Die Vermessung der Welt, jetzt aber richtig

Am Morgen des 9. Dezember 2013 startet im europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana eine Rakete. An Bord ist der Satellit Gaia, und in ihm ein Teleskop, das die nächsten Jahre im Weltraum verbringen wird. In St Andrews, wo ich den Erstsemestern Astronomie beibringe, ist gerade Prüfungszeit. Während wir Studenten beraten, Examen korrigieren, Kurse beenden, Sitzungen absolvieren und über Notenverteilungen diskutieren, fliegt der Satellit Gaia einmal um die Erde herum, am Mond vorbei, und dann zu seinem Zielort, einem Librationspunkt der Erde. Librationspunkte sind Stellen im Weltraum, an denen kleine Körper kräftefrei ruhen können, festgehalten von den Schwerekräften zweier größerer Körper, in diesem Fall Sonne und Erde. Von nun an wird Gaia die Sonne umkreisen, immer gleich weit von der Erde entfernt, eineinhalb Millionen Kilometer über der Nachtseite unseres Planeten.

Gaia ist ein europäisches Teleskop mit einer speziellen Mission. Es misst die Positionen von einer Milliarde Sterne, immer wieder, mit noch nie dagewesener Genauigkeit. Es ist die typische Aufgabe des Kartografen: die Strukturen und Objekte mit einem abstrakten Netz aus Koordinaten zu überziehen, so dass man anschließend von einem Ort zuverlässig zum anderen finden kann. Gaia erstellt eine präzise Karte des Universums, einen Sternenatlas, das ist vordergründig die Aufgabe. Für Astronomen folgt aus solchen Daten jedoch deutlich mehr, ein neues physikalisches Referenzsystem, das Fundament für unsere Wissenschaft.

Gaia vermisst den Himmel nicht nur einmal, sondern ungefähr siebzig Mal. Damit entsteht nicht nur eine Karte, sondern ein extrem langsamer Film. Man sieht, wie sich Sterne am Himmel verschieben, die sogenannten Eigenbewegungen, zwei Komponenten der dreidimensionalen Bewegungen von Sternen im Raum. 1 Eigenbewegungen von Sternen sind winzig, so geringfügig, dass man mit bloßem Auge nichts davon bemerkt – die Sternbilder sehen deshalb jede Nacht gleich aus. Die Bewegungen verraten uns, wenn Sterne unsichtbare Begleiter haben, Planeten zum Beispiel, sie teilen uns mit, aus welcher Gegend der Milchstraße ein Stern stammt und wohin er zieht. Sie zeigen die Rotation von Sternensystemen, die Turbulenz in Sternhaufen, die Ströme der Milchstraße, das Wimmeln am Himmel. In den Bewegungen der Sterne steckt die Information über die Geschichte unserer Galaxie. Abgesehen von der genauen Position misst Gaia auch die Helligkeit und die Farbe für dieselbe Milliarde Sterne.

All das ist eigentlich nur Nebensache. Das Kerngeschäft von Gaia ist die Messung von Parallaxen. Auch ohne astronomische Vorkenntnisse wissen wir alle, was eine Parallaxe ist: Hält man einen Finger vors Gesicht und schließt erst das eine, dann das andere Auge, dann scheint der Finger hin und her zu springen. Die Position des Fingers relativ zum Rest der Welt hängt davon ab, aus welcher Richtung man ihn anpeilt. Wie weit der Finger springt, hängt davon ab, wie weit er vom Gesicht entfernt ist.

Zur Messung einer astronomischen Parallaxe ersetzt man die beiden Augen durch ein Teleskop, das sich zunächst auf der einen Seite der Sonne aufhält, dann auf der anderen, und anstelle des Fingers betrachtet man Sterne. Weil die Erde, und mit ihr der Satellit Gaia, im Lauf des Jahres einmal um die Sonne wandert, verschieben sich alle Sterne am Himmel, umso mehr, je näher sie der Sonne sind. Aus der Verschiebung, der Parallaxe, folgt mit einer einfachen trigonometrischen Rechnung die Entfernung.

