Ulrike Meinhof, der Schah von Persien und mein Vater. Zur Bedeutung von 1968

Ein Mann mit graumeliertem Haar und perfekt sitzender Uniform schaut auf ein Schild. Er hält seine Uniformmütze in beiden Händen vor dem Bauch, er trägt eine dunkle Sonnenbrille, und er ist umgeben von anderen Männern in Militäruniformen. Neben ihm steht ein jüngerer Mann in dunklem Anzug mit Fliege. Er hat schon eine Halbglatze und redet, erklärt offenbar das Schild und wird dabei beäugt von einem weiteren Anzugträger, der in den Reihen der Uniformträger steht. Kleidung und Mimik lassen keinen Zweifel: Der Anlass ist feierlich und ernst. (Auch wenn einige der Militärs gelangweilt aus dem Bild herausschauen.) Die Szene spielt in einer Halle, vielleicht einer Messehalle, das lässt sich an der Stangen- und Blechkonstruktion am linken oberen Bildrand erkennen. Hinter den Männern steht ein Bus, links oben ist das Ende eines schwarzen Banners mit arabischen Schriftzeichen zu erkennen. Die Schrift auf der Rückseite des Schilds ist sowohl arabisch als auch lateinisch. Der Sonnenbrillenträger in der Bildmitte ist Mohammad Reza Pahlavi, der Schah von Persien.

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg in West-Berlin erschossen. Er war Teilnehmer einer Demonstration gegen den Staatsbesuch. Dieses Ereignis gilt nicht nur als Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, es war auch ein zentraler Moment in der Geschichte jenes Zyklus von sozialen Bewegungen, die als »1968« ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Auf der Demo wurde ein Flugblatt verteilt. Darauf war ein Text der Journalistin Ulrike Meinhof zu lesen, der zuvor in der Zeitschrift konkret erschienen war. Ein offener Brief an Kaiserin Farah Diba, Reza Pahlavis Ehefrau. Er kontrastierte das öffentliche Bild, das die Kaiserin in der deutschen Boulevardpresse von Persien gezeichnet hatte, mit einigen Fakten. Der Brief betreibt Aufklärungsarbeit und ist zugleich eine Anklage.

Es lohnt sich, in den Brief hineinzulesen. Er beginnt so: »Guten Tag, Frau Pahlawi, die Idee, Ihnen zu schreiben, kam uns bei der Lektüre der ›Neuen Revue‹ vom 7. und 14. Mai, wo Sie Ihr Leben als Kaiserin beschreiben. Wir gewannen dabei den Eindruck, daß Sie, was Persien angeht, nur unzulänglich informiert sind. Infolgedessen informieren Sie auch die deutsche Öffentlichkeit falsch. Sie erzählen da: ›Der Sommer ist im Iran sehr heiß, und wie die meisten Perser reiste auch ich mit meiner Familie an die persische Riviera am Kaspischen Meer.‹ ›Wie die meisten Perser‹ – ist das nicht übertrieben? In Balutschestan und Mehran z.B. leiden ›die meisten Perser‹ – 80 Prozent – an erblicher Syphilis. Und die meisten Perser sind Bauern mit einem Jahreseinkommen von weniger als 100 Dollar. Und den meisten persischen Frauen stirbt jedes zweite Kind – 50 von 100 – vor Hunger, Armut und Krankheit … Aber warum nicht rundheraus gesagt, daß 85 Prozent der persischen Bevölkerung Analphabeten sind, von der Landbevölkerung sogar 96 Prozent, oder: Von 15 Millionen persischen Bauern können nur 514 480 lesen. Aber die 2 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe, die Persien seit dem Putsch gegen Mossadegh 1953 bekommen hat, haben sich nach den Feststellungen amerikanischer Untersuchungsausschüsse ›in Luft verwandelt‹, die Schulen und Krankenhäuser, die davon u.a. gebaut werden sollten, bleiben unauffindbar.«1

