse« verhindern, und damit genau die Gründe, aus denen eine solche Verbindung nicht hergestellt wird: Beide machen das wirkmächtige Bild des weißen, männlichen Industriearbeiters verantwortlich, das den Begriff der Klasse auf dieselbe Weise in Beschlag genommen hat wie die politische Rechte das Bild des Arbeiters. Auf Seiten der Linken wird, so der Befund, von einer (weißen, männlichen) Industriearbeiterklasse mit einer »distinkten soziokulturellen Identität« ausgegangen.

Ich dagegen habe bei dem Begriff der »Klasse« einen späten Engels-Text vor Augen, der für die Frauenbewegung von großer Bedeutung war und der den Begriff des Proletariers ganz prominent anders bestimmt – der Prolet ist dort die Frau. Eine Auseinandersetzung mit diesem Text ist besonders geeignet, eine andere Bildsprache von Klasse einzuüben. Und da die Klassengrenze zwischen Mann und Frau, also entlang von etwas verläuft, was man heute dem Bereich der Identitätspolitik zuschlagen würde, eignet er sich zugleich zur Einübung in eine andere Theorie von Klasse.

In Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats (be)schreibt Friedrich Engels die Frühgeschichte der bürgerlichen Ehe – die Entwicklung von der »Gruppenehe« zur »Paarungsehe« hin zur Monogamie –, die den »ersten Klassengegensatz« der Geschichte, den von Mann und Frau, markiert. Engels’ Wissen um diese Frühgeschichte stammt nicht nur aus anthropologischen und ethnologischen Studien (der Lektüre von Lewis H. Morgan), sondern, wie die prominente Erwähnung von Molières George Dandin zeigt, auch aus literarischen Quellen: Die offenen Ehen der Spartanerinnen, bei denen Untreue nur »hinter dem Rücken des Mannes unerhört war«, und die Rolle der Hetäre in der attischen Demokratie sind in Aristophanes’ Lysistrata literarisch gestaltet, der Komödie vom Aufstand der Frauen gegen die (Gewalt)Herrschaft der Männer.

Die Durchsetzung der Monogamie ist das Zeichen dieser Herrschaft, die monogame Ehe nach Engels die erste Familienform, die nicht auf natürliche, sondern auf geschlechterpolitische und »ökonomische Bedingungen« gegründet ist: Am Ursprung der monogamen Ehe steht der »Sieg des Privateigentums« und des Grundbesitzes über das »Gemeineigentum«. Das Eigentum an Boden und die Möglichkeit seiner Veräußerung führen zu einer neuen Form von Reichtum, deren Erhalt die Monogamie garantiert. Sie markiert den Sieg eines Patriarchats, dessen Anliegen die Erzeugung von Kindern ist, die »nur die des Mannes« sein können und die »zu Erben seines Reichtums bestimmt« sind. An die »Fersen des Grundeigentums« und der monogamen Ehe, so formuliert es Engels, und so zeigt er es an Molières Komödie George Dandin oder Der betrogene Ehemann , heften sich nun »Hypothek« und Verschuldung wie Ehebruch und Prostitution: »Tu l’as voulu, George Dandin!« wird aus einem Selbstgespräch des verzweifelten Dandin zitiert: »Du hast es nicht besser gewollt, George Dandin!«

Die patriarchale Komödie

Während Patrick Eiden-Offe in seiner 2017 erschienenen Monografie Die Poesie der Klasse eher die Prosa, das Narrativ der Klasse untersucht, handelt es sich bei Engels’ Frühgeschichte des Bürgertums um das Drama der Ablösung der Klassenbegriffe, oder genauer: um die Komödie.

