Kultur heißt Dissens

Vor nicht allzu langer Zeit wäre mir dieser Essay wohl überflüssig erschienen. Als eine Aneinanderreihung von Selbstverständlichkeiten. Als eine Sonntagspredigt. Ein Plädoyer für unbequeme, kritische, pluralistische, hybride Kunst und Kultur aus liberaler Sicht? An Einfallslosigkeit nicht zu überbieten! Wie Eulen nach Athen tragen! Die Erfahrung mit autoritären und totalitären Staaten hat doch gelehrt, dass der Respekt für eine solche Kultur ein Gradmesser für freie Gesellschaften ist. Dass nicht die Schmeichler Schutz und Förderung verdienen, sondern die, die die Förderer fordern. Allein, auch die Lehren aus der Geschichte unterliegen den Kräften geschichtlicher Erosion.

In Europa werden Stimmen lauter, die unbequeme Kunst und Kultur nicht nur kritisieren, was ja Sinn der Sache ist, sondern rundweg als volksfeindlich, versifft, zersetzend, gar terroristisch abtun. Auch das Hybride und Transkulturelle geraten unter Verdacht: Stellen sie nicht vermeidbare Stressfaktoren in stressgeplagten Zeiten dar? So verlangt man denn die Reduktion der Förderung für vermeintliche »Fremdkörper« oder die Ächtung und Entlassung von Querdenkern. Zugleich beschwört man die Besinnung auf ein Set angeblich »eigener«, authentischer Werte. Kultur soll zu etwas klar Umrissenem, Positivem, Erbaulichem, ja intuitiv Verständlichem werden – was eine einheitliche, kollektive Identität voraussetzt.

Greifbar wird die wachsende Ablehnung kritischen Kunstschaffens wie auch des Transkulturellen etwa in Polen, wo die nationalkonservative Regierung einen entsprechenden kulturpolitischen Kurs eingeschlagen hat. Ausgerechnet Polen! Das vielzitierte »goldene Zeitalter« des Landes im 16. und 17. Jahrhundert fiel in eine Phase des religiösen, ethnischen und kulturellen Pluralismus. Die heutige Homogenität der polnischen Republik ist zuvorderst tragische Folge des Zweiten Weltkriegs.

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