Fake History. Geschichte hinter Glas

Ende Oktober 2017 fand im Wiener Dorotheum wieder eine »Kaiserhaus-Auktion« statt. Unter anderem kamen ein Zwicker Kaiser Franz Josephs und eine Schuhschnalle Mozarts unter den Hammer. Letztere für wohlfeile 12 500 Euro fraglos eine Okkasion, verglichen mit einem angeblichen Reithut der Kaiserin Elisabeth, der vor einiger Zeit für 134 000 Euro den Besitzer wechselte. Selbst Autographen berühmter Schreiber sind heute, unabhängig von ihrem bisweilen sehr trivialen Inhalt, Teil eines millionenschweren säkularisierten Reliquienhandels. Längst umschlingt daher das wirtschafts- und tourismusfördernde Kulturfranchising der Unesco auch das »Weltdokumentenerbe«, entdecken selbst Museen ihre Liebe zur früher vielgeschmähten »Flachware«.

Der Reliquienkult um Habsburg-Kuriosa und Künstlerkitsch – politisch belastete zeitgeschichtliche Preziosen wie die Unterhosen von Adolf Hitler und Eva Braun lassen sich einstweilen nur in Großbritannien oder den Vereinigten Staaten ersteigern – mag zunächst gängige Österreich-Klischees wachrufen. Näher besehen entlarvt die penetrante Auratisierung von meist reichlich banalem Treibgut der Geschichte aber grundsätzliche Fehlentwicklungen in unserem Umgang mit der Vergangenheit.

Auch historische Ausstellungen, die im Zeichen epidemischer Museomanie und »Anniversaritis« aktuell eine Hochkonjunktur erleben, lassen sich mit ihrer konsequenten Absage an analytische Tiefenschärfe und Vermittlungswillen ziemlich flächendeckend unter der Rubrik »Kunst und Krempel« abschreiben.

Verstaatlichte Geschichtsindustrie

Sogar das als Hauptmasseverwalter des habsburgischen Kulturerbes wahrlich geschichtssatte Österreich scheint sich selbst nicht mehr Freilichtmuseum genug. Auf politischen Wunsch wurden hier in jüngster Zeit gleich zwei »Häuser der Geschichte« aus dem Boden gestampft.

Zwanzig Jahre lang schieden sich die Geister an Sinn und Ort eines österreichischen Museums für Zeitgeschichte. 2015 fiel die umstrittene Entscheidung des sozialdemokratischen Kulturministers, ein auf die Geschichte der Republik ab 1918 konzentriertes »Haus der Geschichte Österreich[s]« ausgerechnet in die neobarocke Pracht der kaiserlichen Hofburg am Wiener Heldenplatz zu zwängen. Nach personal- und parteipolitischen Wechselfällen und einer entsprechenden »Redimensionierung« von Budget und Ausstellungsfläche wird es sich aller Voraussicht nach nur noch um »Zimmer der Geschichte« handeln.

Aber Platzprobleme vermögen den emanzipatorischen Anspruch progressiver Geschichtspolitik nicht zu schmälern, und so soll rund um den berüchtigten Balkon, von dem Adolf Hitler 1938 die »Heimholung« Österreichs in das Deutsche Reich verkündet, bis 2018 eine Art Nationalmuseum in anti-identifikatorischer Absicht entstehen, eine museale Besserungsanstalt gewissermaßen, die keine geschichtspädagogischen Wünsche offen lassen wird.

Einer solch hehren volkserzieherischen Mission unterwindet sich das christlich-soziale Gegenstück nicht: das »Haus der Geschichte Niederösterreich[s]«, das im September 2017 auf landesfürstlichen Befehl und nach rekordverdächtig kurzer Vorbereitungszeit in der Ödnis des Kulturbezirks von St. Pölten (Niederösterreich) seine Pforten öffnete. Nur der befremdliche S-Fehler scheint beiden Unternehmungen gemein.

Die Neubefüllung des Hollein-Baus an der Traisen ist in erster Linie als Standortmaßnahme zu bewerten und präsentiert sich dem Besucher (weitgehend ohne moralistischen Frontalunterricht) als synkretistische Weihestätte des Objektzaubers, in der auch den sonst gerne der touristischen Folklore überlassenen Jahrhunderten der Donaumonarchie gehuldigt wird. Hier kommen – die Kuratoren sollten Gerhard Polts Sketch Das CSU -Museum gesehen haben – Habsburg-Quisquilien aus der Sammlung des Wiener Rindfleischkönigs Mario Plachutta neben deklariert republikanischen Berührungsreliquien zu liegen: der Arbeitskittel Kaiser Franz Josephs, sein zeremonielles Fußwaschbecken, Aktentasche und Taschenuhr des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß, ein Schachspiel des zweifachen Republikgründers Karl Renner, der Dienstwagen des legendären ÖVP-Politikers Leopold Figl, der Mantel, den der österreichische Außenminister 1989 trug, als er mit einer ebenfalls ausgestellten Drahtschere den Eisernen Vorhang durchschnitt.

Was aber bringt diese Idolatrie des Gegenständlichen, die wohl nur dann eine gewisse Berechtigung für sich beanspruchen kann, wenn man zumindest Weltkriegsauslösendes zu bieten hat wie das Wiener Heeresgeschichtliche Museum mit Todesautomobil und Sterbeuniform des 1914 in Sarajevo ermordeten Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand? Inwiefern erhellen im St. Pöltener Panoptikum ein Sparklappsarg und ein Porträt Josephs II. das Reformwerk des aufgeklärten Kaisers? Was sagt uns die Feldmütze eines Gebirgsjägers über die Verbrechen der Wehrmacht? Warum verkündet das offensichtlich im making of steckenbleibende Wiener Konkurrenzunternehmen immerzu den Erwerb ebenso sperriger wie nichtssagender Ausstellungsstücke, etwa der alten Regierungsbank aus dem Parlamentsgebäude?

(…)

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