Ohne Entfernungen geht in der Astronomie gar nichts. Sterne sind Lichtpunkte am Himmel, mehr nicht. Es könnten Glühwürmchen vor unserer Nase sein oder eine Supernova am Ende des Universums. Die grundlegenden Fragen der Astronomie – was ist ein Stern, was ist eine Galaxie, wie groß ist das Universum – kann man überhaupt erst anfangen zu beantworten, wenn man weiß, wie weit die Dinge von uns entfernt sind. Es gibt eine ganze Reihe von Methoden, um Entfernungen zu weit entfernten Sternen und Galaxien zu bestimmen, aber alle beruhen auf der Parallaxe. Die Parallaxen sind die Füße einer Leiter, die uns bis ans Ende des Universums führt. 2

Andererseits ist die Parallaxe ein winziger Effekt. Selbst für das Sternensystem, das der Sonne am nächsten ist, Alpha Centauri, ist die Parallaxe nur mit Präzisionsinstrumenten zu messen. Die Breite des kleinen Fingers am ausgestreckten Arm deckt etwa ein Grad am Himmel ab. Die Parallaxe von Alpha Centauri ist ein Fünftausendstel dieses Winkels, oder 0,7 Bogensekunden, was einer Entfernung von 4,4 Lichtjahren entspricht. Eine Münze in einer Entfernung von fünf Kilometern erscheint unter einem vergleichbar winzigen Winkel. Für alle anderen Sterne sind die Entfernungen noch größer, die Parallaxen noch kleiner. Sirius: 0,4 Bogensekunden (8,6 Lichtjahre). Vega: 0,13 Bogensekunden (25 Lichtjahre). Beteigeuze: 0,005 Bogensekunden (500 Lichtjahre). Von der Erde aus sind solche winzigen Verschiebungen nur für helle Sterne und mit enormem Aufwand zu messen. Die Luft in der Atmosphäre wirbelt das Licht durcheinander, das Bild des Sterns wird verwaschen, die Parallaxe geht im Rauschen unter.

Die ersten Parallaxenmessungen gelangen nach vielen vergeblichen Versuchen in den 1830er Jahren. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren lediglich ein paar Dutzend Sterne vermessen. Noch mal hundert Jahre später hatte sich die Zahl der Sterne mit wohlbekannten Parallaxen auf ein paar Tausend erhöht, alle deutlich weniger als 100 Lichtjahre von uns entfernt. Zum Vergleich: Das Zentrum der Milchstraße ist 20 000 Lichtjahre entfernt.

Mit dem Satelliten Hipparcos, der vier Jahre lang die Erde umkreiste, gelang der bislang größte Sprung in der Genauigkeit der Vermessung des Universums, hundertmal präziser als alles davor. Hipparcos erfasste mehr als eine Million Sterne, davon hunderttausend mit hoher Genauigkeit. Zum ersten Mal hatten wir Parallaxen für Weiße Zwerge, für junge Sterne im Orion, für pulsationsveränderliche Cepheiden. Zum ersten Mal stand die kosmische Leiter auf soliden Füßen. Gut, aber nicht gut genug.

Das war 1993. Mit dem Ende von Hipparcos begann die Planung für das nächste Weltraumteleskop zur Vermessung des Himmels, noch mal hundertfach genauer, ein Teleskop, das auf den Namen Gaia getauft wurde. 3

Am Mittwoch, dem 25. April 2018, veröffentlicht das Gaia-Team zum zweiten Mal die Ergebnisse der Beobachtungen. Der erste Katalog, der im Jahr 2016 erschien, war von begrenzter Nützlichkeit, noch keine Parallaxen, noch nicht die erhoffte Genauigkeit, noch viele Lücken am Gaia-Himmel. Die zweite Veröffentlichung dagegen, »Data Release 2«, ist der große Sprung. Die Kataloge enthalten Parallaxen, Eigenbewegungen, präzise Positionen, Helligkeiten und Farben für mehr als eine Milliarde Sterne. Die Mission von Gaia ist noch nicht zu Ende, und wir werden noch weitere neue Kataloge bekommen, mit mehr Sternen und optimierten Messwerten, aber von nun an sind die Verbesserungen inkrementell. Gaia DR2 ist die Goldmine, auf die wir seit 2013 gewartet haben.

Mit den Daten entstehen Suchmasken, Werkzeuge, Visualisierungen, die es überhaupt erst möglich machen, sich in dem Zahlendschungel zurechtzufinden. Es ist ein Kinderspiel, die Parallaxe für den Lieblingsstern herauszufinden, die Bewegungen eines Sternhaufens grafisch darzustellen, bestimmte Sterntypen auszuwählen. Das Gaia-Team, eine riesige Wissenschaftlergruppe, über viele europäische Institute verteilt, liefert eine Serie von Publikationen, die den Katalog, die Messungen, die Fehler detailliert beschreiben. All das ist von Anfang an öffentlich und frei verfügbar. Überall auf der Welt verabreden sich Astronomen zum explorativen Graben in Gaia-Daten.