Meinhofs Brief ist analytisch und wütend zugleich. Diese Kombination von Wut und Analyse machte vielleicht auch die Radikalität von 1968 aus. Affektives Berührtsein und Verstehenwollen, Mitleiden und Erklären, Vermitteln zwischen verschiedenen Wirklichkeiten, kämpferische Solidarität. Jahrzehnte später sollten dann einige ehemalige Achtundsechziger – etwa die Historiker Gerd Koenen und Götz Aly – ihre damalige Wut als Resultat lächerlicher Projektionen abtun und sie damit zu einer Art psychischer Störung erklären. (Koenen schreibt von der »projektiven Identität mit den Kämpfern gegen den US-Imperialismus«, die in erster Linie dazu gedient habe, die deutschen Schuldgefühle in Bezug auf den Nationalsozialismus zu kanalisieren.2)

 

 

Meinhofs Brief ist ein paradigmatischer Text, weil er das konkrete Ereignis des Schah-Besuchs zum Anlass allgemeiner Überlegungen nimmt, weil er damit auf Motive und Motivationen der sozialen Bewegung verweist, und weil er nicht nur aufklärt, sondern auch Zusammenhänge herstellt. Etwa, dass der Schah sich nicht dafür rechtfertigen müsse, wohin die Gelder aus der Entwicklungshilfe geflossen seien. Denn er sei für den Westen wichtig: »Ist er doch der Garant dafür, daß kein persisches Öl je wieder verstaatlicht wird, wie einst unter Mossadegh, nicht bevor die Quellen erschöpft sind, gegen Ende des Jahrhunderts, wenn die vom Schah unterzeichneten Verträge auslaufen. Ist er doch der Garant dafür, daß kein Dollar in Schulen fließt, die das persische Volk lehren könnten, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen; sein Öl für den Aufbau einer Industrie zu verwenden und Devisen für landwirtschaftliche Maschinen auszugeben, um das Land zu bewässern, des Hungers Herr zu werden. Ist er doch der Garant dafür, daß rebellische Studenten und Schüler jederzeit zusammengeschossen werden und Parlamentsabgeordnete, die das Wohl des Landes im Auge haben, verhaftet, gefoltert, ermordet werden. Ist er doch der Garant dafür, daß eine 200 000-Mann-Armee, 60 000 Mann Geheimdienst und 33 000 Mann Polizei, mit US-Geldern gut bewaffnet und wohl genährt und von 12 000 amerikanischen Armee-Beratern angeleitet, das Land in Schach halten.«

Der Schah taugt demnach nicht schlecht als Zielscheibe für die linken Studierenden. Er ist die Verkörperung eines militärisch-industriellen Komplexes. Und er verkörpert die Herrschaft der westlich-kapitalistischen Welt über die Bevölkerungen in anderen Ländern, er ist eine Marionette des Imperialismus. Vielleicht auch eine Papiertüte des Imperialismus, wie in Harun Farockis seinerzeit gefeiertem Kurzfilm Die Worte des Vorsitzenden (1967). Dort wird der Schah, dessen Gesicht auf eine Tüte gemalt ist, von einem Papierflieger am Kopf getroffen. Der Flieger ist zuvor aus Seiten einer Mao-Bibel gefaltet worden.

Der Schah und der persische Staat bleiben jedenfalls noch länger Partner des westeuropäischen Kapitals. Mitte der siebziger Jahre steigt Persien als Großaktionär bei der Essener Stahlfirma Krupp ein. Im Oktober 1976 kommentiert der Spiegel den Kauf von 25,01 Prozent der Krupp-Aktien unter dem Titel Perser-Geld bei Krupp: »Schon seit Jahren hat sich der Schah auf Krupp kapriziert – wobei unklar bleibt, was ihn an der 80 000-Mann-Firma mehr fasziniert, der prestigeträchtige Name oder das technische Know-how des Unternehmens.«3 Wahrscheinlich war es beides. Und mit der Zeitangabe hat der Spiegel Recht. Das eingangs beschriebene Foto stammt bereits aus dem Jahr 1961. Der Mann, der dem Schah das Schild erklärt, ist Ingenieur. Er arbeitet für die Firma Krupp in Teheran. Es ist mein Vater.

