Das Ende des Kapitalismus – bei, vor und nach Marx

In jüngster Zeit wird wieder häufiger vom Ende des Kapitalismus gesprochen, wobei die Krisenszenarien, die für dieses Ende verantwortlich sein sollen, stark variieren. Bevor einige dieser Entwürfe näher betrachtet werden, scheint ein Blick zurück sinnvoll. Marx ist eine naheliegende Adresse für den Beginn eines solchen Rückblicks, doch zeigt sich rasch, dass Marx selbst von Vorstellungen beeinflusst war, die schon die Vertreter der britischen klassischen Ökonomie von Adam Smith bis John Stuart Mill entwickelt hatten. Im Anschluss an Marx waren es dann vor allem Vertreter der Zweiten Internationale, welche die Vorstellung von einem baldigen Ende des Kapitalismus fortentwickelten, der man aber in anderer Ausprägung auch bei prominenten Vertretern der universitären Sozialwissenschaft vor und nach dem Ersten Weltkrieg begegnet. Die aktuelle Renaissance des Topos und das Gewicht des ein oder anderen Arguments lassen sich sehr viel besser einordnen, wenn man ihre Geschichte während der letzten zweihundert Jahre kennt.

Marx

Karl Marx verband eine Krisen- oder auch Zusammenbruchstheorie mit einer Revolutionstheorie. Dieser Dualismus entsprach der Art und Weise, wie er den deutschen Idealismus und insbesondere den Linkshegelianismus mit der britischen klassischen Ökonomie zu verbinden suchte. Schon im Manifest der Kommunistischen Partei war die in seinen Frühschriften noch prominente Dialektik der Entfremdung deutlich zurückgetreten, die es auf einer höheren postkapitalistischen Entwicklungsstufe zu überwinden galt. Stattdessen verdeckte revolutionärer Enthusiasmus die Spannungen, die aus der Verbindung von Hegelianismus und politischer Ökonomie erwuchsen: »Aber die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier .«

Bereits im Frühjahr des Revolutionsjahrs 1848 wurde diese Diagnose jedoch von der Bedeutung konterkariert, die der dynamischen Rolle der Bourgeoisie zugeschrieben wurde, die »nicht existieren (kann), ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren«. Von daher waren die wiederkehrenden Krisen durchaus vereinbar mit einem Entwicklungszyklus, der bestimmt wurde »durch die Eroberung neuer Märkte und die gründlichere Ausbeutung alter Märkte«.

Später sollte Marx, der das Manifest auf der Grundlage eines Rohentwurfs von Engels geschrieben hatte, über die inhärenten Widersprüche nicht länger hinweggehen. In der Einleitung zum ersten Band des Kapitals von 1867 sprach er vom »Umwälzungsprozeß« in England als dem Vorboten der kontinentaleuropäischen Entwicklung. Und es passte gut zu diesem eher prozessualen Verständnis historischen Wandels, wenn er in dem berühmten 23. Kapitel über das allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation schrieb: »Das Gesetz endlich, welches die relative Überbevölkerung oder industrielle Reservearmee stets mit Umfang und Energie der Akkumulation im Gleichgewicht hält, schmiedet den Arbeiter fester an das Kapital als den Prometheus die Keile des Hephästos an den Felsen. Es bedingt eine der Akkumulation von Kapital entsprechende Akkumulation von Elend. Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol, d.h. auf Seite der Klasse, die ihr eigenes Produkt als Kapital produziert.«

Diese Verelendungstheorie stimmte weder mit den schon zu Marx’ Lebzeiten zugänglichen Fakten überein noch enthielt sie eine Erklärung dafür, wie sich Elend in bewusstes revolutionäres Handeln übersetzen sollte. Es ist von daher wenig überraschend, dass nach seinem Tod das Ende des Kapitalismus nur noch selten als aktiv herbeizuführendes Geschehen und stattdessen immer häufiger als Endpunkt eines naturwüchsig verlaufenden Prozesses diskutiert wurde. Auch dazu hatte das Kapital einiges zu sagen. Die Theorie einer fallenden Profitrate war dabei nur das populärste Element gesetzesförmiger Prognosen kapitalistischen Untergangs. Marx selbst nannte sie 1857/58 »in jeder Beziehung das wichtigste Gesetz der modernen politischen Ökonomie«.  Wenn ausschließlich Arbeitskraft Mehrwert erzeugen konnte und Mehrwert die einzige mögliche Quelle von Profit war, dann musste eine Veränderung der organischen Zusammensetzung des Kapitals in Richtung eines höheren Anteils konstanten Kapitals mit der Tendenz zum Sinken der Profitrate einhergehen. Schließlich war mit weniger variablem Kapital auch weniger Arbeit einzusetzen und so weniger Mehrwert zu erzeugen. Das traf indessen nur dann zu, wenn sich nicht gleichzeitig die Produktivität der Arbeit erhöhte. Marx scheint sich dessen während der Arbeit am dritten Band des Kapitals bewusst geworden zu sein, ohne eine Lösung für dieses Problem zu finden. Auch war ihm klar, dass während der letzten drei Jahrzehnte seines Lebens die Profitrate nicht abgenommen hatte.  Aber weder theoretische Inkonsistenz noch empirische Widerlegung konnten seine Bewunderer davon abhalten, an einer Theorie festzuhalten, die ein Ende des Kapitalismus zu garantieren schien.

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