In der Gattung der Komödie ist nicht nur das historische Wissen um die Entstehung des Bürgertums gespeichert, die Entwicklung der Gattung geht auch mit der Entwicklung dieser neuen Klasse einher. Das Pfahl- und Stadtbürgertum ist sowohl Akteur als auch Gegenstand der lateinischen Komödie des Mittelalters, die italienische commedia dell’arte bewegt sich im Bereich der vornehmen bürgerlichen Familien, und für den deutschen Sprachraum definiert Gottsched, dass die Komödie das »bürgerliche Leben« abbilden soll. In seinen Vorlesungen über die Ästhetik reflektiert Hegel diese Nähe von Komödie und Bürgertum und zieht die Bilanz, dass in einer Zeit, in der die bürgerliche Ordnung sich durchgesetzt hat, die Komödie die Tragödie notwendigerweise ablösen muss, denn »die Zustände und Charaktere aus diesen Kreisen [sind] geeignet für das Lustspiel und das Komische überhaupt«. Die Tragödie wird mit dem Bürgertum problematisch, das sich – wie die Komödie auch – alle Stände und Figuren einverleibt und »alles Stehende verdampft«.

Die Komödie, und das bedeutet auch die vieldiskutierte moderne »Unfähigkeit zur Tragik«, ist die eigentümliche Form der bürgerlichen Zeit, mit einer Besonderheit: In seiner Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie schreibt Marx, dass die Komödie die »letzte Phase einer weltgeschichtlichen Gestalt« markiere und es der »Menschheit« erlaube, »heiter von ihrer Vergangenheit« zu scheiden. Das Bürgertum, das die Forderung der Anarchisten und Sozialisten nach der permanenten Revolution (auch der eigenen Begriffe) zu seiner Form gemacht hat und die permanente Revolution des jeweils Bestehenden ist, ist mit der Komödie verbunden. Es kann von ihr nur eingeleitet, nicht aber ausgeleitet werden. Die Komödie des frühen Bürgertums hat Molière geschrieben, die Komödie des späten Bürgertums muss ausbleiben. In der Komödie, das zeigte Carl Sternheim, der »neue Molière«, in seinen Stücken Aus dem bürgerlichen Heldenleben , wird das Bürgertum nicht nur affirmiert, es unterwandert auch das Anarchische der Gattung und setzt sich in der Komödie absolut.

Molières Komödie des zu Reichtum gekommenen Bauern Dandin, der eine verarmte und treulose Adelige heiratet, lässt sich rückblickend als eine Soziologie des Übergangs von der feudalen hin zur bürgerlichen Ehevorstellung lesen. Dandins Frau, die diesen Übergang nicht kampflos hinnimmt, weiß, dass die Monogamie, wie Engels es formuliert, »wesentlich in einer Verschlechterung der Stellung der Frauen und einer Erleichterung der Untreue der Männer« besteht; dass sie den »spezifischen Charakter« hat, »Monogamie zu sein nur für die Frau, nicht aber für den Mann«.

Oder, in den Worten der treulosen Ehefrau: »Was mich angeht, so sollt Ihr jedenfalls wissen, daß ich nicht die Absicht habe, auf das Leben zu verzichten und mich in ehelicher Treue lebendig begraben zu lassen. Nur, weil ein Mann sich in den Kopf gesetzt hat, uns zu heiraten, soll alles für uns vorbei sein, sollen wir der Welt auf ewig Lebewohl sagen? Diese Tyrannei der Herren Ehemänner ist wirklich staunenswert. Kaum glaublich, daß sie sich einbilden, uns jedem Vergnügen entreißen und uns zu Geschöpfen machen zu können, die nur für sie da sind! Aber bei mir ist Hopfen und Malz verloren. Ich scheide nicht so jung aus dem Leben.«

In der Komödie ist die Ehebrecherin, die sich der »Tyrannei der Ehemänner« entzieht, eine Figur der Subversion der (neuen) Gesellschaftsordnung. In der Wirklichkeit, so stellt Engels heraus, wird eine solche Subversion »hart bestraft«: »Und wirklich besteht die Gruppenehe für die Männer tatsächlich bis heute fort. Was bei der Frau ein Verbrechen ist und schwere gesetzliche und gesellschaftliche Folgen nach sich zieht, das gilt beim Mann für ehrenvoll oder schlimmstenfalls als ein leichter moralischer Makel, den man mit Vergnügen trägt.«

