Larry

1.

Es stehen keine Bäume in der Prärie. Überhaupt sind hochgewachsene Pflanzen selten im Nordwesten der großen Ebene. Ungebremst fallen die arktischen Winde in diese Landschaft ein, stoßen auf kein Hindernis, fegen durch die Steppe bis hinunter nach Arkansas oder Colorado oder sogar nach Texas. Dann ist es kalt, so kalt, dass in den Wetterberichten die Wärme, die der Wind dem Körper raubt, von der tatsächlichen Temperatur abgezogen wird. Dann sind es minus dreißig Grad Celsius, und der Wind macht minus siebzig daraus. Im Radio wird gewarnt, man solle das Haus nicht ohne Gesichtsschutz verlassen. Tatsächlich gefriert einem schon bei etwa minus fünfzehn Grad Celsius der Atem in der Nase. Alle paar Wochen aber strömt ein Föhn über das Felsengebirge, trägt warme Luft heran, und binnen Stunden steigt die Temperatur um dreißig oder vierzig Grad. Die Sonne scheint, das Leben ist schön, für ein paar Stunden oder Tage und manchmal so lange, dass in den Bäumen die Säfte steigen. Aber der warme Wind verschwindet ebenso plötzlich, wie er gekommen ist. Er hört einfach auf, und nach kurzer Zeit ist die Kälte zurückgekehrt. Dann bersten die Bäume, weil die frische Flüssigkeit unter ihrer Rinde gefriert.

Zu den wenigen Bäumen, die solche Wetterwechsel ertragen, gehört die Zitterpappel, ein hohes, schmales, dünnbelaubtes Gewächs mit einer blanken, hellgrauen Rinde, deren Exemplare auf eigens dafür eingerichteten Tiefladern über Tausende von Kilometern aus dem Osten geholt werden. Die Wurzeln stecken in einem großen Ballen Erde, der durch ein Netz zusammengehalten wird. Am Ort der Pflanzung angekommen, wird die Ladefläche aufgerichtet und der Baum mittels einer gigantischen metallenen Kralle in das vorbereitete, metertiefe Loch gesetzt. Dann wird zugeschüttet und die Pappel mit mindestens sechs Stahlseilen am Boden festgespannt. Viele Bäume überleben trotzdem nicht. Auch unten am Fluss, im Schutz der steilen Hänge wachsen diese Pappeln, und dort sind sie vielleicht sogar von allein hingelangt. Das abgefallene, gelbe Laub vermodert nicht, sondern zerfällt langsam, sehr langsam. Solange es liegt, verbreitet es einen leichten, trockenen, bittersüßen Geruch.

(…)

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