In den Stunden nach der Pressekonferenz dient Twitter als Medium für die Verbreitung der allerersten Forschungsergebnisse. Ein internationales Netzwerk aus Astronomen verschickt öffentliche Kurznachrichten mit professionellen Abbildungen. Software zur Datenauswertung entsteht in Echtzeit und wird sofort online verbreitet. Die Plots sehen aus wie Science-Fiction, sauber und perfekt, als hätte jemand die alte verrauschte Welt durch ein Modell ersetzt. Mein erster Gedanke: Ich werde alle Abbildungen in meinen Erstsemestervorlesungen ersetzen müssen. Wie einflussreich Forschung ist, zeigt sich daran, wie schnell sie dazu führt, dass man Lehrbücher umschreiben muss. Im Fall von Gaia DR2 dauert es nicht einmal einen Nachmittag.

Am Ende des ersten Tages sind die ersten Publikationen fertig, zwei kurze Paper, zwei Beispiele für Ergebnisse, die sich schnell und schmerzlos aus der Gaia-Datenbank ableiten lassen. Beide Publikationen erscheinen in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag auf arxiv.org , dem Preprint-Server, den Astronomen seit den 1990er Jahren zur schnellen Veröffentlichung benutzen. Arxiv hat die Publikationen oft Monate, bevor sie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift herauskommen. Wir lesen keine Journals, wir lesen Arxiv .

Ein amerikanisches Team um Jonathan Gagné vom Carnegie-Institut in Washington bestätigt mithilfe der Gaia-Messungen, dass ein bestimmter Brauner Zwerg zu einer Gruppe von jungen Sternen in der näheren Umgebung der Sonne gehört. 4 Daraus folgt mit ein paar Modellannahmen das Gewicht des Zwergs: nur anderthalb Prozent der Sonnenmasse, fünfzehn Mal die Masse des Riesenplaneten Jupiter. Noch ein Stern oder schon ein Planet?

Eine internationale Forschergruppe, geleitet von Roberto Raddi von der Karl-Remeis-Sternwarte in Bamberg, arbeitet an einem Weißen Zwerg mit dem kryptischen Namen »LP 40–365«, womöglich ein seltenes Objekt, das eine Supernova-Explosion in einem Doppelsternsystem überlebt hat. 5 Der Stern wurde durch die Explosion auf eine enorme Geschwindigkeit beschleunigt und rast derzeit mit 850 Kilometern pro Sekunde durchs All, schnell genug, um das Schwerefeld der Milchstraße zu verlassen.

Eine Standardaufgabe in der Analyse der Gaia-Daten ist die Bestimmung der sogenannten Leuchtkraft, eine Zahl, die angibt, wie viel Licht ein Stern produziert, eine fundamentale Eigenschaft eines Himmelsobjekts. Zunächst berechnet man aus der Parallaxe die Entfernung. Wenn man weiß, wie weit ein Stern entfernt ist, und wie viel Licht von ihm in unseren Teleskopen ankommt, dann folgt mit einer schlichten geometrischen Beziehung, die Studenten im ersten Semester lernen, die Leuchtkraft. Das war einfach.

Im nächsten Schritt bestimmt man aus der Farbe, wie heiß es an der Oberfläche des Sterns ist, mithilfe des wienschen Verschiebungsgesetzes. Blaue Sterne sind heiß, rote Sterne sind weniger heiß. Die Sonne liegt irgendwo in der Mitte. Die »kühlen« Sterne sind an der Oberfläche immer noch 3000 Grad Celsius warm. Trägt man jetzt für eine Anzahl Sterne Leuchtkraft gegen Temperatur auf, so erhält man eines der wichtigsten Diagramme in der gesamten Astronomie, das sogenannte Hertzsprung-Russell-Diagramm.

Die meisten Datenpunkte im »HRD« liegen in einem schmalen Streifen, der von kühlen, lichtschwachen zu heißen, leuchtstarken Sternen reicht, der sogenannten Hauptreihe. Darüber die Roten Riesen, die späten Stadien in der Entwicklung, die weit entfernte Zukunft der Sonne. Darunter die Weißen Zwerge, der Friedhof der Sterne. Die Position eines Sterns im HRD verrät seine Masse und sein Alter und außerdem seinen Entwicklungszustand. Für Astronomen ziehen sich durch das Diagramm die Lebenslinien der Sterne. Von den Gaia-Parallaxen führt eine direkte Verbindung zu den fundamentalen Eigenschaften von Sternen, und von dort aus zu ihrer Vergangenheit und Zukunft.