Wichtiger noch als die soziologische Perspektive der Komödie ist die politische. Die Komödie ist mit der gesellschaftlichen Durchsetzung von Ehe und Privateigentum nicht nur über eine Form der Motivwahl verbunden, sie ist deren Reflexionsmedium. In der »Zellenform« der Liebeshandlung, in den Themen des Privateigentums, der Besitzstandswahrung (etwa in den Interpretationen des Geizigen von Plautus über Molière zu Sternheim), der Kuppelei und des Ehebruchs, stellt sie die historischen und gesellschaftlichen Organisationsformen der Körper und Dinge zur Schau und ruft die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates auf, deren Vorgeschichte die notorische Tendenz hat, in der Gegenwart (als Farce) wiederzukehren.

Die »Abhängigkeit des Weibes vom Manne« (und der Kinder von den Eltern), in der Engels in den Grundsätzen des Kommunismus die »Grundlagen der bisherigen Ehe« ausmacht, ist keine kapitalistische Errungenschaft, sondern eine Wiederkehr der Formen des Vorbürgerlichen – der Sklaverei, der Leibeigenschaft oder des mittelalterlichen Gesellenverhältnisses. Engels verurteilt die monogame Ehe daher auch deutlich als »Unterjochung des einen Geschlechts durch das andere«.

Die Ehe gehe zurück auf einen mythischen Unterschied zwischen Mann und Frau, den nur die Ehe selbst versöhnen könne. Für Engels ist sie dagegen gerade nicht das Resultat und Symbol einer solchen »Versöhnung von Mann und Weib«, sondern gründet auf dem eigens erfundenen Antagonismus von Mann und Frau, der dann überhaupt erst der »Versöhnung« bedarf. Dass es diesen Antagonismus tatsächlich gibt, dafür sorgt die gesellschaftliche und rechtliche Form der Ehe als »Klassenunterdrückung« dann selbst – der Geschlechtscharakter ist eigentlich ein »Klassencharakter«.

Denn nach Engels gründet die Ehe auch, und das ist für die Diskussion des Klassenbegriffs und seine Verbindung zur Frauenbewegung wichtig, auf der historisch ersten Form der Arbeitsteilung, die eine Diskriminierung nach Geschlecht ist. Das Leben der Frau wird auf den Bereich der Kinderzeugung und auf die »offene oder verhüllte Haussklaverei« eingeschränkt: »Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit dem Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.« Noch in der bürgerlichen Ehe, die als freier Vertrag angelegt, aber selten ohne ökonomischen Zwang geschlossen ist, hat der Mann nach Engels eine »Herrscherstellung« inne, die weit über seine juristische Bevorrechtung hinausgeht: »Er ist in der Familie der Bourgeois, die Frau repräsentiert das Proletariat.«

Das erklärt, warum die (männliche) Arbeiterbewegung den »Klassenkampf« der Frau auch verhindert hat. In Die Poesie der Klasse beschreibt Eiden-Offe den Kampf der Arbeiterbewegung um den Familienlohn, der zur Verdrängung der Frauen aus Fabrik und Lohnarbeit führt, als ein reaktionäres Moment. Wenn bei Engels und Marx von der »erzwungenen Familienlosigkeit der Proletarier« die Rede ist und davon, dass die »vollständig entwickelte Familie nur für den Bourgeois existiert«, dann heißt das eben auch, dass der Kampf der Fabrikarbeiter um das »Recht auf Familie« ein Kampf um die Durchsetzung eben jener Kleinfamilienform ist, welche die Frau zum Proletarier macht – und den weißen männlichen Industriearbeiter zum Bourgeois.

Was die Verbürgerlichung des Familienbilds in der Industriearbeiterklasse und damit die Proletarisierung der Frau noch bestärkt, ist das von Fragen der (Lohn)Arbeitsbedingungen gänzlich unangetastete und parallele System der »Haussklaverey«:1 die geschlechtliche Arbeitsteilung in der Haus- und Erziehungsarbeit (die es auch heute noch gibt), das Ausgeliefertsein an Formen der häuslichen und sexuellen Gewalt (auf das die Gesetzgebung in Deutschland 1997 mit dem Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe und 2002 mit dem »Gewaltschutzgesetz« regiert hat) und die eklatante rechtliche Diskriminierung, die Frauen lange Zeit aus dem öffentlichen Leben ausschloss.

