Überall zu Hause sein. Philosophie und Multikulturalismus

Am 11. Mai 2016 veröffentlichen Jay Garfield und Bryan Van Norden den Text If Philosophy Won’t Diversify, Let’s Call It What It Really Is in der Philosophiekolumne »The Stone« der digitalen New York Times . Der Text ist das Dokument eines akademischen Schiffbruchs. Die beiden Verfasser berichten, wie sie über Jahrzehnte Überzeugungsarbeit geleistet haben, um größere Diversität in der akademischen Philosophie in Nordamerika zu ermutigen, wie sie ihre Forschungen zur indischen und chinesischen Philosophie verbreitet, wie sie auf Fachvertreter eingewirkt haben, die Lehrpläne um nichtwestliche Denker zu erweitern. Doch all ihre Mühe war vergebens – das akademische Fach der Philosophie blieb weiterhin zutiefst eurozentrisch. Garfield und Van Norden lancieren einen letzten Appell an ihre Kollegen. Wenn die Mehrheit der universitären Philosophen weiterhin den Standpunkt vertrete, der philosophische Diskurs sei ein ausschließlich westliches Phänomen, dann sollten sie ihre Institute ehrlicherweise in »Department of European and American Philosophy« umbenennen.

Der mediale Sturm, den dieser Text ausgelöst hat, ist ein Paradebeispiel für öffentliche Kontroversen im digitalen Zeitalter. Garfields und Van Nordens Kolumne zog 797 Kommentare nach sich, in nur zwölf Stunden. Mehr als dreißig Webseiten kommentierten oder organisierten Debatten. Texte wurden auf Facebook geteilt, das Thema trendete auf Reddit, schwelte monatelang auf Twitter und Youtube fort. 1 Der eigentlich bescheidene Vorschlag, Philosophen möchten doch eine ohnehin weitverbreitete Überzeugung deutlich markieren, zeitigte Reaktionen, die auch ein Schlaglicht auf die gegenwärtigen Kulturkämpfe werfen. »Möchte irgendjemand mit einem Flugzeug fliegen, das mit nichtwestlicher Mathematik erbaut worden ist?«, schrieb ein erregter Leser. Und: »Vielleicht studieren wir westliche Philosophie nicht, weil wir ›provinziell‹ sind, sondern weil sie in der ›wirklichen Welt‹ funktioniert.«

Jemand argumentierte, schon der Versuch der Inklusion sei kolonialistisch und behandele das Andere zu Unrecht als Spiegelbild des Eigenen. Andere verwiesen spöttisch auf die »DWM’s« (dead white males) , die sich immer noch an die Macht klammerten. Mithilfe von Wikipedia und verstaubten Erbstücken des 19. Jahrhunderts wurden weitere Breitseiten gefeuert: Asiaten könnten nicht denken, und überhaupt bestehe die chinesische Philosophie aus nicht viel mehr als »fortune cookie wisdom«.

Halluzinatorisch wirkende Abstiegsängste wurden sichtbar; plötzlich war auf dem glitzernden Webauftritt der New York Times Schnellroda nicht mehr fern. Die Kolumne sei von »liberalen Fanatikern« verfasst worden, also von Akademikern, die ihre Loyalität zu Amerika längst aufgekündigt hätten und im Sold von Diktatoren stünden (Bryan Van Norden hatte zwischenzeitlich eine Gastprofessur in Singapur angetreten). Dass es nicht noch übler gekommen ist, dürfte allein dem Umstand zu verdanken sein, dass sich die Leserschaft der New York Times nicht aus der Alt-Right-Bewegung rekrutiert.

Doch Garfield und Van Norden ließen nicht locker. Im Dezember 2017 erscheint Taking Back Philosophy. A Multicultural Manifesto , eine 159-seitige Streitschrift, die Bryan Van Norden als Antwort auf diese Kontroverse aufgesetzt hat. 2 Im Vorwort erhebt Jay Garfield jetzt den Vorwurf des strukturellen Rassismus: Philosophische Institutionen ignorierten weiterhin Philosophietraditionen aus Ostasien, Afrika und Indien. Kurzum: Philosophinnen und Philosophen, die eine freigewordene Stelle für die Philosophie Immanuel Kants oder modale Metaphysik ausschreiben (und nicht für nichtwestliche Philosophie), hießen eine rassistische Sicht nichtwestlicher Kulturen gut.

Taking Back Philosophy ist keine akademische Abhandlung, sondern ein Buch, das eingreifen möchte, Position beziehen in den laufenden Debatten um Multikulturalismus, Inklusion, amerikanische Identität, die Zukunft der Liberal Arts Education, Trump (ja, leider auch um den). Detailliert schlüsselt Van Norden auf, wie die universitäre Landschaft der Vereinigten Staaten bis heute jedem jungen Menschen Steine in den Weg legt, der sich in der Philosophie mit nichtwestlichem Denken beschäftigen möchte – dessen Erforschung wird abgeschoben in die area studies , zu den Anthropologen, Historikern und Religionswissenschaftlern. Frauen und Minderheiten seien unter Studierenden und Lehrenden der Philosophie erheblich unterrepräsentiert. Dabei gebe es wirklich etwas zu lernen von den Anderen, wenn wir nur bereit seien, diese als gleichrangige Gesprächspartner zu akzeptieren. Anstelle einer »hermeneutics of suspicion« brauche es erst einmal das Vertrauen, dass etwas in den Ideen der Anderen für uns relevant sein, uns gar bei der Lösung unserer Probleme helfen könnte.

Am Ende seines Buchs schreibt Van Norden mit lyrischem Pathos: »Dieses Buch handelt von der Erweiterung der Philosophie durch das Niederreißen von Hindernissen, nicht vom Errichten neuer Hindernisse. Gewiss sehne ich mich danach, mich im Glanz des platonischen Genies zu wärmen und an der Seite Aristoteles’ über den heiligen Boden des Lyzeums zu wandeln; aber genauso gern möchte ich mit Zhu Xi ›den Weg des Fragens und Lernens‹ beschreiten und den ›Mittleren Weg‹ des Buddha erörtern.« Hier wird seine eigentliche Absicht erkennbar: Van Norden schwebt eine Wiedergeburt der sokratischen Gesprächskunst im Geist der Globalisierung vor. Die Philosophin soll mit Menschen jeder Couleur, jeder Kultur sprechen und so zur Vorkämpferin einer erneuerten Liberal Arts Education werden, die den homo democraticus zum Weltbürger ausbildet.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.