In seinem aktuellen Buch Gesellschaft als Urteil fragt der Soziologe Didier Eribon nach Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die soziale Klasse zu wechseln, in die wir hineingeboren werden. Über Fotos aus Familienalben schreibt Eribon, sie seien Marker und Spuren, aber auch Urheber und Operateure: »Sie sind das, zu dem familiäre Beziehungen, von welcher Art sie auch sein mögen, immer wieder zurückführen, ob wir es wollen oder nicht.«4 Dieser soziale Zwang erzeugt Affekte, so Eribon, die in jede »Selbstverwandlung« eingehen. Selbst wenn man sich politisch von den Eltern abgrenzt, wenn man sexuell oder sonst wie andere Wege als die vorgezeichneten geht, die Bilder holen einen ein und zurück. Zumindest zum Teil.

Das Foto mit dem Schah gehört zu unseren Familienbildern. Auch wenn es aus vorfamiliären Zeiten stammt. Meine Eltern heirateten 1969, ich wurde 1970 geboren. Als das Foto entstand, war mein Vater Delegierter der Firma Krupp in Pakistan. Als solcher arbeitete er auch für drei Monate in Teheran, wo das Foto auf der dortigen Industrieausstellung 1961 entstanden ist. Neben einigen ähnlichen Bildern. Es ging um Wasseraufbereitungs- und Stahlwerke, die mein Vater dem Schah mit seinen Ministern und Generälen am Ausstellungsstand von Krupp erläuterte. Mein Vater hat mir das irgendwann einmal in einem Brief geschrieben, und wie er werfe ich nichts weg.

»Indem man das Vaterbild auf die Weltkarte projiziert«, schreiben Deleuze und Guattari über Kafka, »hat man, so scheint uns, die für das Foto charakteristische Sackgasse geöffnet, einen Ausweg aus ihr gefunden«.5 Was einen Text über ein Familienalbumfoto von narzisstischer Selbstbespiegelung fern hält, ist einzig und allein die soziokulturelle Einbettung. Die Weltkarte fungiert als Mittel, um die Vernetzungen und Verstrickungen individueller Werdegänge, die Bewegungen von Ingenieurs-Soziotopen, die Verschiebungen innerhalb von (internationalen) Klassen- und Geschlechterverhältnissen sichtbar zu machen.

Kontextualisiert werden müssen nicht nur der Bildinhalt, sondern auch und vor allem die Betrachtungsweisen. Nehmen wir mal an: Ein kleiner achtjähriger Junge sieht 1978 seinen Vater neben einem echten Kaiser stehen. Ein etwas größerer Junge lernt 1988 während der Projektwoche in der Schule, dass dieser Kaiser ein Diktator war. Die Wahrnehmungen der beiden sind unvereinbar. Die des Jugendlichen setzt sich schließlich durch, und er fragt sich und seinen Vater, wieso nichts gegen die systematischen Verbrechen des Schah gesagt und getan wurde. Und wieso diejenigen, die dann doch etwas gesagt haben, immer wieder attackiert wurden.

Die Bezugnahmen auf Kämpfe in anderen Weltregionen, die die Revolten der Achtundsechziger ausmachten, sind keine billigen Projektionen gewesen, zumindest nicht im psychologischen Sinn. Sie übertragen und verlagern nicht innere Konflikte auf ein Objekt, das damit im Prinzip nichts zu tun hat. Im Gegenteil, der tatsächlich bestehende Zusammenhang (hier zwischen US-Außenpolitik und Privilegien des deutschen Kleinbürgertums) wird benannt und sichtbar gemacht (wenn also Projektion, dann im optischen Sinn). Der »internationale Charakter der Revolutionswelle selbst«, schreibt Bini Adamczak, »war die Bedingung der Möglichkeit von 1968«.6 Dem Pariser Mai gingen die Proteste gegen die Kolonialherrschaft in Algerien voraus, in Berlin waren nicht Hochschulstrukturen und alte Nazis der Anlass für die wichtigste Demo, sondern der Besuch des Schahs. (Mit Vorläuferprotesten übrigens, etwa 1964 gegen den BRD-Besuch des kongolesischen Präsidenten Moïse Tschombé, der als Teil des Mordkomplotts an seinem Vorgänger Patrice Lumumba galt. Lumumba war ein Hoffnungsträger der emanzipatorischen antikolonialen Bewegungen gewesen.) Die Akteure und Akteurinnen selbst sahen das auch so: Die Orientierung an den antikolonialen Kämpfen konnte und sollte »eine politische Moral der Kompromisslosigkeit« herausbilden, wie Hans-Jürgen Krahl es auf dem Berliner Vietnam-Kongress 1968 formulierte.7 Diese politische Moral richtete sich gegen die kompromisslerische Haltung von sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien.

