Der Kapitalismus ist tot (er weiß es nur noch nicht) Marx’ »Maschinenfragment« und die Logik des Plattform-Kapitalismus

Waren nach dem Mauerfall Cartoons en vogue, die Karl Marx als Geisterfahrer der Geschichte porträtierten, lässt sich seit einigen Jahren beobachten, dass sich das Gespenst des Marx’schen Denkens bester Gesundheit erfreut. Das ist umso erstaunlicher, als die Bedingungen, unter denen sich der dialektische Materialismus hat entfalten können, einer längst vergangenen, geradezu fossil anmutenden Epoche angehören. Nicht bloß, dass der Kommunismus gescheitert ist, inzwischen ist nach den Gewerkschaften auch die Sozialdemokratie in ihre Verelendungsphase eingetreten. Und weil eine neue Unübersichtlichkeit herrscht, können die chinesischen Kommunisten den kapitalistischen Traum predigen, während die Hüter des Kapitals keinerlei Skrupel mehr haben, sich dem Gottseibeiuns der Volkswirtschaftslehre anzuvertrauen, Silvio Gesells Negativzins.

In dieser coincidentia oppositorum muten die historischen Konflikte der unterschiedlichen kommunistischen Sekten so kryptisch-rätselhaft an wie die Diskussionen, die sich die Scholastiker über das Geschlecht der Engel lieferten. Wie also kommt es, dass ausgerechnet der Stifter der reinen Lehre ihren Untergang hat überleben können? Tatsächlich lässt sich diese Frage noch weiter zuspitzen. Denn die Marx’schen Denkfiguren leben in einem Bereich fort, den man nur schwerlich mit der bisherigen Rezeptionsgeschichte des Philosophen zusammenbringen kann – jener Sphäre nämlich, wo man von digitaler Revolution, Disruption und Skalierung spricht. Wenn Paul Mason mit Verweis auf die Wikipedia-Allmende den Postkapitalismus ausruft (und damit Säle füllt), wenn die Soziologen der Gig-Ökonomie das Kapital bemühen, ja wenn selbst dem libertären Silicon Valley der Konflikt zwischen Arbeit und Kapital nur mit der Idee des allgemeinen Grundeinkommens lösbar erscheint, deutet vieles darauf hin, dass sich die Marx’sche Prophezeiung, der Kapitalismus trage das Moment seiner Auflösung in sich, bewahrheitet.

Ein Text, der in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle spielt, ist Marx’ Maschinenfragment . Anders als im nachfolgenden Kapital , wo Marx mit der Grundkonstellation des Klassenkampfs aufwartet (und die Welt in Produktionsmittelbesitzer und Ausgebeutete scheidet), wird in den spekulativen Betrachtungen des Maschinenfragments vor allem das Verhältnis von Mensch und Maschine durchleuchtet. Gewiss findet auch der Arbeiter Erwähnung, gleichwohl bleibt er als Handlungsmacht doch weitgehend konturlos, weniger Träger eines Klassenschicksals als Leidtragender eines allgemeinen, ja existentiellen Entfremdungszusammenhangs.

Nun ist Marx nicht als Prophet der digitalen Transformation in die Geschichtsbücher eingegangen, so wenig übrigens, wie überliefert ist, dass er je eine Fabrik besucht hätte. Was er darüber weiß, verdankt er der Bibliothek des British Museum. Dort hat er die Economy of Machinery and Manufactures (1832) des Computerpioniers Charles Babbage studiert, ebenso Andrew Ures Fabrikwesen in wissenschaftlicher, moralischer und commerzieller Hinsicht (1835), in dem die Fabrik als eine neue Form der Kriegsführung dargestellt wird. Dass dieser Krieg keinen Ort der Welt ausnehmen würde, davon hatte in Preußen das Schicksal der schlesischen Weber Zeugnis abgelegt. Ihr Elend nämlich ging weniger auf die Arglist der Arbeitgeber zurück als auf die aus England ins Land strömenden Stoffe, die – von Jacquard’schen Lochkarten-Webstühlen mehr programmiert als gewebt – besser und billiger waren als jedes von Menschenhand gesponnene Tuch. Im Vergleich aber zu Babbage und Ure, die durch und durch Praktiker waren, scheint die Maschine bei Marx weniger auf einen materiellen Maschinenkörper als vielmehr auf ein abstraktes Geistwesen zu deuten. Eben darin besteht die Aktualität seines Texts, erfasst er doch eine metaphorische, sozioplastische Dimension, die dem Ingenieursblick verwehrt ist – was zu der paradoxen Schlussfolgerung führt, dass Marx’ Maschinenfragment gerade deswegen zukunftsweisend ist, weil sein Autor von der Sache vergleichsweise wenig verstand.

