Unterrichtung mit Foundation Bitch

Eine Freundin – im Nebenberuf Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache an Sekundarschulen – erzählte mir kürzlich Folgendes: Die Vokabel »anhalten« war dran, die Schüler sollten Sätze bilden, ich halte an, du hältst an, das Auto hält an. Ein syrischer Junge aber sagte: Ich hoffe, der Krieg hält an. Wie das erklären?

Unverständnis im Klassenzimmer. Die Lektion »etwas kann genauso wahr sein wie sein Gegenteil« zieht als Nebel über die Köpfe der Kinder und in sie hinein. Etwas bleibt haften, ein Denksystem, das man Grammatik nennen kann, das alles zu verantworten hat, von dem sie hier, in diesem Klassenzimmer, in diesem Land, umgeben sind; etwas heftet sich an ihre Fersen, aber nur so lange, bis sie die Richtung wechseln und selbst erst Jäger werden, dann Dompteure.

Dies ist einer von tausend Augenblicken, sagte meine Freundin, in denen die Sprache ihre Schüler verliert oder für immer gewinnt. Als ich meiner Mutter später davon erzähle, macht sie mich auf einen weiteren Fall aufmerksam: umfahren. Sprechbeispiel: Sie sollten das Lübecker Hütchen umfahren. Die Länge des A, des ersten Vokals, den der Säugling mit seinem Mund zu formen vermag, die Länge des Urvokals sozusagen, von der Verschiebung der Silbenbetonung moduliert, macht hier den ganzen Unterschied. Der syrische Junge aber wusste noch nichts von den Begrenzungen des Denkbaren, die an die Sprache gekettet sind, und hoffte, der Krieg könne auf dieselbe Art und Weise anhalten wie ein Zug an seiner Endstation, die Morden heißen kann oder Frohe Zukunft.

Die Gelassenheit zu den Dingen ist ein Trugschluss, »dein Stolz ist dein Unglück, Medea« offensichtlich die größte Lüge von allen – die Welt ist aus demselben faulen Holz geschnitzt, wie wir es sind, und vermutlich ist die Schule der richtige Ort, um das zu lernen, denn nur Erlerntes kann man anwenden, nur Bekanntes ignorieren, nur Erlittenes ehrlich hassen, und Hass, der hat ja heute, in Zeiten völlig apolitischer, aber dafür »organisierter Liebe« im Internet, da das ebenso hehre wie leere Ideal des Dialogs den Inhalt überwunden hat, ein schlechtes Image, aber es ist nicht der Hass – ein Gefühl wie ein Motor, ein Sinngenerator, eine Sache, die ohne ihr Antonym nicht sein kann –, es ist ja nicht der Hass, der das Problem ist, sondern die Frage, was gehasst wird und warum und wie.

(…)

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