 

 

Adamczak schreibt, das Erstaunliche an der Revolutionswelle von 1968 sei gewesen, dass es sie überhaupt gegeben habe. »Wie konnte die Tradition eines freiheitlichen Sozialismus aktualisiert werden, nachdem die äußere Konterrevolution von Faschismus und Nazismus die sozialistischen Akteurinnen ermordet, ihre Institutionen zerschlagen, ihre Publikationen verbrannt hatte? Ohne personelle wie institutionelle Entnazifizierung? … Sie kam zu einem großen Teil von außen.« Dieses Außen waren die antikolonialen Kämpfe und die der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Es knüpfte aber auch an ein Innen an: die Suche nach Alternativen zu den ehemaligen Nazis in der Schule, in der Justiz, am Küchentisch, die Suche nach Alternativen zu Notstandsgesetzgebung, bürgerlicher Kleinfamilie und großer Koalition. Diese Suchbewegungen fanden innerhalb des sozialen Raums der Bundesrepublik statt. Aber das Außen war wichtig, vielleicht sogar ausschlaggebend. Das Außen motivierte nicht nur den sozialen Aufruhr als Ganzen, sondern auch den Einzelnen.

Es ist dann entscheidend, wenn der oder die Einzelne in seinem und ihrem familiären Umfeld und in seinem und ihrem Milieu nichts findet, was auch nur ansatzweise links, geschweige denn libertär-sozialistisch ist: keine kommunistischen Großmütter (nur deutschnationale Großväter). Oder wenn es keine strukturellen Gründe für ein Aufbegehren gibt, also keinerlei eigene Diskriminierungserfahrungen, nicht einmal vermittelte (nicht Mädchen oder schwul zu sein, nicht einmal schwule, lesbische, schwarze oder auch nur aus der Türkei kommende Menschen weit und breit). Im Umkreis des Sohns eines Ingenieurs und einer Krankengymnastin – so nannte man damals Physiotherapeutinnen – gab es nur weitere Ingenieure und Hausfrauen, Ärzte und Lehrerinnen, Rechtsanwälte und irgendwo im industriellen Bereich Angestellte. Eine milieugerechte Karriere hätte mit dem Betriebswirtschaftsstudium oder der Banklehre nach dem Abitur begonnen, aber da war es schon zu spät. Der Junge will Geschichte oder zumindest Soziologie studieren.

Während des Studiums in den neunziger Jahren hatten wir noch Zeit: Wir organisierten Büchertische mit anarchistischen Klassikern oder Veranstaltungen zu Hochschulpolitik und zum Spanischem Bürgerkrieg, zur Asylgesetzgebung und zu Guerillabewegungen in Lateinamerika, zu Fragen der marxistischen Staatstheorie und zu Judith Butler. Und zu vielem anderen. Ich war Teil verschiedener Kollektive (totale Kriegsdienstverweigerer, Infoladen) und auf unzähligen Pro-und-Kontra-Demos mit Anlässen von A (wie Abschiebeknäste und/oder Atomtransporte) bis Z (wie Zapatismus). Mein Vater hatte die ganze Zeit Angst, ich würde bei der RAF enden. (Die RAF gab es noch, die Angst war echt. Wenn auch völlig abwegig, ich verstand mich als gewaltfreien Anarchisten, als profeministischen Anarchokommunisten – Leninismus, zumal »mit Knarre«, war mir zuwider.8)