Auch in Marie Schmidts Fokus auf den gleichberechtigten Zugang zur und die gleichen Bedingungen bei der Lohnarbeit bleibt ausgespart, dass die Frauenbewegung nicht in einer Bewegung von Lohnarbeiterinnen aufgehen kann, sondern es immer noch mit ganz anderen, wenn man so möchte »feudalen«, Formen der Unterdrückung zu tun hat, die in der bürgerlichen Gesellschaft nicht nur beendet, sondern auch reproduziert wurden.

»Klassenkampf ohne Klasse«?

Wie fruchtbar kann nun aber der Begriff der »Klasse« für einen Feminismus sein, der gerade nicht in der Arbeiterbewegung aufgehen kann? Und ist das überhaupt die richtige Frage? In dem Kapitel »Klassenkampf ohne Klassen« aus seinem Buch Rasse, Klasse, Nation hält Etienne Balibar fest, dass der »Klassenkampf« auch innerhalb einer Klasse, entlang ihrer sozialen, ethnischen, geschlechterspezifischen oder religiösen Gruppierungen stattfinden kann. Auch er kommt zu dem Schluss, dass die Arbeiterbewegung »nie die gesamte Klassenpraxis verkörpert« hat, nie die »irreduktible Verschiedenheit der Interessen, der Lebens- und Diskursformen, die die proletarisierten Individuen kennzeichnen, wie stark auch die Zwänge der Ausbeutung auf ihnen lasten (ganz zu schweigen von den verschiedenen Formen der Ausbeutung)«. Eine solche Beobachtung findet sich auch bei Marx und Engels.

 

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Der Klassenbegriff, der im Grundeigentum seinen Anfang nimmt, bringt die zu Beginn des Manifests der kommunistischen Partei aufgezählten Gegensätze »Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener, Zunftbürger und Gesell« hervor. Diese Gegensätze bezeichnen verschiedene, wiederum in sich differenzierte, aber historisch auch gleichzeitig auftretende Formen der Arbeit an fremdem Eigentum. Der Proletarier ist so nur eine bestimmte historische Ausbeutungsform, eine besondere historische Ausprägung der arbeitenden Klasse.

Das ist wichtig, denn die Vereinheitlichung und Enthistorisierung der arbeitenden Klasse(n) zum Proletariat (und damit auch die Vereinheitlichung und Enthistorisierung des Bildbestands) wird im Manifest als ein Effekt der Durchsetzung und Herrschaft der Bourgeoisie beschrieben: »Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch dadurch aus, daß sie die Klassengegensätze vereinfacht hat. Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.«

Das homogen verstandene »Proletariat«, der Idealtypus des weißen, männlichen Industriearbeiters, wäre also immer schon Teil einer bürgerlichen Ideologie: »Was sich im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert als eine relativ autonome ›proletarische Identität‹ manifestiert hat, muß als ein objektiver ideologischer Effekt begriffen werden«, fasst Balibar zusammen. Genau aus diesem Grund macht Eiden-Offe den dynamischeren Begriff der »Proletarisierung« stark, der die Prozesshaftigkeit und Geschichtlichkeit des Klassenbegriffs betont und damit auch die prinzipielle Unabgeschlossenheit einer Theorie der Klasse. Dabei stellt sich nun aber nicht nur die Frage, ob dieser andere Begriff nicht als Effekt derselben »Ideologie« oder Reziprozität von Bürgertum und Proletariat betrachtet werden kann, sondern auch die, ob er nicht allzu leicht dahinter zurückgeht, auch die Frauen (im historischen Rückblick) als Klasse verstehen zu können.

