So geht’s eben auch

»Man darf also die Märchen Hans Christian Andersens als Klartext eines gequälten Lebens lesen, das von den Tagebüchern bis zur Unkenntlichkeit normalisiert wird.«

Im September 2000 bespricht Michael Rutschky den gerade erschienenen Auswahlband der Tagebücher Hans Christian Andersens für die taz ; es ist einer seiner Texte, die mich bis heute immer wieder verblüffen. Die Thesen darin sind so einfach wie schlagend, aber man muss eben auf sie kommen. Dass Märchen kindliche Seelenqualen artikulieren können, klar, das ist kein fremder Gedanke. Aber Kunstmärchen als »Klartext eines gequälten Lebens«, das ist schon stark.

Auch der zweite Gedanke hat es in sich. »… der Schreiber scheint intensiv damit beschäftigt, dass überhaupt etwas zu verzeichnen ist – und nicht alles in einem schwarzen Wirbel aus Zwangsgedanken und Panik untergeht. Dies Tagebuchschreiben ist ein ununterbrochenes Normalisieren«. Andersens Tagebuch diente eben gerade nicht dazu, sich selbst nahe zu kommen und seine eigenen Gedanken zu verstehen, sondern dazu, sich eine Normalität vorzugaukeln, die der von Dämonen gejagte, hypernervöse Andersen real nicht kannte.

In den Märchen steckt der Klartext, die Tagebücher dagegen sind irgendwie erträumt: Wirklich, wie kommt man darauf?

(…)

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