Wir selber bauen unsre Stadt

1953, das war zwanzig Jahre nach 1933, acht Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, fünf Jahre nach der Einführung des Marshall-Plans durch die Vereinigten Staaten, fünf Jahre auch nach der Eröffnung der Freien Universität in Berlin. Europa war im Begriff, sich neu zu erfinden. Das »Wirtschaftswunder« war noch aktiv im Kopf derer, die sich wunderten. Im Sommer dieses Jahres kam es zu einem Volksaufstand in der noch jungen DDR; Existentialismus zeigte sich in den Straßen als frühe Pop-Kultur; die Hochschule für Gestaltung in Ulm wurde gegründet; die Gruppe 47 war daran, sich als Institution zu etablieren.

Auch in der Schweiz machte man sich Gedanken über die Zukunft. In der Reihe Basler politische Schriften erschienen drei Broschüren, die Beachtung fanden: wir selber bauen unsre stadt (1953), verfasst von Markus Kutter, Lucius Burckhardt und Max Frisch; dann die zweite Broschüre, achtung: die Schweiz (1955), unter Beibezug weiterer Autoren; und schließlich die neue Stadt (1956).1

In diesen Texten wurde ein politisches Anliegen vorgetragen, bei dem der Stadt kein Nebenschauplatz zugeordnet war, aber auch keine Hauptrolle: Diese hatte der öffentliche Diskurs zu übernehmen. Die Idee war ursprünglich, sich gegen Projekte zu wenden, die Verkehrsplaner, Anhänger einer »autogerechten Stadt«, als ihre eigenen betrachteten und die von den Behörden dem »Volk« beziehungsweise den Abgeordneten zur Billigung vorgelegt wurden. Die Idee weitete sich schließlich aus, Prozesse exemplarisch in den Mittelpunkt zu stellen, die sich schleichend entfalten, als Resultat disperser, oftmals unkoordinierter Aktionen. Die Autoren, Liebhaber der Stadt, wunderten sich, weshalb zeitgenössische Städte keine Würde ausstrahlten (wie etwa Florenz, Paris – oder Bremgarten), woran dies liegen könnte, und sie erhofften sich von einem öffentlichen Diskurs nicht nur eine Lösung städtebaulicher Fragen, sondern auch eine Belebung der föderalistischen, partizipativen Demokratie. Dies war ein Anliegen, das auch im benachbarten Deutschland Nachhall fand.2

Mag sein, dass die Idee einer neu zu gründenden Stadt auch mit dem Umstand zusammenhing, dass für 1964 eine schweizerische Landesausstellung geplant war – fünfundzwanzig Jahre nach jener, die 1939 in Zürich stattgefunden hatte – und dass die neue Stadt das Gefäß einer Landesausstellung bilden sollte. Die »Landi 1939« war außerdem ein Ausdruck des Widerstands, der Abgrenzung gegenüber dem großen Nachbarn gewesen, die »Expo 1964« sollte ein ähnliches politisches Fanal sein. Zu einer Behandlung der Details kam es nie, zur Abklärung der Frage, zum Beispiel, wie denn die Besucher der Ausstellung mit den Bewohnern der neuen Stadt umzugehen hätten (oder umgekehrt) – in Unkenntnis auch der Tatsache, dass, später dann, im Berliner Hansa-Viertel, anlässlich der »Interbau 1957«, eine solche Idee umgesetzt werden sollte. Die Landesausstellung 1964 fand schließlich in Lausanne statt, auf einem Gelände, auf dem heute die École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) steht: ein »würdiger« – sehr wahrscheinlich aber auch ein unverhoffter – Beitrag zur Stadtplanung. Was sonst bleibt in Erinnerung? Wenig: die Konzerte der elektromechanischen Büromaschinen, Symphonie Les Echanges , basierend auf einer Partitur von Rolf Liebermann für 156 Rechner und Schreibmaschinen; und dann, aus meiner Sicht zumindest, der Entwurf eines Büchergestells für den Pavillon »Bilden und Gestalten«, für den Max Bill zuständig war (ein Gestell, das ich für meine Bibliothek verwende).