Der erste Punkt zuerst: Eiden-Offe macht sich in seiner Definition der Proletarisierung eine Beschreibungskategorie aus dem Kommunistischen Manifest zu eigen: »Erst in der Universalität der Proletarisierung emanzipiert sich die Klassengesellschaft von allem Kastenwesen; im Begriff der Proletarisierung erst wird es möglich, dass auch in der Rede von Klasse ›alles Ständische und Stehende verdampft‹«.

Dass sich im Ausdruck der »Proletarisierung«, in der Verb-Bildung und anschließenden Substantivierung die Bezeichnung dem Bezeichneten anverwandelt, ist dabei keine harmlose Pointe. Die Dynamik des Begriffs betont die Prozesshaftigkeit und Geschichtlichkeit des Gesellschaftlichen, seine Weite und Universalität spiegelt den Prozess der Globalisierung, womit genau dieselben Beschreibungskategorien aufgerufen werden, mit denen Marx und Engels das Subjekt der Proletarisierung, die Tätigkeit der Bourgeoisie, oder, wenn man so will, die »Bourgeoisierung der Welt« beschreiben: Wo die Bourgeoisie »zur Herrschaft gekommen« ist, heißt es im Manifest , hat sie »alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört«.

In dieser revolutionären Tätigkeit hält sie nicht inne; die Idee einer permanenten Revolution, die Marx nach dem Fehlschlag der Revolution von 1848 wieder deutlicher dem Sozialismus zuschreibt, ist ihre »Existenzbedingung«: »Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlicher Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisieepoche vor allen früheren aus.« Ebenso wie ihre Expansion über den ganzen Globus, ihre Universalität: Die Bourgeoisie verwandelt sich die Welt an, »sie schafft sich eine Welt nach ihrem eigenen Bild«. Diesen Prozess der Anverwandlung betont auch der analoge Begriff der »Proletarisierung der Welt«.2

Man könnte also sagen, der Begriff der »Proletarisierung« bilde noch deutlicher als der des Proletariats die Form der theoretischen Erschütterung und revolutionären Bewegtheit ab, die der bürgerlichen Epoche eignet, und zeige damit auch noch deutlicher seine eigenen revolutionären Möglichkeiten an: die Möglichkeit eines neuen Klassenbewusstseins, das mit »nüchternen Augen« strukturelle Ähnlichkeiten erkennt, die Möglichkeit »politischer Kooperation und Solidarität« (Eiden-Offe) durch Vernetzung und Kommunikation und die Möglichkeit eines globaleren Verständnisses der gesellschaftlichen Prozesse, des Kosmopolitismus, den Engels und Marx als Errungenschaft der bürgerlichen Epoche beschreiben.

Man könnte bei all diesen Ähnlichkeiten zur »Bourgeoisierung« aber auch fragen, ob der Begriff der Proletarisierung das Proletariat nicht ganz nach der inneren Logik und durch die Augen der Bourgeoisie erfasst, ob er die Rede von der »Klasse« also nicht selbst verbürgerlicht und Formen des statischen »Kastenwesens«, der ethnischen, geschlechterspezifischen oder religiösen Unterdrückung, bewusst unsichtbar macht, die die bürgerliche Epoche auch wieder reproduziert (hat).

Um dieser Frage nachzugehen und damit auch der Frage nach der Bedeutung des Klassenbegriffs für die Frauenbewegung, ist es hilfreich, doch noch einmal auf den Begriff des Proletariats bei Marx und Engels einzugehen, der einerseits bereits all das enthält, was mit dem Begriff der Proletarisierung betont werden soll und andererseits die Wirkung der eher statischen und kulturell-identitären Bestimmungen und Zuschreibungen (wie etwa der Ethnie und des Geschlechts) nicht ausschließt, die in der begrifflichen Neuformulierung an Gewicht verlieren.

