Architekturkolumne. Vorbild Frankfurt: Restaurative Schizophrenie

 Manchmal passieren erstaunliche Dinge vor aller Augen, ohne dass sie bemerkt werden. So dieser Tage in Frankfurt am Main, wo gerade in zentraler Lage ein kleines Neubauviertel mit 35 Wohnhäusern, einigen Gewerbeeinheiten sowie einer öffentlichen Einrichtung fertiggestellt wird. Die Ein- und Zweifamilienhäuser in hochwertiger Ausführung fallen mit Gesamtkosten von etwa 15 000 Euro je Quadratmeter inklusive Grundstückskosten und Erschließung in das Luxussegment des Wohnungsmarkts. Die gutbetuchten Käufer dieser Immobilien mussten allerdings mit 5000 bis 7000 Euro pro Quadratmeter nicht einmal die Hälfte der Kosten tragen, denn die Stadt schoss aus Steuergeldern etwa 9000 Euro pro Quadratmeter zu.

 

2007, als die schwarz-grüne Stadtregierung das Projekt beschlossen hatte, waren die Baukosten mit 106 Millionen Euro nur etwa halb so hoch kalkuliert, wie sie am Ende de facto ausfielen. Aber auch diese horrende Preissteigerung, die an die Elbphilharmonie erinnert, hat dem Vorhaben nichts anhaben können. Es genießt nach wie vor breite politische Unterstützung von den Grünen über die SPD und CDU bis hin zu den Rechtspopulisten.

Hilfreich dafür ist, dass man den Aufwand je Wohnung nicht klar benennt. So wird das Grundstück bei den genannten Kosten nicht miteinbezogen, sehr wohl aber den erzielten Erlösen zugeschlagen. Vorenthalten wird der Öffentlichkeit auch die Angabe der errichteten Nettowohnfläche; die kommunizierte Bruttogeschossfläche ist um etwa 50 Prozent höher und lässt damit den Aufwand nicht ganz so unverhältnismäßig erscheinen. 2014 versicherte der Projektleiter Michael Guntersdorf noch: »Wenn es ganz dumm läuft, haben wir eine Unterdeckung von zehn Millionen.« Von den bekannten Gesamtkosten des Projekts von 272 Millionen Euro hat die Stadt aber nur zwischen 80 und 90 durch den Verkauf wieder eingenommen. Verbleibt ein verlorener städtischer Zuschuss von über 140 Millionen Euro für die Privatimmobilien, 1 für weitere 40 Millionen erhielt die Stadt etwa 4500 Quadratmeter Bruttogeschossfläche für Kultur und Gewerbemietflächen. Die Projektgestaltung macht darüber hinaus geltend, dass für die Umgestaltung der schon vorhandenen öffentlichen Erschließung ein zusätzliches Anlagevermögen von 45 Millionen Euro geschaffen wurde, die deshalb von den Wohnungsbaukosten abzuziehen seien.

Das Neubauviertel, von dem hier die Rede ist, ist die »Neue Altstadt« zwischen Dom und Römer im Zentrum der Stadt. Bei fünfzehn Häusern wurde die oberirdische Kubatur mit ihren historischen Fassaden rekonstruiert. Die zwanzig weiteren Bauten orientieren sich in ihren äußeren Abmessungen sowie in der Materialität ihrer Oberflächen ebenfalls an der historischen Bebauung, die 1944 dem Bombenhagel zum Opfer fiel. So gesehen kann man das Vorhaben auch als eine Art Open-Air-Museum begreifen, dessen Kosten zu einem Drittel durch den Verkauf von in das Projekt integrierten Wohnungen und Gewerbeeinheiten refinanziert wurden. Für die Mehrzahl der Rekonstruktionen standen lediglich historische Fotografien sowie Handskizzen für das 1926 erstellte Holzmodell der Altstadt zu Verfügung.

Es ist eine Medienarchitektur, die aus technischen Bildern generiert nun vor allem der Erzeugung neuer medialer Bilder dient. Auch sonst ist die Architektur keineswegs so traditionell, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Der Rohbau besteht – von den wenigen Fachwerkhäusern abgesehen – aus Stahlbeton und Industrieziegeln, die Ausstattung umfasst Fußbodenheizung mit Fernwärme, Dreifachverglasung, mechanische Lüftung, modern geschnittene, offene Wohnküchen, umfangreiche Sanitärräume und meist einen direkten Zugang zu den privaten Stellplätzen in der zugehörigen Tiefgarage.