Gut einhundert Jahre nach der Entdeckung der Hauptreihe durch den dänischen Astronomen Ejnar Hertzsprung entstehen mithilfe von Gaia-Daten neue, aussagekräftige Hertzsprung-Russell-Diagramme. Alexey Mints vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen bestimmt das Alter und die Masse für dreieinhalb Millionen Sterne. 6 Charlie Conroy und seine Kollegen aus Harvard verwenden Farben, Helligkeiten und Parallaxen, um weit entfernte Rote Riesen zu identifizieren und mit ihnen die Morphologie der Milchstraße zu untersuchen. 7 Unsere Galaxie ist nicht nur irgendein Klumpen im Universum, sondern ein komplexes Gebilde mit Spiralarmen, Bändern und Strömen aus Sternen, Strukturen, die uns etwas über unsere Herkunft mitzuteilen haben.

Marina Kounkel von der Western Washington University und ein internationales Team benutzen HRDs in Kombination mit Eigenbewegungen und Spektren, um die Sternentstehungsregionen im Orion neu zu kartieren. 8 Seit zwanzig Millionen Jahren gebiert Orion neue Sterne. Die massivsten unter ihnen explodieren, und die Druckwelle der Explosion startet die nächste Welle der Sternentstehung. Gaswolken verwandeln sich in Sternhaufen. Eine neue Stadt mit Tausenden Lichtern steht am Himmel.

Am anderen Ende des Sternenlebens, in der gegenüberliegenden Ecke des HRD, befinden sich Weiße Zwerge. Über Milliarden von Jahren kühlen sie sich ab und verschwinden in der Dunkelheit. Gaias Diagramme offenbaren, dass die Abkühlung nicht immer exakt gleich verläuft, je nach chemischer Zusammensetzung der Weißen Zwerge. Mukremin Kilic von der Universität Oklahoma und Kollegen finden im Vergleich mit Modellrechnungen Hinweise auf die Existenz von massiven Weißen Zwergen, die durch den Zusammenstoß von zwei kleineren in der entfernten Vergangenheit entstanden sein könnten. 9

Sobald man die Leuchtkraft und die Temperatur von Sternen kennt, folgt mithilfe des Stefan-Boltzmann-Gesetzes ihre Größe – ein weiterer fundamentaler Parameter. Für Planeten außerhalb unseres Sonnensystems kennen wir bisher meist nur die Größe relativ zur Größe des Sterns, aus der Analyse des Transits, der partiellen Verfinsterung des Sterns durch den Planeten. Mithilfe der Gaia-Parallaxen berechnet ein Team um Travis Berger von der Universität Hawaii die Radien von viertausend Exoplaneten, mit einer durchschnittlichen Genauigkeit von acht Prozent, viel besser als bisher möglich. 10 Die Daten zeigen neue Strukturen in der Verteilung der Planetengrößen, neue Informationen über die Entstehung und Entwicklung von Planetensystemen.

Größere Genauigkeit klingt immer wie Erbsenzählerei. Alles noch besser wissen. Noch eine Nachkommastelle festnageln. Was beim Schlechtreden vergessen wird: Mit größerer Genauigkeit offenbaren sich Zusammenhänge, die vorher im Rauschen untergingen. Sehr kleine Effekte mit großer Bedeutung, das wird das Vermächtnis von Gaia sein.

Der Satellit Gaia enthält nicht nur ein Teleskop, sondern zwei, jedes mit einem Hauptspiegel, der 0,7 Quadratmeter groß ist, eine sehr bescheidene Fläche in unserer Welt der Riesenteleskope. Der Spiegel der Thüringer Landessternwarte in Tautenburg ist viereinhalb Mal größer. Jedes der vier Fernrohre des »Very Large Telescope« der Europäischen Südsternwarte in Chile hat fünfundsiebzig Mal mehr Fläche zum Sammeln von Licht. Gaias Stärken sind die riesige Gigapixel-Kamera, die Stabilität, die Abwesenheit von Luft und das einzigartige Verfahren zur Erfassung des Himmels.