Der /die Pauper

Bereits das Manifest der kommunistischen Partei macht deutlich, dass sich das Proletariat nicht nur aus den Industriearbeitern, sondern aus »allen Klassen der Bevölkerung« rekrutiert. Mittelstand, Bauern, Rentner, Handwerker – »alle diese Klassen fallen ins Proletariat hinab«, und ganze »Bestandteile der herrschenden Klasse«, unter ihnen auch Intellektuelle, werden »ins Proletariat hinabgeworfen«. In der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie fasst Marx das Proletariat als den »Stand, welcher die Auflösung aller Stände ist«: Die »Auflösung der Gesellschaft«, die ja gerade das Erkennungszeichen der bürgerlichen Revolution ist, »als ein besonderer Stand [gedacht, SH] ist das Proletariat« – und nicht etwa das Bürgertum. Das Proletariat steht zwischen Klasse und Nichtklasse, es überschreitet den Klassenbegriff selbst und ist damit genau jene potentiell offene und dynamische Kategorie, als die der neue Begriff der »Proletarisierung« sich verstanden wissen möchte.

Hinzu kommt – und hier kommen die Frauen wieder ins Spiel –, dass Engels und Marx betonen, dass eine Person auch mehrfach und auf verschiedene Weisen »proletarisiert« werden kann: »Ist die Ausbeutung des Arbeiters durch den Fabrikanten so weit beendigt, daß er seinen Arbeitslohn bar ausgezahlt behält, so fallen die anderen Teile der Bourgeoisie über ihn her, der Hausbesitzer, der Krämer, der Pfandleiher usw.«

Von dieser Mehrfachproletarisierung sind gerade Frauen betroffen, die Ausbeutung auch außerhalb der Lohnarbeit erfahren, die in der Hausarbeit die Arbeit am fremden Eigentum, dem des Vaters oder Ehemanns, weiterführen und auch den Großteil an »unsichtbarer Arbeit« leisten. Auf einem Plakat Zum Verbot des Frauenstimmrechtsvereines von 1907 heißt es treffend: »Sie dürfen dem Staate die Bürger gebären, sie dürfen sie säugen, betreuen und lehren, sie dürfen wie Männer durch Arbeit sich nähren, doch wehe, sobald sie zu stimmen begehren.« Dass Frauen häuslicher und sexueller Gewalt zudem häufiger ausgeliefert sind, macht sie zum besten Beispiel dafür, dass »Proletarisierung« nicht nur mehrfach, sondern auf verschiedene Weisen gleichzeitig geschehen kann. Selbst die Frauenverfolgung des Mittelalters lebt noch im »Femizid« fort.

Der Fokus der »Proletarisierung« auf die geteilte Notwendigkeit, Arbeitskraft zu verkaufen, und auf die geteilte Gefahr, nicht nachgefragt zu werden, unter dem die neue Bewegung sich sammeln soll, macht die unsichtbare und unentlohnte Arbeit, aber auch die archaischen, feudalen, vorkapitalistischen und über Identitätskategorien hergestellten Formen der Gewalt und Ausbeutung so noch unsichtbarer.

Ein Blick auf die letzte Bestimmung und Ausdifferenzierung des Proletariers bei Marx und Engels, die für die Frage nach der Aktualität des Klassenbegriffs besonders wichtig ist, könnte das verhindern. Es ist der Übergang zum »Pauper«, welcher im Begriff des Proletariers enthalten ist: der Übergang vom Lohnarbeiter zum Versklavten einer Gesellschaft, an der er nicht mehr gestaltend teilnehmen kann und von der er abhängig ist, weil sie »ihn ernähren muss« oder müsste.3 Im statischen Begriff des »Pauper«, zu dem sich das Proletariat überschreitet, werden das Kastenwesen und die Verhältnisse der Sklaverei wieder benennbar sowie die Teilung der Gesellschaft in zwei Lager wieder eingeführt, der prinzipielle Antagonismus, der dann nicht mehr zwischen Bürgertum und Proletariat, sondern zwischen potentiell Proletarisierbaren und »Pauper« verläuft.

