Kulturerbe als »Shared Heritage«? (I) – Kolonialzeitliche Sammlungen und die Zukunft einer europäischen Idee

Je suis comme vous – Ich bin wie ihr. Mit dieser Botschaft entzückte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron am 28. November 2017 die Jugend in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso. Angereist mit dem Anspruch, die Beziehungen Frankreichs zu den Ländern Afrikas neu zu definieren, gab sich Macron bescheiden. Seine Rede sollte zeigen, dass es Zeit für ein neues Miteinander »auf Augenhöhe« sei.

Rhetorisch fundierte Macron sein Anliegen mit zwei Strategien: Erstens achtete er darauf, Afrika nicht als Objekt europäischer Wünsche und Ansprüche zu bagatellisieren. Sein Besuch gelte nicht »Afrika«, dem Kontinent, der vor allem das Produkt europäischer Zuschreibungen ist, sondern den Ländern Afrikas. Diese Vorlage, mit der er die einzelnen Länder Afrikas als individuelle Staatswesen ernst nahm, ergänzte der Präsident um eine Geste der Solidarisierung: »Ich bin wie ihr aus einer Generation, die Afrika nicht als kolonisierten Kontinent erlebt hat. Ich gehöre zu einer Generation, die eine ihrer schönsten politischen Erinnerungen mit dem Sieg Nelson Mandelas im Kampf gegen die Apartheid verbindet – ein Kampf, angetrieben von einer panafrikanischen Solidarität von Algier bis Rabat, von Luanda bis Conakry. Das ist die Geschichte unserer Generation.«

Das »Wir«, das Macron vor der Jugend an der Universität Ouaga I beschwor, war ein generationelles Wir. Ein Wir, das die grundlegende Trennlinie verwischen sollte, die bislang den Blick vieler Menschen auf die Welt strukturiert: die ethnische Grenze. Er wollte nicht über Franzosen und Afrikaner reden (was er de facto die ganze Zeit machte), sondern eine neue französische, eine neue europäische Politik betreiben, die aus einem postkolonialen Geist entsteht. Ein solcher Geist, das machte Macron in Ouagadougou klar, ist der Geist der jungen Generation, die – wie er – jetzt an die Hebel der Macht kommt.

Anerkennung und generationelle Vergemeinschaftung: Wer diese beiden Strategien nutzt, um eine neue Politik zwischen Frankreich oder Europa und Afrika zu begründen, muss früher oder später über die aktuellen Ungleichheiten und Folgelasten aus der Vergangenheit reden, und er muss zeigen, was diese Generation eint und wo sie gemeinsame Interessen verfolgt, die alte nationale oder kontinentale Unterschiede überwinden können. Zum Symbol seiner ernsten Absichten wählte Macron ein Feld, das seit einigen Jahren die Beziehungen zwischen Europa und Afrika kompliziert: das Kulturerbe.1

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Kulturerbe (und seine mögliche Restitution) ist in der Welt der Realpolitik ein vergleichsweise billiges Symbol der ernsten Ambitionen, wo die Alternative den Ländern Afrikas gegenüber doch Schuldenerlass, ein neues Wirtschaftsrecht oder Abbau von Zollschranken hieße. Um neue Optionen und Ansätze zu testen, ist es freilich genau dieses politisch und wirtschaftlich reduzierte Risiko, das einen neuen Prozess des Miteinanders in Gang setzen kann.

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