Warum es keine guten Gründe zur Verteidigung der Geisteswissenschaften gibt

Die Geisteswissenschaften liegen nicht etwa im Sterben. Sie sind so gut wie tot. In Schottland wurden die alten »Chairs in Humanity« (womit hier Latein gemeint ist) in den letzten Jahrzehnten beinahe alle aufgelöst, blieben unbesetzt oder wurden zu Lehrstühlen für Altertumswissenschaft zusammengelegt. Und auch in Oxford wurde das berühmte Literae-Humaniores-Studium, »Greats« genannt, in etwas verwandelt, das sich wohl am ehesten als Abschluss in einer Fachwissenschaft namens »Klassik« bezeichnen ließe. Beide Male handelte es sich um akademische Institutionen mit großer Tradition, die schon manchen Sturm überdauert hatten. Relikte einer Ära, in der Latein noch eine zentrale Rolle im Kanon der universitären Disziplinen spielte, die wir Geisteswissenschaften nennen. Der Verlust dieser »Überbleibsel« ist Ausdruck eines langen Anpassungsprozesses, in dem die Geisteswissenschaften zu einer lockeren Ansammlung von Fachdisziplinen wurden, mit historischen Wurzeln im alten Curriculum der freien Künste und dem Humanismus der Renaissance-Universitäten.

Ergebnis dieser Entwicklung ist eine tiefreichende konzeptuelle Verwirrung und Verunsicherung darüber, was Geisteswissenschaften eigentlich sind und warum man sie studieren sollte. Es ist nicht meine Absicht, auf die erste Frage eine Antwort zu geben. Die zweite Frage ist im gegenwärtigen akademischen Kontext hingegen von zentraler Bedeutung, in dem die Funktionäre der Universitäten, Dekane, Hochschulleiter und Präsidenten mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit in der Lage sind, eine ökonomische Fallstudie durchzuführen, als ein griechisches Verb zu analysieren, vertrauter mit Flowcharts als mit Syllogismen, geübter im Managementsprech als im Reichtum der englischen Sprache. Deshalb auch der so oft lautwerdende Ruf, man möge doch bitte »gute Gründe« für das Studium der Geisteswissenschaften anführen.

Ein solches Bemühen steckt voller Mehrdeutigkeiten und Widersprüche. Sicherlich gibt es eine Verbindung zu gegenwärtigen politischen Debatten, doch so einfach, wie Kritiker es oft darstellen, ist die Lage nicht. Populistische Kritik an den Geisteswissenschaften aus dem konservativen Lager erhält oft die größte Aufmerksamkeit, wobei sich politische (und christliche) Konservative gleichzeitig oft stärker als andere dafür eingesetzt haben, dass die traditionellen geisteswissenschaftlichen Fächer (nach wie vor) an den Hochschulen gelehrt werden. Die politische Linke verteidigt die Geisteswissenschaften zwar häufig und betont ihren Wert angesichts einer zunehmend von Konzernen beherrschten und allein von Wirtschaftsinteressen dominierten Welt. Doch hat auch sie einiges dafür getan, den Kern der alten humanistischen Forschung als unrettbar patriarchalisch, rassistisch und kolonialistisch zu diskreditieren. Auf beiden Seiten gibt es Verteidiger und Kritiker der Geisteswissenschaften.

Die linken Verteidiger der Geisteswissenschaften tun sich seit jeher schwer mit einer kohärenten Argumentation, die konkrete Auswirkungen auf die Situation an den Hochschulen hätte; allerdings haben sie bisher stets konsequent die »nutzlosen« Disziplinen gegen politisch (und ökonomisch) motivierte Angriffe verteidigt. Die rechten Verteidiger der Geisteswissenschaften legen sich zwar mitunter mächtig ins Zeug, um deren Wert zu beweisen, doch wenn es darum geht, konkrete Angriffe durch Republikaner und konservative Politiker abzuwehren, erreichen sie oft genug wenig.

Tatsächlich spielen am Ende beide Lager den Gegnern der Geisteswissenschaften in die Hände. Konservative, die die institutionellen und finanziellen Druckmittel des Staates zu nutzen versuchen, um gegen die (vermeintliche) Ideologisierung an den Universitäten vorzugehen, tragen zur Zerstörung des altmodischen Gelehrtentums bei, das sie angeblich verteidigen wollen. Es ist selbstzerstörerisch, wenn sie sich, nur um ein paar liberale Professoren abzustrafen, vor den Karren von Konzernen spannen lassen, die für die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und für ihre eigene Forschung an die öffentlichen Gelder der Universitäten herankommen wollen. Progressive Geister, die die Geisteswissenschaften als Laboratorium des sozialen Wandels verstehen, als Katalysator der Kulturrevolution oder als Trainingscamp für politische Aktivisten, machen sich derselben Instrumentalisierung schuldig.

Eingeklemmt in der Mitte finden sich all die Geisteswissenschaftler, die schlicht und einfach auf ihren Forschungsgebieten gute Arbeit leisten wollen; die ihre Gegenstände studieren, die lesen und nachdenken wollen; die durch genaue Analyse ihres Materials zu Schlussfolgerungen über Vergangenheit und Gegenwart gelangen möchten; die sich in Sprachen, Zahlen, Kunst, Artefakte, Kultur und Natur versenken wollen. Das hat man in ihren Disziplinen schon immer getan, das hat diese immer schon ausgemacht. Dafür wurden einst die Universitäten gegründet.

Darum liegen viele Vorwürfe gegen die Geisteswissenschaften – die übertriebene Spezialisierung, zu viele Veröffentlichungen, zu obskure Themen und zu viel Fachjargon, zu viel Forschung und zu wenig Lehre – gründlich daneben. Die Kritiker glauben, sie würden damit Verfallserscheinungen und Exzesse des gegenwärtigen Wissenschaftsbetriebs anprangern. Dabei zielen sie mit ihren Angriffen ins Herz der Geisteswissenschaften und auf Merkmale, die diese bereits seit Jahrhunderten auszeichnen.

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