1968: Revolte und Regression

Wo man Geschichte nach Generationen ausmisst, vereint sich oft publizistischer Geschäftssinn mit analytischer Trägheit. Bei der Achtundsechzigergeneration (gemeint: die 1940er Geburtsjahre) ist das ein wenig anders. Wer sich unter diesem Titel versammelt, beweist ausgeprägtes Jahrgangsbewusstsein, empfindet sich von einem klar definierbaren Zeitgeist besessen oder beschwingt und akzeptiert die Zahl als Gruppenidentität. Mit Sicherheit werden Veteranen der Revolte die Buchhandlungen und Bibliotheken 2018 wieder um einige Regalmeter Erinnerungsliteratur erweitert haben.

Angesichts dieses Chors wohl meist lieblich tönender Bilanzen vermisst man schon jetzt eine Stimme wie die von Panajotis Kondylis (1943–1998). Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks hatte der griechisch-deutsche Gelehrte mit grimmiger Prägnanz formuliert, warum nicht 1968, sondern 1989 das Offenbarungsjahr der sogenannten Achtundsechziger Westdeutschlands sei: In Massen hätten diese sich auf der nun »endgültig ermittelten richtigen Seite der Geschichte« versammelt. »Pikanterweise befinden sich darunter Leute, die noch gestern die Entfremdungsideologeme im Munde führten und die ›Manuskripte‹ des jungen Marx unterm Arm hielten, aber in der Atmosphäre von 1989 den längst fälligen letzten Schritt zur Versöhnung mit dem ›System‹ taten. Ethische und politische Inspirationsquelle war auch in diesem Fall die normative Kraft des Faktischen. Nach dem Schiffbruch der Utopie des Ostens machten sich die domestizierten Überbleibsel der ›Linken‹ die Utopie des Westens pauschal zu eigen, und ohne viel Federlesens tauschten sie den ›Antifaschismus‹ gegen den ›Antitotalitarismus‹ aus. Sie werden sich zum zweiten Mal nacheinander getäuscht haben, sollte die Globalisierung westlicher Wirtschaftsform und Ethik nicht die Verwirklichung der entsprechenden Utopie, sondern gewaltige Verteilungskämpfe und Katastrophen planetarischen Ausmaßes nach sich ziehen.«1

Von der Weltrevolution in die Nischenwelt

Jahrelang hatten die (Ex)Revoluzzer wie ihr Land auf Kosten der gut weggesperrten Deutschland-, ja Welthälfte gelebt. Der Kollaps der Zweiten Welt wurde als Vorspiel zum Ansturm der Dritten auf die selige Insel erlebt. Doch wäre es übertrieben, das Frösteln speziell der westdeutschen Ex- oder Postlinken im östlich einströmenden Zugwind als »Verrat an 1968« zu deuten. Sehnsucht nach Weltenweite bei gleichzeitiger Abdichtung gegen banale Realitäten, ob per Theoriegebraus, Drogentrip, Symbolpolitik, ist eine Konstante bundesdeutscher Emanzipationsmentalität. Was der Studentenbewegung der Jahre 1967 bis 1969 den Impuls gab, spiegelte eher westdeutsche Nachkriegsbesonderheiten als die weltweiten Umbrüche wider. Ein Unbehagen am puren Leistungsprinzip, mit moralischen Empörungs- und kulturellen Erweckungsgesten drapiert, lag nahe. Typische Sinnirritationen eines Daseins in entfalteter Konsumgesellschaft also, durch die Sauerstoffarmut eines Frontstaatdaseins verstärkt.

(…)

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Panajotis Kondylis, Der nächste Verrat der Intellektuellen. In: Ders., Das Politische im 20. Jahrhundert.Von den Utopien zur Globalisierung. Heidelberg: Manutius 2001; zuerst FAZ vom 28. Dezember 1995 unter dem Titel Blühende Geistesgeschäfte.

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