Der Blick auf einen möglichen einheitlichen Prozess der »Proletarisierung der Welt«, auf die Globalisierung der Wirtschaft zur Welt-Wirtschaft, muss einen Unterschied darin machen, ob Menschen in einem Staat arbeiten, in dem es demokratische Rechte, ein Arbeitsrecht und eine Sozialgesetzgebung gibt, oder ob sie an einem Ort arbeiten, an dem, so Balibar, die Ausbeutung der Arbeitskraft destruktiv verfährt, es offene Formen der (rassistischen, religiösen, geschlechtsspezifischen) Diskriminierung und Gewalt gibt, und an dem »praktisch alle historischen Ausbeutungsformen gleichzeitig eingesetzt werden: von den archaischsten (die unbezahlte Kinderarbeit in den marokkanischen oder türkischen Teppichfabriken) bis zu den ›modernsten‹ (ganzheitliche Arbeitsweise)« sowie den »gewalttätigsten (Tagelöhnersystem)«.

Wie Balibar zeigt, führt die Entwicklung der Weltwirtschaft nämlich gerade nicht zu einem potentiell solidarischen »Welt-Proletariat«, sondern zu einer Spaltung in Zentrum und Peripherie. Die Lohnverhältnisse des Zentrums stehen dann den »Kapitalverhältnissen, aber nicht Lohnverhältnissen« der Peripherie gegenüber. In der »Halb-Peripherie« treffen sich nach Balibar »nicht zeitgenössische Ausbeutungsformen« in demselben staatlichen Raum.

Diese »Halb-Peripherie« mit ihrer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist expansiv: Sie findet sich überall dort, wo sich die Verhältnisse der Peripherie zurück ins Zentrum spiegeln und wo das Zentrum die Peripherie (dankend) aufnimmt. Das zeigt sich an den modernen Recht- und Papierlosen, an den Wanderarbeitern und Arbeitssklaven (etwa den sogenannten Erntehelfern), am Menschenhandel und an den am Rand des Zentrums in (Flüchtlings)Lagern Internierten. Ebenso wie an den Formen der Ausbeutung und Ausgrenzung in der Mitte »unserer« Gesellschaft, die über kulturelle Identitätskategorien (über Geschlecht, Religion oder Ethnie) begründet werden.

Heute ist der /die Sans-papier s eine zeitgemäßere Reflexionsfigur für das Vorhandensein der Peripherie im Zentrum, als die »Frauen« es sind. Diese sind innerhalb des Zentrums häufig zum Teil der »Arbeiteraristokratie« aufgestiegen, nicht mehr als eigene »Klasse« vorstellbar. Man hätte es so also (innerhalb der Vielheit und Offenheit des Begriffs) doch wieder mit einer Zweiteilung zu tun, die aber nicht mehr an der Grenze (männlicher) Arbeiter /Frau entlang verläuft: mit zwei Proletariaten, wobei »tendenziell eines der beiden Proletariate durch die Ausbeutung des anderen reproduziert [wird] (was nicht ausschließt, dass es selbst dominiert wird)«. Dieser Überlegung Balibars entspricht hier die Einführung des Begriffs des »Pauper«. Ihm, dessen Lebens- und Diskursform zwangsweise zur »Klasse« vereinheitlicht ist, müsste die Solidarität all der Proletarisierbaren gelten.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Was Eiden-Offe in seinem Essay den Schluss wohl leichter macht, dass man hier keine »Verschwörung der Männer, (k)ein kapitallogisches Verhängnis oder eine liberalpaternalistische Heilsgeschichte am Werk sehen« müsse. Und ihn auch davon abhält, etwa mit Engels, in der »Befreiung der Frau« die Befreiung der Gesellschaft von zumindest einer Form der Ausbeutung hervorzuheben.
  2. Und tatsächlich gibt es eine solche Symmetrie von Bourgeoisie und Proletariat auch bei Marx – eine Symmetrie, die so weit geht, dass man die Geschichte (der Klassenkämpfe) auch als eine Geschichte der Selbstbewegung nur eines Begriffs (des Kapitals) und nur einer Klasse (des Proletariats) lesen kann.
  3. Das schärft auch den Blick dafür, dass die Gesellschaft entscheidet, welchen Pauper sie am Leben erhält und welchen nicht (eine Kompetenz, die Foucault »Rassismus« genannt hat). Vgl. Sterben lassen an Europas Küsten.

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