Verhasst – verehrt – vergessen. Die Novemberrevolution in der deutschen Erinnerungsgeschichte

Unser Blick auf die Vergangenheit folgt der Aufmerksamkeitsökonomie eines Geschichtsmarkts, der geradezu zwanghaft auf die Magie runder Jahrestage fixiert ist. Die Zugkraft des hundertsten Jubiläums sorgte dafür, dass Geschichtsschreibung und Öffentlichkeit sich in den vergangenen Jahren in beeindruckender Intensität mit dem Ausbruch des Weltkriegs von 1914 befassten. Die hundertjährige Wiederkehr ließ im vergangenen Jahr den Roten Oktober 1917 in Russland in den Fokus rücken und in seinem Gefolge nun immer deutlicher auch den Grauen November 1918 in Deutschland. Um inhaltliche Zusammenhänge schert die jubilarische Aufmerksamkeitsökonomie sich wenig; ihre Fokusbildung folgt kalendarischen Fixpunkten, und sie richtete sich 2013/14 auf den Weg in den Großen Krieg, ohne sein revolutionäres Ende 1918 in den Blick einzubeziehen,1 während sich wiederum die aktuelle Neubesinnung auf 1918/19 weitgehend losgelöst von den Debatten um die Urkatastrophe von 1914 zu entwickeln scheint. Wäre es nach der innerdisziplinären Entwicklungslogik der Zeitgeschichte gegangen, stünde die historische Aufarbeitung der Novemberrevolution wohl kaum auf dem Tagungskalender.

Der Aufmerksamkeitssog der Jubiläen stellt allerdings auch Erkenntnischancen bereit. Schließlich ist Geschichte nie zu Ende erzählt, jedes Ereignis, jede Entwicklung, jede Episode kann jederzeit unvermutet in neuem Licht erscheinen. Umso wichtiger ist es, sich zunächst einmal Klarheit über die bisherige Erinnerungsgeschichte, ihre narrativen Leitbegriffe und Deutungsmuster zu verschaffen. Was die Novemberrevolution angeht, fällt dabei eines sofort ins Auge: Sie ist bis heute eine verschämte Revolution geblieben, eine Revolution, die keine Glorifizierung erfahren hat, keine Aufnahme in den Ruhmestempel der deutschen Demokratiegeschichte, eine Umwälzung ohne Anhänger, eine »Revolution, die niemand wollte«.2

Der Topos der bedrohten Ordnung

Das gilt bereits für die politischen Akteure der Umbruchszeit selbst, und zwar von dem Moment an, an dem die Revolution in Kiel ausbrach und in den Folgetagen wie ein Flächenbrand das ganze Reich erfasste. Während der Zugfahrten, auf denen die sozialdemokratischen Protagonisten in den Tagen der revolutionären Auflösung der alten Ordnung von ihren Heimatorten aus ihren politischen Wirkungsstätten entgegeneilten, war nichts von dem revolutionären Feuer zu spüren, das Lenin im Jahr zuvor von Zürich nach Petrograd begleitet hatte. Die Atmosphäre atmete den Geist widerstrebend übernommener Verantwortung.