Wieso? Woher das ganze Linkssein? Man musste, schreibt Pierre Bourdieu über die künstlerischen Avantgarden des 19. Jahrhunderts, »auch ein ›verkrachter‹ Bürger sein, mit den Normen und Werten seiner Klasse brechen und vor allem auch mit den damit objektiv verbundenen Karrierechancen, um den Erwartungen des bürgerlichen Publikums nicht entsprechen zu wollen«.9 Diese Worte zur Kunst lassen sich auch auf das politische Feld übertragen. Viel ist die Nase gerümpft worden über die »Bürgersöhnchen« in den Revolten der »achtundsechziger Jahre« (Bürgerinnentöchterchen waren wahrscheinlich mitgemeint). Es gab auch wilde Streiks und viele Mobilisierungen von Arbeiterinnen und Arbeitern, vor allem in Italien und Frankreich. Aber ohne die Abtrünnigen aus dem Kleinbürgertum wäre es eben doch nicht das geworden, was es wurde, nicht »1968«. Und die Motive für die ausgelassenen Karrieren sind erklärungsbedürftig. Wieso wird man ein/e verkrachte/r Bürger/in und kein angepasster? (Bourdieus eigene Interpretation der Revolte in Frankreich als Effekt verhinderter Universitätskarrieren durch die Bildungsexpansion ist alles andere als hinreichend.)

Die Frage nach den Motiven ist eine grundsätzliche. Wenn es keine am eigenen Leib erfahrene Not gibt, keinen Hunger, keine direkte Ausbeutung, und wenn es keine Kluft zwischen Erwartungshaltung und Realität gibt, die in der Soziologie als revoltenrelevante »relative Deprivation« geführt wird, und wenn keine eigenen Diskriminierungserfahrungen vorliegen, wie kommt es dann zum Aufruhr? Wenn es innerhalb des eigenen Milieus niemanden gibt, den die Not, das Leiden anderer interessiert und der ein Beispiel geben kann, was man dagegen tun könnte (wie etwa eine kommunistische Großmutter). Mein Vater war Thatcherist. Für ihn gab es so etwas wie Gesellschaft nicht, nur Individuen und die Familie.

Es gibt eine dritte, oft beschriebene Möglichkeit neben eigener Not- und Diskriminierungserfahrung, die die Motivation sich zu engagieren oder zu revoltieren hervorrufen kann: die Grenzerfahrung. Soziale, ethnische, kulturelle Grenzerfahrungen waren immer wieder eine der Grundlagen für das linke politische Engagement von Intellektuellen. Pierre Bourdieu stammt aus einfachen Verhältnissen im südfranzösischen Béarn und macht die verstörende Bekanntschaft der französischen Eliteuniversitäten in Paris. Der Kulturtheoretiker Raymond Williams kam aus dem ländlichen Wales und traf auf ihm völlig unbekannte urbane akademische Gepflogenheiten in Cambridge. Einen seiner Romane nannte er Border Country. Die Dichterin, Kulturtheoretikerin und lesbische Feministin Gloria Anzaldúa wächst in jenem Süden der Vereinigten Staaten auf, der früher zu Mexiko gehörte, macht multiple Grenzerfahrungen und nennt ihr einflussreiches Hauptwerk Borderlands/La Frontera. Und so weiter.