Nicht nur für die Bewohner, auch für die zeitknappen Ferntouristen aus Asien und Übersee ist die neue Altstadt die moderne Alternative, und so wird sie auch beworben. Anstatt historische Fachwerkstädte wie Fritzlar oder Michelstadt aufsuchen zu müssen, können sie innerhalb von zwanzig Minuten vom Frankfurter Flughafen eine deutsche Altstadt mit U-Bahn-Station und Autobahnanschluss erreichen.

Symbolische Gesten

All das ist für die Rekonstruktionsprojekte der letzten beiden Jahrzehnte typisch. Das Besondere am Frankfurter Vorhaben ist, dass es sich hier, anders als in Berlin, Potsdam, Dresden oder Braunschweig nicht um einen Solitärbau handelt, sondern um ein – wenn auch sehr kleines – Quartier als Siedlungsstruktur. In der freien Bürgerstadt war die Bebauung einst von einer Vielzahl privater Bauherren errichtet und über Jahrhunderte hinweg erneuert, erweitert und auch ersetzt worden. Die daraus resultierende gewachsene Vielfalt des Erscheinungsbilds wird nun im Rahmen eines zentral gelenkten staatlichen Bauvorhabens simuliert.

Das Quartier eint nicht nur die gemeinsame zweigeschossige Tiefgarage, die etwa ein Drittel des gesamten Bauvolumens ausmacht. Es unterliegt auch einer zentralisierten Kontrolle: Für die Realisierung des Gesamtvorhabens wurden seitens der Kommune ein einziger Bauträger und ein einziger Generalplaner beauftragt. Auch mit Fertigstellung und Verkauf hört die staatliche Lenkung nicht auf: Die meisten Gewerbeeinheiten wurden nicht privatisiert, damit die Stadt auch in Zukunft eine angemessene, qualitätsvolle Nutzung sicherstellen kann. Ein solches Kuratieren von Nutzungen ist sonst bei der Vermietung hochwertiger Shoppingmalls üblich. Für Zusammenhalt im Quartier sorgt zudem das Rechtskonstrukt einer Gesamteigentümerschaft unter staatlicher Beteiligung, die eine Gemeinschaftsordnung erlassen hat.

Der Quartiers-Charakter der neuen Altstadt ist es denn auch, der in der Presse – von der Welt über die FAZ bis zur Zeit  – und bei einigen beteiligten Architekten als vorbildhaft, gar zukunftsweisend gelobt wird: Vielfalt, Kleinteiligkeit, Dichte, Nutzungsmischung, Ensemblecharakter, gebauter Gemeinsinn. Das ist für sich genommen aber noch kein Novum und wurde bereits 1961 von Jane Jacobs in ihrem berühmten Buch Tod und Leben großen amerikanischer Städte propagiert. Jacobs selbst konnte in den siebziger Jahren erste Projekte nach diesen Prinzipien in Manhattan und Toronto realisieren, und mit der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987 waren diese Ideen auch hierzulande etabliert. Offenkundig geht es also um mehr, oder gar um etwas anderes.

Für die Betrachtung ist es sinnvoll, einen Schritt zurückzutreten und das größere Geschehen in den Blick zu nehmen. Aufschlussreich ist bereits, welche Architekturen die Protagonisten des Projekts sonst verfolgen. Ein Großteil der beteiligten Architekturbüros realisiert gerne und in großer Zahl den üblichen Investorenwohnungsbau, 2 zu dem die neue Altstadt angeblich das positive Gegenbeispiel darstellen soll.

Charakteristisch ist auch die Position des Ressortleiters des FAZ -Regionalteils Rhein-Main, Matthias Alexander. Als glühender Befürworter der Neuen Altstadt propagiert er zugleich den Abriss der Städtischen Bühnen und einen ikonischen Neubau am Osthafen – Bilbao am Main. Ob iconic building oder Rekonstruktion historischer Bauten – beides sind symbolische Gesten zur Identitätskonstruktion, wie sie seit den 1990er Jahren in Mode gekommen sind.