Im Laufe von fünf Jahren werden mithilfe einer Radioverbindung zweihundert Terabyte Daten vom Satelliten zur Erde geschickt, in komprimierter Form. Das ist nur ein geringer Bruchteil der Daten, die tatsächlich am Teleskop anfallen. Wir bekommen nicht die vollständigen Bilder von der Kamera, sondern Tabellen, die aus den Bildern im Satelliten errechnet werden. Gaia beobachtet mit beiden Teleskopen gleichzeitig zwei Felder auf entgegengesetzten Seiten des Himmels und rotiert dabei langsam um seine Achse. Sterne huschen wie helle Schatten über die digitalen Detektoren.

Es gibt deutlich größere Teleskope. Es gibt Teleskope, die teurer sind, zum Beispiel das »James Webb Space Telescope«. Es gibt solche, die berühmter sind, wie das Hubble-Weltraumteleskop mit seinen fantastischen hochaufgelösten Bildern. Es gibt welche mit längeren und eindrucksvolleren Namen, wie das »European Extremely Large Telescope«. Und es gibt Teleskope, die am Ende die größeren Schlagzeilen machen werden. Zweite Erde gefunden! Sterne am Ende des Universums! Urknall jetzt noch lauter! Astronomen interessieren sich nicht in gleichem Maße für alle neuen Observatorien, wir suchen uns die aus, die unserem jeweiligen Forschungsfeld weiterhelfen. Lediglich Teile unserer Wissenschaft werden von JWST, LSST oder E-ELT profitieren. Gaia hingegen verändert die gesamte Astronomie.

»Dieser Datensatz ist wie Weihnachten«, so Adam Riess, der 2011 den Nobelpreis für die Entdeckung der Dunklen Energie erhielt. Dunkle Energie ist eine geheimnisvolle Superkraft, der Antrieb der Expansion des Universums. Auch zur Dunklen Energie wird Gaia etwas zu sagen haben. 11

25. Mai 2018. Einen Monat sind die Gaia-Daten jetzt alt. In diesem einen Monat sind mehr als hundert neue Paper erschienen, die diese Daten verwenden. Jeden Tag kommen neue hinzu, kein Nachlassen erkennbar. Das ist keineswegs normal. Normalerweise dauert es Jahre, bis ein neues Teleskop so großen Einfluss auf die Literatur hat. Die Daten vom Hubble-Weltraumteleskop führen zu etwa achthundert Publikationen pro Jahr. Für das »Very Large Telescope« liegt die Zahl bei etwa sechshundert. Beides sind außergewöhnlich erfolgreiche Observatorien, die seit vielen Jahren in Betrieb sind. Nimmt man den ersten Monat als Maßstab, dann ist Gaia schon jetzt so produktiv wie beide zusammengenommen.

Normalerweise sind die Daten von großen Teleskopen nicht sofort öffentlich. Die Leute, die das Teleskop bauen, die Wissenschaftler, die Zeit und Geld und Karrieren investiert haben, bekommen meist exklusiven Zugriff auf die Daten für mindestens ein ganzes Jahr, genug Zeit, um daraus ein eigenes Paper zu machen. Erst danach dürfen die anderen Astronomen ran. Bisher gab es nur wenige Ausnahmen, in der jüngeren Vergangenheit zum Beispiel »K2«, das Beobachtungsprogramm des Kepler-Satelliten, nachdem dessen eigentliche Mission zu Ende gegangen war.

Die Ergebnisse waren bemerkenswert. Geert Barentsen, NASA-Astronom und zuständig für die K2-Daten, berichtet, dass die meisten K2-Publikationen von jungen Astronomen geschrieben werden statt von etablierten Forschern. Die Grenzen zwischen Profis und Amateuren verschwinden. Postdocs und Doktoranden haben dieselben Chancen wie Professoren, eher mehr, weil sie weniger Zeit im Hörsaal verbringen. Hierarchien werden egalisiert. Neue Methoden finden schneller den Weg in den Mainstream. Öffentliche Daten ermöglichen Projekte, die sich Fragen widmen, für die sich die »Besitzer« der Daten nicht interessieren. Wenn die Daten für alle verfügbar sind, gelangen auch die Endresultate und die Auswertungssoftware eher in die Public Domain. Die Reproduzierung von Ergebnissen ist jederzeit möglich. Open Science wirkt ansteckend. Das Ethos der Arbeit verändert sich.