Nichts auch nur annähernd Vergleichbares gab es bei mir. Was also, wenn weder Not noch Diskriminierung noch Grenzerfahrung existieren? Da kommen die (optischen, haptischen) Projektionen von Achtundsechzig ins Spiel. Sie zeigen andere Welten auf und andere Arten und Weisen, mit diesen Welten, die ungerecht waren, umzugehen. Projektionen in diesem Sinn (Weltkarte) sind hin- und mitreißend. Mitreißend wie die Ströme bei Deleuze und Guattari, die die bestehenden Kodierungen der symbolischen Ordnung unterlaufen, also der Gewalt der festlegenden Identitäten entfliehen (oder zumindest zu entfliehen versuchen). Neue Identitäten oder einfach Identifizierungen, die sich nicht am Naheliegenden und Gewohnten ausrichten, entstehen nur in Aktion, schreibt Eribon, durch »eine politische Mobilisierung und eine theoretische Analyse«. Aufzeigen und Umgang, Analyse und die Versuche, praktische Konsequenzen daraus zu ziehen – 1968 machte die Probleme anderer Leute zu den eigenen und stiftete Verbindungen über Generationen hinweg. Deshalb war 1968 so wichtig. Für mich. Und andere.

Es geht in Meinhofs Brief nicht nur um eine politische Analyse der persischen Gesellschaft, es geht auch darum, wie wir an diesen Zuständen teilhaben. Wir, die wir in der Bundesrepublik Deutschland leben. Wir, ganz allgemein, die durch die ökonomischen Verflechtungen in einem weltweit agierenden Kapitalismus von der globalen sozialen Ungleichheit profitieren. Und ganz konkret wir, also ich, mit einem Elternteil, der ein klitzekleines, aber sehr geschmeidiges Rädchen im Getriebe dieser Ungleichheit war und dem Schah den Einstieg bei Krupp ein bisschen schmackhafter gemacht hat. Wir, die wir nun ein Vaterbild auf die Weltkarte der Geschichte projizieren oder es von dort wieder zurückholen.

Mit den Konsequenzen, die es aus diesem Verflochtensein in globale Machtverhältnisse zu ziehen galt und gilt, meine ich nicht diejenige, die Ulrike Meinhof schließlich gezogen hat. (Den Weg in den bewaffneten Untergrund sind nur die wenigsten gegangen.) Es gab und gibt zum Teil noch immer Kinderläden und Wohngemeinschaften, Kommunen und selbstverwaltete Buchläden, Kollektive in allen Arbeitsbereichen. Neue, andere Lebensformen. Konsequenzen zum Riechen, Schmecken und Anfassen. Auch 1988 noch. Weil man einerseits auch noch andere Fotos zu sehen bekommt als die aus dem eigenen Familienalbum, hochgestreckte Fäuste zweier schwarzer Sportler bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt oder Barrikaden und situationistische Slogans in Paris, und weil man andererseits plötzlich die Sperrmüllsofas im Raum der SchülerInnenselbstverwaltung als Effekt der Revolte von 1968 interpretiert und auch den Zopf des Kunstlehrers und das Bundestreffen Gewaltfreier Aktionsgruppen und die Anti-Atom-Proteste in Gorleben und Ahaus und so weiter und so fort. Mein Vater war später auch in den Bau von Atomkraftwerken involviert. (Und ja, es stimmt, so alt ist das Binnen-I.)

Im Freundeskreis meiner Eltern gab es nicht einmal Männer mit Vollbart, auch keine SozialdemokratInnen. Dass 1968 überhaupt etwas passiert war, lernte ich von Lehrerinnen und Lehrern in der Schule, die sich selbst mit dem Geschehenen verbunden fühlten.

Der Gedanke an Solidarität muss erst geschaffen werden. Nicht einfach nur geweckt, denn das hieße ja, er sei da, aber schlafe bloß. Er war aber nicht da. Solidarität ist eine uneigennützige Hinwendung zu anderen. Sie ist politisierte Empathie. Sie ist auch eine Abwendung vom Leben des Vaters (und der Mutter). Sicherlich auch von dessen autoritärer Haltung, von dessen Kontroll- und Machbarkeitsfreude. Von dessen Konzentration auf das Wohl der Familie. Aber es geht nicht um Befreiung vom Vater, sondern es geht, wie Deleuze und Guattari anlässlich Kafkas Brief an den Vater schreiben, darum, »wie man dort einen Weg finden kann, wo er keinen gefunden hat«. Nicht einmal einen gesucht hatte.

