Die Anmaßung. Über das Theater, Elfriede Jelinek und ihr Stück »Am Königsweg«

Das Theater

Wenn es losgeht, zeigt das Theater seine Mittel. Das Theater kann nicht anders, es muss immer etwas zeigen, so versteht es seinen Auftrag. Und es muss Mittel haben, die man heutzutage nicht mehr so gut verstecken kann, also zeigt es sie meistens gleich. Wenn etwas versteckt werden soll, muss das Theater eben zeigen, wie es versteckt wird. Es herrschen Vorzeige- und Mittelzwang.

Die Autorin versteckt sich dort, wo man sich nicht verstecken kann, in der Öffentlichkeit, auf der Bühne. Immer wieder ist sie mittellos an das Theater herangetreten, immer wieder war das Theater um Ausgleich bemüht. Theater und Autorin sind seit gefühlt ewigen Zeiten in ein sadomasochistisches Spiel verwickelt: Die Autorin lässt dem Theater alle Freiheit, auch die, seine Verunsicherung hinter großen Gesten zu verstecken. An dieser Freiheit würgt das Theater dann. Eine gute Inszenierung dieser Autorin könnte aber eine sein, die auch ihre eigene Verunsicherung vorzeigt.

Der Text

Der Text ist lang, er hat zirka 245 000 Zeichen. Hamlet, auch ein überlanger Theatertext, hat im Original zirka 173 000 Zeichen. Am Königsweg ist also 1,4 Hamlets.

Glückliche Tage von Samuel Beckett hat in der Originalfassung zirka 650 00 Zeichen – Sie erinnern sich, 1960, Frau in Erdhaufen, hört nicht auf zu reden, vielleicht eine Ur-Suada des modernen Theaters. Von der Zeichenzahl her entspricht Am Königsweg also 3,7 Becketts. So könnte man Am Königsweg auch inszenieren: Frau in Erdhaufen hört nicht auf zu reden. Ich würde das Stück ganz gerne so sehen, ungekürzt. Man würde um den Erdhaufen herumschlendern, die Phasen der Ermattung miterleben und die des Sich-wieder-Aufbäumens. Spieldauer vielleicht 3,7 Tage, zwischendurch kurze Nickerchen, Sanitäter bringen Publikum und Schauspielerin einen Imbiss, vielleicht hängt sie auch sicherheitshalber am Tropf. Krankheit Theater, Krankheit Literatur, Krankheit Kunst.

(…)

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