Doppelgesichter und Verräter

Die Szene ist heutzutage hervorragend aufbereitet. Da gibt es die lesbische Rechtsradikale, den untreuen CSU-Moralapostel, die betrügerischen Saubermänner in hohen politischen Ämtern, die steuerflüchtenden Steuerfahnder. Und die Anwältin im politischen Prozess, die ihre Rolle wechselt und plötzlich nicht mehr Nebenklagevertretung macht, sondern Verteidigung, und von ihrer Mandantin folgerichtig entlassen wird.

Das hat aber kein System, werden Sie protestieren, das ist der passiert, irgendwann, im Verlauf von fünf Jahren kann viel passieren. Sie hat sich in dem Prozess einfach der anderen Partei zugewandt, ohne es zu merken. Ja, aber was hat denn dann System? Beziehungsweise was für ein System steckt hinter den anderen Doppelgesichtern, den Zweigleisigen, den zwischen öffentlicher und privater Moral Unterscheidenden, manchmal auch zwischen der einen öffentlichen und der anderen öffentlichen Moral? Ist es eine derzeit vorherrschende grundsätzliche Disposition, die uns unsere eigenen ethischen Verlautbarungen nicht auf uns selbst zurückbeziehen lässt – oder sind wir alle vom Phänotypus Doppelagent oder Verfassungsschützer angesteckt? Ich verbitte mir das »Uns«, werden Sie sagen, dieses falsche »Wir« ist schon Teil des Problems. Eben, sage ich. Und fahre fort.

(…)

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