Crazy Wall. Filmkolumne

Wer sich in letzter Zeit einen Krimi oder Detektivfilm angeschaut hat, der ist vermutlich früher oder später auf Wände gestoßen – auf Stellwände, Pinnwände, Glaswände, auf Tafeln oder Whiteboards, kurz auf Flächen, an die die Ermittler Material gepinnt haben: Presseausschnitte, Karten, Fotos von Mordopfern, Tatorten oder Verdächtigen. Verbunden wird das Ganze manchmal noch zusätzlich durch Linien, Pfeile oder Schnüre, um verborgene Zusammenhänge sichtbar zu machen: ein kriminalistisches mapping , das unabdingbar scheint, wenn man Terroristen und Drogenringe, Serienkiller und Ritualmörder fassen möchte. Im neueren Detektivfilm braucht’s zum Denken, Wissen und Erkennen auf jeden Fall ein Brett vorm Kopf.

Jeder zweite Tatort fährt mittlerweile so eine Wand auf, die elaborierteren Beispiele aber kommen aus dem anglophonen Raum. Da wäre die FBI-Agentin Carrie Mathison (Clare Danes) in der Serie Homeland (seit 2011), die islamistische Terroristen jagt und dafür mehr als einmal raumgreifende Übersichten anlegt: Textausdrucke, arrangiert an der Wand ihres Wohnzimmers, die wichtigsten Passagen sind wild umkringelt und farbig markiert, ein papierner Regenbogen von Rot über Orange und Gelb hin zu Hellgrün, Blau, Violett. Oder, ähnlich spektakulär, die Ermittlungswand des ehemaligen Polizisten Rust Cohle (Matthew McConaughey) in der Serie True Detective (2014), der auf eigene Faust weiter an einer Reihe ungelöster Sexualmorde ermittelt und dafür Fotos, Zeichnungen, aber auch rituelle Masken und Holzobjekte an der Wand eines eigens dafür angemieteten Lagerraums versammelt.

Selbst Sherlock Holmes erweist sich in seinen medialen Neuauflagen – der BBC-Serie Sherlock (seit 2010) und dem Spielfilm Sherlock Holmes: A Game of Shadows (2011) – als manisch-obsessiver Sammler von Text- und Bildmaterial. Das erscheint dicht gedrängt und schief gehängt, über- und untereinander geklebt und geheftet, so dass kein Stückchen freie Wand mehr zu sehen ist, ein lückenloser Blätterwald, der bis über den Boden wuchert. Über die Papiere ist kreuz und quer rote Schnur gespannt, erratische Verbindungslinien zwischen Bildern und Texten, die sich zu einem bedrohlichen Spinnennetz fügen – es gilt ja auch was zu fangen (Professor Moriarty).

Diese Liste ließe sich fortführen, es handelt sich nur um eine kleine Auswahl der wilderen Auswüchse detektivischer Collagekunst – und tatsächlich haben diese dem Phänomen seinen Namen gegeben: »Crazy Wall ist der Oberbegriff für die Tafeln, auf denen Ermittler in Krimis und Spionagethrillern ihre Beweismittel sammeln und anordnen; es ist mittlerweile undenkbar, dass ein Fernsehfilm, der etwas auf sich hält, ohne eine solche Wand auskäme, in deren Betrachtung die Protagonisten sich kontemplativ versenken, um die Feinheiten eines Falls auszutüfteln«, erklärt ein Artikel, der 2015 im britischen Männermagazin Esquire erschienen ist – der bislang einzige zu diesem Thema.

Diese Lücke ist nicht verwunderlich: Über die verrückten Wände des Detektivfilms nachzudenken bedeutet, über Produktionsdesign und Ausstattung nachzudenken – nicht unbedingt Stärken filmwissenschaftlicher Auseinandersetzung, und auch der Filmkritik geraten Requisiten nur selten in den Blick. Das ist insbesondere im Fall des Kriminalfilms schade, der wie kaum ein anderes Genre eine Dingpoetik ausgebildet hat, in deren Mittelpunkt die Transformation stummer Objekte in sprechende Spuren steht, ihr Status als Indizien und Beweismittel. Der Krimi erhebt Dinge zu gleichberechtigten Handlungsträgern, er platziert McGuffins oder red herrings , um Plots in Gang zu setzen, voranzutreiben oder zu verkomplizieren und um Spannung zu erzeugen.

Das Internet springt ein, wo Filmkritik und Forschung schwächeln. Der Begriff crazy wall ist ein Produkt anonymer Schwarmintelligenz, die kollektive Schöpfung von Fans, Nerds und Vielguckerinnen, die mit fröhlichem Positivismus einen apokryphen Wissensschatz anhäufen. Sie sammeln und klassifizieren Material zur Wand, sie kommentieren und kritisieren es, in Ansätzen historisieren sie es sogar.

Ein wichtiger Schauplatz dieser Arbeit ist ein tumblr , wo seit 2011 Beispiele von Wänden in Form von Film-Stills zusammengetragen werden. Dieser Sammlung werden kontinuierlich neue Beispiele hinzufügt, die letzten Einträge sind ganz aktuell und stammen aus dem Juni 2018. Komplementiert wird die vergleichende Ikonologie des tumblr , seine Requisitenforschung in Bildern, durch eine Begriffsarbeit, die etwa auf der Website tvtropes.org stattfindet. Definiert, erläutert und voneinander abgegrenzt werden hier der room full of crazy , die string theory und das big board , auch der stalker shrine – erste Grundlagen einer umfassenden Typologie der crazy wall zeichnen sich ab.

Gesammelt und ausgestellt werden im Internet übrigens auch Parodien: Es gibt Cartoons aus dem New Yorker (Mann vor einer Stellwand, komplett in Schnur verheddert) und verrückte Wände aus Animations- und Zeichentrickfilmen ( The Peanuts Movie , 2015; Wes Andersons Isle of Dogs , 2018). Spätestens die Existenz dieser Parodien ist der Beweis, dass die crazy wall längst ein Phänomen ist. Denn Parodiefähigkeit setzt Wiederkennbarkeit und Bekanntheit voraus – it’s a thing , wie die Amerikaner sagen.

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