Andererseits erhalten die Leute, die Arbeit in Teleskope und Software investieren, weniger Möglichkeiten, sich mithilfe von Publikationen zu etablieren, immer noch die einzige Währung, die für Wissenschaftlerkarrieren zählt. Infolgedessen besteht die Gefahr, dass es keiner mehr macht. Es ist ein ungelöstes Problem, das auch Gaia betrifft. Die Wissenschaftler im Gaia-Team zahlen einen Preis, der in Jahren Lebenszeit abgerechnet wird, so schreibt Ronald Drimmel, einer der vielen Astronomen, die seit vielen Jahren an Gaia arbeiten. 12

Bisher war der Besitz von Daten und der Zugang zu Teleskopen einer der wesentlichen Wege, um sich in der Astronomie zu etablieren, um sich gegenüber der Konkurrenz abzusetzen. Für Forschungsgelder und Stellen spielt exklusiver Zugang zu Ressourcen immer noch eine große Rolle. Das erste gute Paper zu einem Objekt, einem Thema, einem Problem garantiert Zitate. Zitate wiederum sind gewöhnlich die Metrik, um den Erfolg oder, schlimmer, die Qualität von Publikationen zu messen. Unter den ersten hundert Gaia-Publikationen sind einige, die niedrighängende Früchte ernten, so schnell wie möglich.

Forscher wollen die Ersten sein. Etwas als Erster oder Erste zu sehen, zu entdecken, zu publizieren ist auch ohne systemische Faktoren eine starke Motivation. So entsteht im Anschluss an die Veröffentlichung der Daten ein weltweiter wissenschaftlicher Wettlauf. Wer nicht mitmacht, verliert. Innerhalb weniger Tage nach der Veröffentlichung der Gaia-Daten erscheint eine Handvoll von Publikationen, die alle die Masse der Milchstraße abschätzen, mit jeweils anderen Methoden und Mitteln. Galileo Galilei kodierte in Anagrammen die Nachricht von der Entdeckung der Phasen der Venus und der Ringe des Saturn, um Priorität zu etablieren, ohne seine Karten auf den Tisch legen zu müssen. Diese Einstellung ist noch heute eine Treibkraft des naturwissenschaftlichen Betriebs. Können wir in der Zukunft auch ohne sie klarkommen?

Trotz der Probleme sind viele von uns überzeugt, dass die Öffnung der Daten der Wissenschaft letztlich helfen wird. Gaia ist eines der ersten Teleskope, dessen Daten sofort nach Fertigstellung öffentlich sind. Es ist auch eines der wenigen Teleskope, für dessen Daten sich die meisten Astronomen interessieren. Und es ist das erste Teleskop dieser Art, das in die Ära von Social Media, Python-Notebooks, Github und Arxiv fällt, Werkzeuge, die es uns erlauben, Ergebnisse, Plots, Daten, Code und Publikationen sofort und unkompliziert an alle Kollegen zu schicken – und gleichzeitig an den Rest der Welt. Der weltweite Austausch in Echtzeit führt zu Synergien, zu Kollaboration, zu Produktivität. Das offene Ökosystem aus Netz, Daten, Tools, im Verbund mit Astronomen in Goldgräberstimmung ermöglicht ein neuartiges Experiment in der Wissenschaftskommunikation.

Übrigens: Die Milchstraße wiegt eine Billion Kilogramm, eine Eins mit zwölf Nullen. Vielleicht auch ein bisschen mehr.

 

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Die dritte Komponente, die Radialgeschwindigkeit, vermisst Gaia auch, aber nur für einen kleinen Teil des Gesamtkatalogs.
  2. Die Parallaxen von Sternen sind außerdem der schlagende Beweis dafür, dass die Erde sich im All um die Sonne bewegt. Nicht, dass dieser Beweis noch nötig wäre.
  3. »Gaia« war ursprünglich eine Abkürzung für »Global Astrometric Interferometer for Astrophysics«. Im Laufe der Planungen kam man davon ab, die Parallaxen mithilfe von Interferometrie zu messen. Der Name jedoch blieb.
  4. https://arxiv.org/abs/1804.09625
  5. https://arxiv.org/abs/1804.09677
  6. https://arxiv.org/abs/1805.01640
  7. https://arxiv.org/abs/1805.05954
  8. https://arxiv.org/abs/1805.04649
  9. https://arxiv.org/abs/1805.01227
  10. https://arxiv.org/abs/1805.00231
  11. Vgl. Lee Billings, The Milky Way, Revealed as Never Before . In: Scientific American vom 25. April 2018 (blogs.scientificamerican.com/observations/the-milky-way-revealed-as-never-before/).
  12. Ronald Drimmel, The Price of Open Science . In: Scientific American vom 23. Mai 2018 (blogs.scientificamerican.com/observations/the-price-of-open-science/).

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