Popkolumne. Unsere Körper, unsere Selfies

Female Gaze

In der kurzen Zeit seit Einführung von Instagram (und überhaupt der neuen, visuell orientierten sozialen Medien) haben Kunstschaffende, die Handykameras nutzen, und die Kunsttheorie mit dem bereits zum Schlagwort gewordenen female gaze eine Kategorie gefunden, die sowohl einen Anschluss an akademisch etablierte Diskurse der Filmwissenschaft als auch eine neue Perspektive auf die Populärkultur in sozialen Medien ermöglicht.

Laura Mulvey hatte in ihrem 1975 erschienenen Essay Visual Pleasure and Narrative Cinema den male gaze als eine Kategorie eingeführt, mit deren Hilfe sich ein auf männliche Schaulust ausgerichtetes Kino der 1950er Jahre aus einer feministisch-psychoanalytisch geprägten Perspektive kritisieren ließ.1 Der männliche Blick hat bei Mulvey keineswegs nur mit dem Geschlecht der Regisseure zu tun, sondern wird als komplexes Zusammenspiel von Zuschauer, Kamera und Protagonisten gefasst. Der komplementär gebildete Begriff des female gaze zielt daher nicht auf eine einfache Umkehrung der Blickrichtung. Medien- und Kunsttheoretikerinnen machen mit ihm auf filmische, fotografische und instagrammatische Phänomene aufmerksam, die sich auf verschiedenste Weise dem entziehen, was Mulvey einst auf den Nenner des male gaze gebracht hatte.

Für aktuelle Film- und Fernsehproduktionen hat Jill Soloway, verantwortlich für Serien wie Transparent und I love Dick, drei Dimensionen dieses Blicks ausgemacht: Der female gaze zeige die Figuren nicht als objektiviertes Gegenüber, sondern bereits in affektiver Zuwendung im Sinne eines fühlenden Sehens und sehenden Fühlens (»feeling seeing«). Die Kamera werde zweitens eingesetzt, um die Objektwerdung von Protagonisten wie Protagonistinnen sowie deren Gefühle explizit zu thematisieren. Dieser »gazed gaze« ermögliche eine Wahrnehmung des Blick-Objekts als Figur, die sich zum Angeblicktwerden je unterschiedlich positioniert. Die dritte Dimension des female gaze bilde sich in der Umwendung des Blicks vom weiblichen Objekt auf den Betrachter: »we see you, seeing us«.2 Soloways female gaze kombiniert also Elemente einer traditionellen Einfühlungsästhetik mit der reflexiven Geste des Zurschaustellens von Blickordnungen und -richtungen.

Dieser eher engen Verwendung des Begriffs stehen im Feld der Gegenwartskunst Vorschläge zu seiner Öffnung zur Seite, die sich dem weiblichen Blick von neuen visuellen Praktiken und Produkten her nähern. Charlotte Jansens Bildband Girl on Girl etwa beruft sich auf die schlichte Beobachtung, dass nicht zuletzt dank der Möglichkeiten des Selfies mehr Frauen Selbstporträts anfertigen, als dies jemals zuvor möglich war. Handykamera und social media ermöglichen die Produktion und Distribution von Bildern und damit prinzipiell auch neue Formen der Selbstdarstellung. Über den Zugang zu Internet und Technologie zu verfügen, so die Fotografin Petra Collins, sei deshalb ein unendliches Glück, weil es einen eigenständigen Blick auf sich selbst sowie dessen Objektivierung und Publikation ermögliche.3

Gleichwohl – und davon berichtet Petra Collins auch – etablieren sich mit neuer Technologie und sozialen Medien nahezu gleichzeitig auch Standards des Zeigbaren, etwa durch die Nutzungsbedingungen sozialer Medien, die diskriminierende und verletzende oder aber pornografische und Nacktbilder nicht zulassen. Trotz der nach damaligem Stand großen Zahl von 5 883 628 geposteten Fotos unter #bikini führte die Sichtbarkeit ihrer Schamhaare dazu, dass Petra Collins’ Instagram-Account gelöscht wurde. So äußern sich in der Vorstellung dessen, was als zeigbar gilt, Normen der Darstellung von Weiblichkeit auf die effektivste Weise. Collins selbst hat diesen Vorgang als Zensur beschrieben und mit der Vorstellung verbunden, dass Instagram nun selbst die Rasierklinge angelegt habe.

Auch jenseits dieses radikalen Falls aus dem Jahr 2013 etablieren die prominentesten Instagram-Accounts und Selfie-Bilder neue Muster und Paradigmen fotografischer (Selbst)Inszenierungen von Frauen. Sie prägen nicht nur neue Standards visueller Weiblichkeit, sondern auch die Wahrnehmung und Wertung des Selfies als mediale Form. Dass das Selfie im öffentlichen Diskurs zum Inbegriff einer als narzisstisch diagnostizierten Gegenwartskultur werden konnte, liegt nicht zuletzt an den dominanten Bildern, die wir mit ihm verbinden. »Ein Selfie von Kim Kardashian zieht so weite Kreise, dass wir jedes fotografische Selbstporträt durch ihre Linse sehen.«4 Selbst wenn Sie noch nie Kim Kardashians Instagram-Account geöffnet haben, kennen Sie ihre Bilder – kein relevantes deutsches Feuilleton, das sie nicht publiziert hätte.

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FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Laura Mulvey, Visual Pleasure and Narrative Cinema. In: Screen vom 1. Oktober 1975.
  2. Jill Soloway, The Female Gaze (www.youtube.com/watch?v=IhIxxW87S4c).
  3. Petra Collins, Censorship and The Female Body. Zuerst als Why Instagram Censored my Body in: Huffington Post vom 17. Oktober 2013. (http://www.petracollins.com/censorship-and-the-female-body/)
  4. »A selfie by Kim Kardashian proliferates so widely that we understand any photographic self-portrait through her lens.« Charlotte Jansen, Learning to Look at Women. In: Dies., Girl on Girl. Art and Photography in the Age of the Female Gaze. London: Laurence King 2017.

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