Historiker des »schwarzen Atlantik«. C. L. R. James und Eric Williams

Der Aufstieg der Globalgeschichte seit der Jahrtausendwende kann als eine der wichtigsten Entwicklungen in den Geschichtswissenschaften seit der sozialgeschichtlichen Hausse der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts angesehen werden. Nicht zuletzt destabilisierte die neue Richtung eine der zentralen Grundlagen der akademischen Geschichtsschreibung: den lange kaum hinterfragten Fokus auf den Nationalstaat als zentrale Untersuchungseinheit. Die Grenzen überschreitende Mobilität von Menschen, Waren und Ideen wurde hingegen zu einem zentralen Telos der globalhistorischen Betrachtung der Vergangenheit.1

Auch in der neu entfachten historischen Beschäftigung mit dem Kapitalismus tritt eine globale Perspektive unübersehbar hervor.2 In diesem Kontext werden die Rückwirkungen der mit Sklavenarbeit betriebenen Plantagenökonomie in den beiden Amerikas auf Produktion und Konsumtion im nordatlantischen Raum wieder neu vermessen, etwa in Sven Beckerts viel beachtetem Buch über den »König Baumwolle«.3 Eher beiläufig verweist Beckert auf zwei mehrere Dekaden alte Studien von karibischen Intellektuellen und Historikern, die gleichsam als Globalgeschichte avant la lettre gelten können: Cyril Lionel Robert James’ 1938 veröffentlichte Studie Black Jacobins. Toussaint L’Ouverture and the San Domingo Revolution und das sechs Jahre später publizierte Buch Capitalism and Slavery aus der Feder von Eric Williams.

Beide Werke beschrieben die Verflechtungen der kapitalistischen Welt, die große, vielschichtige Bedeutung der Sklavenproduktion für den nordatlantischen Raum und die Entwicklung des Kapitalismus in einer Eindringlichkeit, die sie nicht nur als historiografische Meilensteine ausweist, sondern ihnen bis heute Aktualität verleiht.4 Beide Autoren stammten von der britischen Karibikinsel Trinidad. Wie viele der schwarzen Diaspora-Intellektuellen, die sich im 20. Jahrhundert mit der Frage nach der Bedeutung der Sklaverei bei der Schaffung der modernen Welt beschäftigten, begriffen auch James (1901–1989) und Williams (1911–1981) ihre Studien dezidiert als politische Intervention.5 Ihre Biografien schließlich verweisen auf unterschiedliche Pfade des Antikolonialismus, die sich zunächst kreuzten, in der Folge jedoch politisch zunehmend auseinanderliefen.

Sklaverei und Kapitalismus

Saint-Domingue war vermutlich die einträglichste Kolonie der Geschichte. Zum Zeitpunkt der Französischen Revolution erzeugte die Insel mit ihren achttausend Plantagen und einer halben Million Sklaven nicht weniger als zwei Drittel des französischen Außenhandels. Doch kurz darauf, zwischen 1791 und 1804, mündete eine Sklavenrevolte in eine echte nationale Revolution, aus der Haiti als erster »schwarzer Nationalstaat« hervorgehen sollte. Die haitianischen Revolutionäre richteten ihr politisches Handeln an den Idealen der Französischen Revolution aus. Deren Verheißung von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit suchten sie in der Karibik zu verwirklichen. Oder, wie Toussaint L’Ouverture, der führende Kopf dieser Revolution, das Ziel im Verfassungsentwurf von 1800 zusammenfasste: Alle Menschen in Saint-Domingue sollten »frei« und »Franzosen« sein.6

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Vgl. Sebastian Conrad, What is Global History? Princeton University Press 2016.
  2. Vgl. Friedrich Lenger, Die neue Kapitalismusgeschichte. Ein Forschungsbericht als Einführung. In: Archiv für Sozialgeschichte, Bd. 56, 2016.
  3. Sven Beckert, King Cotton. Eine Globalgeschichte des Kapitalismus. München: Beck 2014.
  4. Vgl. Frederick Cooper, Africa in the World. Capitalism, Empire, Nation-State. Cambridge/Mass.: Harvard University Press 2014.
  5. Vgl. Patrick Manning, The African Diaspora. A History through Culture. New York: Columbia University Press 2009.
  6. Vgl. Laurent Dubois, Avengers of the New World. The Story of the Haitian Revolution. Cambridge/Mass.: Harvard University Press 2004.

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