Auch wenn die Perspektive des Achtjährigen und die des Achtzehnjährigen auf den Vater sich nicht vereinbaren lassen, sie leben doch gemeinsam weiter. Bis in diesen Text hinein. Denn selbst der distanzierte Blick ist noch ein geprägter, eine gebrochene Spiegelung des Blicks des kleinen Jungen auf seinen Vater, der neben einem echten Kaiser steht. Und der folglich, aus der Sicht des Kindes, auch etwas von dem Glanz des Kaiserlichen auf sich selbst hinübergezogen hat. So dass es sich jetzt noch lohnt, über ein Bild vom Vater zu schreiben. So bleibt schließlich auch der bald 48-Jährige, inhaltlich nach wie vor auf der Seite des 18-jährigen Projektwochenschülers, dem Blick des Achtjährigen verfallen. Und trotzdem und gerade deshalb: Es geht nicht ohne diesen Blick, der sich nicht abschütteln lässt, wenn man verstehen will, wieso das Treten in die Fußstapfen ausgeschlagen wird, wieso ein Wechsel des Milieus stattfindet.

Mein Vater war natürlich ebenso wenig ein Einzelfall wie ich. Der kurze Film Unfinished Business (2009) der Künstlerin Cathleen Schuster handelt von einer Gruppe deutscher Ingenieure und Arbeiter – einer davon ist Schusters Vater –, die ihre Arbeit an einem Atomkraftwerk in Persien Ende der 1970er Jahre nicht beenden können, weil die Revolution ausbricht. »Ingenieur: Gestern hat Krupp zum Umtrunk in die ›Neue Bar‹ eingeladen. Anlass war die erfolgreiche Prüfung der Stahlhütte Block I. Heute morgen: Terror auf der Baustelle. Agitatoren treiben unsere Iraner aus den Gebäuden, in Horden, ziehen sie über die Baustraßen und Brüllen: Mordebad Schah /Allahu Akbar«.10

Mein Vater war so alt wie Pierre Bourdieu und Helmut Kohl, Jahrgang 1930. Er war ein konservativer Neoliberaler. Ich habe ihn geliebt und wegen seiner politischen Ansichten auch verachtet. Er starb 2007.

Als Ulrike Meinhof meinte, Farah Diba brauche sich keine Sorgen zu machen, dass dem Kaiser etwas geschehe, weil der Westen ihm aus seinen Verbrechen keinen Strick drehen würde, hatte sie das damit begründet, dass der Schah ein Garant für billiges Öl, für die soziale Ungleichheit und die Ausbeutung der Landbevölkerung sei. Nicht erwähnt hatte Meinhof, dass solche großen Garanten wie ein Kaiser immer auch auf kleine Garanten angewiesen sind, die garantieren, dass die Garantien des großen auch funktionieren. Militärs natürlich, der Polizeiapparat, aber auch die ganze zivile Hegemoniefraktion, Lehrerinnen und Lehrer, Vereine, Handelspartner. Letztlich also auch Leute, die im antiimperialistischen Weltbild von Meinhof und anderen nicht gerade der Seite der Herrschaft zugeschlagen werden. Ingenieure zum Beispiel, die mit ihrer Welt und Weltsicht die großen Garantien, die die Diktatoren geben, im Kleinen unterstützen, gutheißen, mittragen, ausbauen, legitimieren. Die das mitgestalten, was Ulrich Brand und Markus Wissen heute die »imperiale Lebensweise« nennen.11 Die einen Lebensstandard aufgebaut und verteidigt haben, der auf der Ausbeutung sozialer und ökologischer Ressourcen an anderen Orten beruht. Ingenieure, die es selbstverständlich erscheinen lassen, dass zur Exportsteigerung auch der infrastrukturelle Ausbau von Diktaturen gehört. Und die dabei deren ökonomische Basis aufbauen.12 Und sich damit selbst ihre ökonomische Basis aufbauen. Und die diese Basis ihres Aufstiegs zur Vorhaltung machen. »Seit jeher machtest Du mir zum Vorwurf«, schrieb Kafka an seinen Vater, »daß ich dank Deiner Arbeit ohne alle Entbehrungen in Ruhe, Wärme, Fülle lebte.« Unterstrichen hatte diesen Satz der 18-Jährige, der den Vorwurf kannte und von der Arbeit deshalb nichts wissen wollte. Bis das Familienalbumfoto auf der Weltkarte erscheint.

