Marx-Publika

Der gezielte Blick ins Gesicht des Marx-Publikums der Jubiläumswochen erinnert an Abbas Kiarostamis Film Shirin (2008): Neunzig Minuten lang zeigt die Kamera dort im Close-up die Gesichter des weiblichen Kinopublikums – im Rücken der Kamera die fiktive Verfilmung von Khosrow and Shirin , einer persischen Hofromanze aus dem 12. Jahrhundert, die um tragische Liebe und heroisches Opfer kreist. Im Flackern der Leinwand und im Hallraum der Tonspur strahlen die mehr als hundert Gesichter des Publikums (darunter das von Juliette Binoche) eine Mischung aus Langeweile und Sentimentalität aus, schwanken zwischen gebanntem Starren und seliger Selbstvergessenheit. Der Film stellt so nicht nur die Distanz zwischen Shirin auf der Leinwand und ihren Wiedergängerinnen im Publikum aus. In der Serialität seiner Einstellungen verknüpft er zudem elegant das Intime mit dem Kollektiven, während sich sein Plot auf eine Phänomenologie mimischen Ausdrucks reduziert: Seufzen, Fingernägelkauen, Lippenpressen, Weinen usw.

Die Marx-Story, die in den vergangenen Jubiläumsmonaten im Feuilleton aus diversen Klischees zusammenmontiert wurde, besitzt ebenfalls episch-sentimentalen Charakter: Marx, der nicht mit Geld umgehen konnte, wurde im Bruderkrieg mit den Junghegelianern schwer verwundet und hat sich deshalb 1848 einfach mal das Proletariat ausgedacht, obwohl das Ganze, wie etwa Ulrike Herrmann in der Arte-Dokumentation Fetisch Karl Marx behauptet, eine »Kopfgeburt« gewesen sei, weil sich 1848 in Deutschland »nur Lumpenproletariat« herumgetrieben habe. Für dieses nichtexistierende Proletariat habe der »Moses des Kommunismus« (Zeit) dann mit dem Kapital eine Art Bibel geschrieben, denn Kommunismus war von Anfang an Religion, so der nicht nur von Gerd Koenen gerne bediente Topos, der ursprünglich von Nikolaj Berdjaev eingeführt worden war. Ergebnis waren natürlich »Millionen von Toten«, die Marx »symbolisch auf dem Kerbholz« hat, wie Denis Scheck im druckfrisch-Gespräch mit Jürgen Neffe festhielt.

Weil all dem andererseits aber nicht nur viel Blut, sondern irgendwie auch Heroisches anhaftet, war es bei der vom Bundespräsidenten veranstalteten Matinee auf Schloss Bellevue Marcus Off, die Synchronstimme von Johnny Depp als Piratenkapitän Jack Sparrow in Fluch der Karibik , der vorab aus den Marx-Texten vorlesen durfte. Und wie um zu bebildern, dass dieses ganze Spektakel überflüssig ist, ging es in der Dokufiktion Der deutsche Prophet (Regie Christian Twente) dann konsequenterweise von Anfang an nur noch um den Bart von Mario Adorf, der den Opa Marx spielen durfte. Was soll man dazu nun sagen? »Ein solches Verhalten betrachten wir als Heuchelei« hieß es zu derlei eklektischen Appropriationszeremonien schon auf der Demo gegen die Marx-Feierlichkeiten in Trier, die der SWR dankenswerterweise online stellte.

Macht man jedoch, wie Kiarostami, aus den Zuschauern Figuren, so zeigt sich auch das Marx-Publikum nach wie vor von seiner reizenden Seite, nämlich als noch immer streitendes, kritisches, schwer zu befriedendes Publikum. Um es direkt zu zitieren, ist das Marx-Publikum leider ein zu fluides und vielköpfiges Wesen. Klar wurde jedoch, dass in Marx noch immer Hoffnungen gesetzt werden, die zwar unmöglich erfüllt werden können, sich in ihm aber immerhin vor dem Kältetod retten. Der Name Marx ist für das Marx-Publikum nur Metonymie für die von ihm adressierte bessere Gesellschaft. Wie im Modus der Nostalgie die Zukunft neukonzipiert wird, so ist auch Marx ganz zwangsläufig immer Der vergessene und der wiedergefundene Marx , wie schon vor Jahren ein Sammelband titelte.

Vielleicht ist die Frage nach dem Marx-Publikum aber nicht so harmlos, wie es zunächst scheint, kann sich doch nur in ihm jene Emanzipation vollziehen, die schon vor Marx notwendig war und die letztendlich auch eine Emanzipation von Marx sein wird. Wer aber war eigentlich das ursprüngliche Publikum von Marx? Welche historischen Rahmenbedingungen ermöglichten überhaupt die Effektivität und die Reichweite seiner Kritik? Und mit welcher Adressierungslogik begegnete er den Hindernissen seines publizistisch-politischen Projekts?

Diese Fragestellung verfolgte jüngst ein »Tag für Marx« am Kulturwissenschaftlichen Kolleg in Konstanz, der dem Thema Marx’ Öffentlichkeiten gewidmet war und nicht nur eine erfrischende Abwechslung vom Geburtstagslärm bot, sondern sich auch als vorläufiger Rückblick auf die Marx-Feierlichkeiten verstand. Wie Patrick Eiden-Offe darlegte, war der Titel seines Buchs Die Poesie der Klasse oder die Erfindung des Proletariats (2017) natürlich nicht so intendiert, dass Marx und Engels das Proletariat ex nihilo erfunden hätten.

Im Gegenteil: Worum es vielmehr ging und geht, waren und sind die Aporien der Darstellbarkeit des Proletariats beziehungsweise jener Strukturen der Proletarisierung, denen ein zunehmend größerer Teil der Menschheit unterworfen ist, ungeachtet dessen, dass im postsozialistischen Vakuum der Ideologie ein immer kleinerer Teil in diesen Strukturen die Ursache des eigenen Leidens erkennt. Worum es aber außerdem geht, sind Adressierungsfragen, denn das »Erfinden« war zunächst einmal streng rhetorisch gedacht: auffinden (inventio) , gliedern (dispositio) , stilisieren (elocutio) etc.: In der Tat entwickelte sich das Proletariat erst allmählich zum Adressaten von Marx, obwohl es schon länger existierte. Auf lokalen Kundgebungen erreichten Marx und Engels zunächst nur die Bürger und nicht das Proletariat selbst. Das ging lieber zu den Kommunisten um Wilhelm Weitling, so, etwas zugespitzt, die eigentümliche Ausgangsposition.

(…)

Möchten Sie weiterlesen?

Testen Sie jetzt den Merkur im digitalen Probe-Abo. Oder erwerben Sie den Artikel für 2 € als Download in unserem Volltextarchiv. Sie sind schon Digital-Abonnent? Hier einloggen, um weiterzulesen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.