Rekonstruiert man die Genealogie des Marx’schen Gedankengebäudes, ließe sich mit Fug und Recht sagen, dass es in schönster Hegel’scher Manier vom Abstrakten zum Konkreten aufsteigt. Während der junge Marx noch ganz im Bann von Hegels Geschichtsphilosophie steht, dient ihm die Feuerbach’sche Offenbarung dazu – wie Engels sagen wird –, die Dialektik vom Kopf auf die Füße zu stellen, ein Umsturz, der bei einer Himmelsleiter jedoch keinen allzu großen Unterschied macht. Die Methode bleibt; was sich ändert, ist einzig die Blickrichtung. Denn Feuerbach lehrt, dass nicht die Götter die Menschen, sondern umkehrt die Menschen die Götter erschaffen. Damit aber betritt eine konstruktivistische Figur das Gedankentheater – genauer: wird in ihren Fehlleistungen sichtbar. Denn insofern sie das eigene Geschöpf als ein idealisiertes Anderes missversteht, schlägt die Theodizee in ihr Negativ um: eine Dämonologie, einen allgemeinen Entfremdungszusammenhang.

Betrachtet man die Entstehungszeit des Maschinenfragments , so befindet sich Marx im Londoner Exil zwar im Maschinenraum des Kapitalismus, gleichwohl in einer randständigen, geradezu prekären Existenz. Anders als Engels, der in Manchester die Firma Ermen & Engels leitet, ein Pferd unterhält und der Fuchsjagd nachgeht, ist Marx unter ärmlichsten und beengten Bedingungen mit »Zeitungsschmierereien« beschäftigt, damit nämlich, die Leser des New York Tribune über die Zeitläufte zu unterrichten. Und während Frau und Töchter seine unleserlichen Manuskripte in reinliche Texte transkribieren, ist er nicht selten genötigt, sich Geld für Papier oder Porto zusammenzuschnorren. Zwischen Bittschreiben, Gängen zum Pfandleiher und dem Leseraum des British Museum keimt die Idee eines großen Werkes, das das Geheimnis des irdischen Gottes lüften könnte: War Marx schon als junger Mann davon überzeugt, dass »wirkliche Thaler dieselbe Existenz wie eingebildete Götter haben«, verlagert er das metaphysische Schlachtfeld nun auf das Feld der politischen Ökonomie: Das Kapital ist der »eifersüchtige Gott Israel«, der keinen anderen Gott kennt außer sich selbst. Wenn Marx sich in seiner Proudhon-Kritik als »Metaphysiker der politischen Ökonomie« bezeichnet, ist dies eine durchaus treffende Selbstcharakteristik. Darum ist das Vorurteil, wonach es Marx vor allem um die Materialität, um das Sein geht, ein Irrtum, der nur unter der Bedingung Bestand hat, dass man sich der Lektüre seiner Texte verweigert. Nicht zufällig wimmelt es hier von Gespenstern, Vampiren, Fetischobjekten – Gebilden, die nicht in der Materialität der Welt, sondern im Kopf ihrer Bewohner entstehen.

Die Zeit verlangt nach einer großen Erzählung. Denn im Jahr 1857 – die erste Weltausstellung liegt gerade einmal sieben Jahre zurück – ist es zu einer Krise gekommen, die das Muster künftiger Weltwirtschaftskrisen in sich trägt. Zentrum des Bebens ist das vergleichsweise rückständige Amerika, wo im August 1857 die Ohio Life Insurance Company Konkurs anmelden musste, mit der Folge, dass die Börse bebte und die Bankschalter von ihren Kunden überrannt wurden. Die Intensität dieses Crashs ist nur die Kehrseite jener ins Maßlose überschießenden Hoffnungen, die sich mit dem kalifornischen Goldrausch, der Maschinisierung von Agrikultur und Textilindustrie, vor allem mit der sich anbahnenden Globalisierung durch Telegrafie und Eisenbahnen eingestellt hatten.

Dass dieses Weltgefühl einen Zustand der Weltvernetzung widerspiegelte, wurde sichtbar, als sich die Krise in kürzester Zeit auf die Alte Welt ausdehnte. In England fiel der Preis des amerikanischen Weizens ins Bodenlose, in den Häfen lagerten Waren, die keine Abnehmer fanden, zudem rannte die Bevölkerung auch den Banken in London, Edinburgh, Dublin und anderen Städten die Türen ein. Als aufmerksamer Beobachter (von Engels zudem mit Nachrichten aus erster Hand munitioniert) begriff Marx, dass der Kapitalismus sich zu einem weltumspannenden Ungeheuer ausgewachsen hatte, das sehr bald schon weitere Opfer einfordern würde. Dieses apokalyptische Moment, die Erwartung eines nahenden Umsturzes ist das Leitmotiv des Maschinenfragments : »Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner Ökonomischen Studien, damit ich wenigstens die Grundrisse im klaren habe bevor dem deluge.«

(…)

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