Einer Aufforderung des SPD-Parteivorsitzenden Philipp Scheidemann folgend, langte am 4. November 1918 Gustav Noske, von Berlin kommend, in Kiel an, erschöpft vom Streit um eine nicht korrekt gelöste Fahrkarte und in der sorgenvollen Einschätzung, »daß die Lage sich gefährlich gestaltet hatte«.3 Als Scheidemann zwei Tage später Hermann Müller zur Unterstützung Noskes nach Kiel beordern wollte, winkte Müller ab, weil ihm »die Zeit für den 1-Uhr-Mittagszug zu knapp zu sein schien« und er die Aufgabe zu beschwerlich fand: »Ohne mich mit dem nötigen Kleingepäck versehen zu haben, wollte ich nicht abfahren, da ich in Berücksichtigung der gährenden [sic!] Zeit nicht wußte, wie lange mein Kieler Aufenthalt dauern würde.« 4 Als er die Reise dann doch unternahm und unterwegs in Hamburg strandete, registrierte Müller besorgt: »Nach dem, was ich am Abend hörte, war zu befürchten, dass in Hamburg die Wellen der Revolution weiter nach links schlagen würden, als das mit der Lage Deutschlands verträglich war«, um sich bei näherem Augenschein wieder zu beruhigen: »Die Ordnung wurde durch Soldaten, die die rote Binde kenntlich machte, aufrechterhalten.« Im selben Sinne argumentierte auch der Diplomat und Schriftsteller Harry Graf Kessler, der im Auftrag der Regierung Max von Badens am 7. November in Magdeburg eintraf, um den dort inhaftierten polnischen Nationalrevolutionär Józef Piłsudski nach Berlin zu geleiten. Dem Magdeburger Stadtkommandanten riet er, »die Truppen möglichst wenig vorzuschicken, da sie die Bevölkerung irritierten, und nicht einmal kämpfen würden; besser sei, die Ordnung wenn möglich durch die Gewerkschaften und die sozialdemokratische Organisation aufrecht zu erhalten«.5

Ganz ähnlich agierte Noske. Er war vom Bahnhof zu den meuternden Matrosen über den Kieler Exerzierplatz geeilt: »Ein ganz klares Bild von der Lage in Kiel konnte ich naturgemäß noch nicht haben. In meiner kurzen Ansprache beschränkte ich mich deshalb auf allgemeine Betrachtungen, die der politischen Lage entsprachen, und schloß mit der nachdrücklichen, mit großem Beifall aufgenommenen Aufforderung, Ordnung zu bewahren.«6 Noske befand sich mit dieser Strategie im Einklang mit Scheidemann, der in denselben Tagen mit seinem Austritt aus der Regierung drohte, um zu verhindern, »daß die Unruhen schlimmste Dimensionen annehmen«.7

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. »Nur am Rande fand die Revolution dagegen in den 2014 publizierten Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg Berücksichtigung«. Volker Stalmann, Die Wiederentdeckung der Revolution von 1918/19. Forschungsstand und Forschungsperspektiven. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Nr. 6, 2016.
  2. Andreas Wirsching, Die paradoxe Revolution 1918/19. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Nr. 50–51 vom 1. Dezember 2008.
  3. Gustav Noske, Von Kiel bis Kapp. Zur Geschichte der Deutschen Revolution. Berlin: Verlag für Politik und Wirtschaft 1920.
  4. Hermann Müller, Die Novemberrevolution. Erinnerungen. Berlin: Bücherkreis 1928.
  5. Harry Graf Kessler an Fritz von Schöler am 12. November 1918. In: Ders., Krieg und Zusammenbruch. Aus den Feldpostbriefen 1914–18. Weimar 1921.
  6. Vgl. Noskes Gesamteinschätzung: »Ordnung soll in Deutschland auch bei der Revolution sein.« In der Annahme, dass die Erhebung auf Kiel beschränkt sei, formuliert er sein Ziel so: »War das der Fall, mußte der Versuch gemacht werden, sobald wie möglich wieder zu einem ordnungsgemäßen Zustand zurückzugelangen.« Nach der Ausrufung der Republik proklamiert Noske in Kiel: »Arbeiter und Soldaten! Euer Sieg ist auf der ganzen Linie ein rascher und vollständiger. Erfreulicherweise ist es gelungen, die neue Ordnung rasch und unblutig durchzuführen.« Zu seiner historischen Rechtfertigung schreibt er: »Die Richtlinien meines Handelns waren … Verhütung des Chaos, Gesundung des Volkes durch Arbeit!«
  7. Philipp Scheidemann in der Sitzung des engeren Kriegskabinetts am 7. November 1918. Zit. n. Jörg Berlin (Hrsg.), Die deutsche Revolution 1918/19. Quellen und Dokumente. Köln: Pahl-Rugenstein 1979.

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