Was Städte und deren »Würde« betrifft, so hat sich in der Zwischenzeit wenig geändert. Städte, Quartiere, deren Urbanität wir schätzen, entstanden vorwiegend vor der alten Jahrhundertwende, oder besser: vor der Ausbreitung des Autos. Unsere ganze Vorstellung von Urbanität ist geprägt vom Bild der Stadt, wie sie bis ins späte 19. Jahrhundert hinein konzipiert und gebaut wurde: Wien, Prag, Budapest, Amsterdam, Hamburg, Kopenhagen, Paris, London. In Europa ist es seither kaum mehr gelungen, dem etwas Vergleichbares an die Seite zu stellen (geschweige nur so etwas wie eine überzeugende größere öffentliche Parkanlage zu bauen).3

Die Leere, die die Autoren der Broschüren der Basler politischen Schriften damals in Schwamendingen, einem Außenquartier der Stadt Zürich, geortet hatten, erstreckt sich heute über das gesamte schweizerische Mittelland. Das »Entsetzen«, das Max Frisch befiel, als er Mitte der 1950er Jahre die Schweiz, das Tessin, bereiste, über das, was »Tag für Tag weiter geschieht … Ausdruck einer schamlosen Vergewaltigung«, das bezog sich auf den laufenden Verlust von Kulturland durch eine fortschreitende Verhäuselung und »Verkitschung« der Landschaft. Diese Sicht und die Vorstellung, dass eine partizipative, demokratische Bewegung an dieser Entwicklung etwas ändern könnte, waren – aus heutiger Perspektive betrachtet – gleichzeitig visionär wie naiv.

Dem einen Ziel, Projekte der »autogerechten Stadt« (und andere Großprojekte) einer demokratischen Kontrolle zu unterstellen, näherte man sich in der Folge weitgehend an. In Europa vor allem über Bürgerinitiativen (im Kontext von Verkehrsprojekten, Atomwirtschaft und Umweltanliegen), in den Vereinigten Staaten über die Bewegung der advocacy- Planung,4 die zunächst auf die städtischentransportation studies und ihre Tendenz reagierte, die großen Ringstraßen und vielspurigen Highways, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der Verbreitung des Automobils gebaut wurden, durch Gemeinden der schwarzen Bevölkerung zu legen, weil dort die Expropriationskosten der Grundstücke eher niedrig waren.

Der zweite Aspekt der Veränderung, jener, der sich schleichend offenbarte und auf den Frischs Entsetzen sich bezog, der schien vorerst nicht zentral, gewann erst im Verlauf der Gespräche unter den drei Mitstreitern sukzessive an Bedeutung: schleichende Veränderungsprozesse und die entsprechenden Anpassungen, das gleichsam kritiklose Arrangieren und Akzeptieren dieser neuen Welten.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Alle drei Broschüren sind in einer Re-Edition neu verlegt worden: achtung: die Schriften. Zürich: Triest Verlag 2016.
  2. Wolfgang Schütte u.a. (Hrsg.), Der Stadtplan geht uns alle an: Städtebau + Öffentlichkeit, Raumordnung + Öffentlichkeit, Form + Öffentlichkeit. Öffentliches Gespräch, Dortmund 1955. Köln: Deutscher Verband für Wohnungswesen, Städtebau und Raumplanung u.a. 1955. Zu dem Dortmunder Gespräch waren auch die Autoren Burckhardt, Kutter und Frisch eingeladen. Vgl. Ulrike Kändler, Entdeckung des Urbanen. Die Sozialforschungsstelle Dortmund und die soziologische Stadtforschung in Deutschland, 1930 bis 1960. Bielefeld: transcript 2016; Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden. Frankfurt: Suhrkamp 1965.
  3. Eine der jüngsten Fehlplanungen, dem Kleinmut entsprungen, betrifft den Neubau des Universitätsspitals Zürich. Statt dieses Spital in der Agglomeration neu aufzubauen, als Kern eines künftigen urbanen Quartiers, in der Nähe auch der naturwissenschaftlich ausgerichteten Campusse der beiden Universitäten (ETH Zürich und Universität Zürich), und das bisherige Areal den beiden Universitäten für ihre notwendigen Erweiterungen zur Verfügung zu stellen, ist man gezwungen, sich an der historischen Bausubstanz des 19. Jahrhunderts zu vergreifen, um die geplanten Nutzungen unterzubringen.
  4. Paul Davidoff, Advocacy and Pluralism in Planning. In: Journal of the American Institute of Planners, Nr. 4, 1965; Alan S. Kravitz, Mandarinism. Planning as Handmaiden to Conservative Politics. In: Thad L. Beyle /George T. Lathrop (Hrsg.), Planning and Politics. Uneasy Partnership. New York: Odyssey Press 1970; Saul D. Alinsky, Rules for Radicals. A Practical Primer for Realistic Radicals. New York: Vintage Books 1971.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.