Dieser Text ist ursprünglich im Juni 2018 in der Print-Ausgabe des Merkur erschienen. Die Übersicht über das Heft und alle Kaufoptionen  finden Sie hier.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Ulrike Meinhof, Offener Brief an Farah Diba. In: konkret, Nr. 6, 1967.
  2. Gerd Koenen, Das rote Jahrzehnt. Unsere kleine deutsche Kulturrevolution 1967–1977. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2001.
  3. Perser-Geld bei Krupp. In: Spiegel vom 25. Oktober 1976.
  4. Didier Eribon, Gesellschaft als Urteil. Berlin: Suhrkamp 2017.
  5. Gilles Deleuze/Félix Guattari (1976), Kafka. Für eine kleine Literatur. Berlin: Suhrkamp 2017.
  6. Bini Adamczak, Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende. Berlin: Suhrkamp 2017.
  7. Hans-Jürgen Krahl, Diskussionsbeitrag auf dem Berliner Vietnam-Kongreß. In: Ders., Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolution. Frankfurt: Neue Kritik 1971.
  8. Die Bezeichnung der RAF als »Leninisten mit Knarre« geht auf einen Artikel in der Berliner Anarcho-Zeitung Agit 883 vom 6. Dezember 1971 zurück und wurde zum geflügelten Wort. Diese Einschätzung war auch eine Reaktion darauf, dass die Mitglieder der RAF auf Fahndungsplakaten und in den Medien fälschlicherweise als »Anarchisten« bezeichnet wurden.
  9. Pierre Bourdieu, Feld der Macht, intellektuelles Feld und Klassenhabitus. In: Ders., Kunst und Kultur. Kunst und künstlerisches Feld. Schriften zur Kultursoziologie 4. Hrsg. v. Franz Schultheis u. Stephan Egger. Universitätsverlag Konstanz 2011.
  10. Zit. n. Unfinished Business (Script). In: Cathleen Schuster/Marcel Dickhage, Performing Archive. Bönen: Kettler 2013.
  11. Ulrich Brand/Markus Wissen, Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. München: Oekom 2017.
  12. Was die Grundlagen der Ökonomie Persiens betrifft, aber das ist ein anderes Thema, konnten sie von den neuen Diktatoren dann ohne weiteres übernommen werden. Die iranischen Mullahs halten bis heute Krupp-Anteile, allerdings nicht mehr so viele. Der Thyssen-Krupp-Konzern kaufte dem Iran 2003 auf Druck der USA Aktien des eigenen Unternehmens im Wert von 406 Millionen Euro ab, »um so den Iran-Anteil am Unternehmen auf unter fünf Prozent zu drücken«. Thyssen-Krupp kauft Aktien vom Großaktionär Iran zurück. In: FAZ vom 20. Mai 2003 (www.faz.net/aktuell/wirtschaft/stahl-industriegueter-thyssen-krupp-kauft-aktien-vom-grossaktionaer-iran-zurueck-1103286.html ).

1 Kommentare

  1. Georg Böhler sagt:

    Tatsächlich:
    es gibt sie noch, die lesenswerten Texte über „68“…!

    Herzlichen Dank für diesen Text!

    Man/frau vergleiche nur diese Betrachtungsweise mit dem Rotz, den z.B. eine Frau Röhl (von Beruf „Tochter“…) über diese für die BRD überaus wichtige Zeit ins Publikum kübelt – und es entstehen doch „leise“ Zweifel am Dictum vom „Volk der Dichter und Denker“!

    Lieber Herr Kastner, weiter so!

    Grüßle aus der „Hauptstadt“ nach da und dort…

    Nomos

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