Genau in diesem Zeitraum hat sich auch die allgemeine Städte- und Wohnungsbaupolitik verändert. Der soziale Wohnungsbau wurde eingestellt und in großem Maß wurden öffentliche Güter – ob Bauland, Wohnungsbaubestände oder Infrastrukturen – privatisiert, Investitionen zunehmend in öffentlich-privaten Partnerschaften realisiert. Der Staat hat sich aus der Fläche zurückgezogen, und die vorherige Kohäsionspolitik wurde durch einen Inselurbanismus abgelöst, bei dem große Bereiche der Stadt dereguliert und privatisiert werden, während an ausgewählten zentralen Orten kleine Inseln mit großer Kontrolltiefe beplant werden.

Beide Entwicklungen sind zwei Seiten einer Medaille. So ist es kein Zufall, dass Dresden als Ursprungsort der neuen Rekonstruktionswelle fast den gesamten städtischen Wohnungsbaubestand privatisiert hat; die Stadt Braunschweig finanzierte mit der Privatisierung städtischen Bodens den staatlichen Bau der Schlossfassade; und in Frankfurt wurde parallel zur Altstadtrekonstruktion das zuvor öffentliche Bauland des knapp 90 Hektar großen Europaviertels privatisiert und dann von einem globalen Immobilienfonds für etwa 40 000 Wohn- und Arbeitsplätze entwickelt, mit der üblichen Mischung aus konventionellem Städtebau, mediokrer Architektur, hohen Wohnungspreisen und großen Gewinnmargen für die Kapitalanleger.

Gerade weil das Symbolprojekt der Neuen Altstadt für die Gesamtstadt so mikroskopisch ist, wird es medial aufgebläht. Die Stadt Frankfurt gibt 1,5 Millionen Euro aus, um Ende September 2018 die Eröffnung des neuen Quartiers zu feiern. Mit dem Zerfall einer im Alltag praktizierten Kohäsion ist die Aufwertung eines symbolisch-medialen Ersatzes umso wichtiger. 3

 

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In diesem zutiefst schizophrenen Prozess verändert sich auch der Inhalt der staatlichen Symbolik. Und um nichts anderes handelt es sich bei den Rekonstruktionsvorhaben, sind es doch nahezu ausnahmslos Bauprojekte der öffentlichen Hand, 4 bei denen eine zivilgesellschaftliche Verankerung über Spenden und Verkäufe inszeniert wird, die aber – abgesehen vom Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche – nur kosmetischer Natur ist.

Die alte Bundesrepublik suchte ihre Ikonografie zumeist in einer modernen Architektursprache und vermied es bewusst, bruchlos an die Zeit vor 1945 anzuknüpfen. Das zeigte sich gerade beim Wiederaufbau bedeutender historischer Bauwerke wie der Paulskirche durch Rudolf Schwarz oder auch des Reichtags durch Paul Baumgarten, die bei allem Respekt vor der Tradition zugleich eine neue Zeitschicht in die Bauten einschrieben. Seit sich in den 1980er Jahren die Idee einer fotorealistischen Rekonstruktion durchzusetzen begann, ist dieses Vorgehen immer weniger selbstverständlich. 5

Stattdessen soll nun die äußere Erscheinung den überlieferten Fotografien des verloren gegangenen Gebäudes möglichst präzise entsprechen – ein Novum in der Architekturgeschichte. Vor dem Aufkommen der Fotografie Ende des 19. Jahrhunderts war es mangels ausreichender Informationen nicht möglich gewesen, Gebäude fotorealistisch wiederauferstehen zu lassen, und schon allein deswegen war jeder Wiederaufbau auch eine Aneignung der Geschichte aus der Gegenwart.

Heute aber soll eine Rekonstruktion zumindest optisch so wirken, als habe es »all die Schmerzen der Geschichte nicht gegeben«, wie vor einigen Jahren der Spiegel lobend schrieb. So hat man bei der Neuen Altstadt Frankfurt von siebzehn möglichen fotorealistischen Rekonstruktionen fünfzehn realisiert. Aus dieser Geisteshaltung heraus entstand auch der Vorschlag, bei der anstehenden Sanierung der Paulskirche die Wiederaufbaugestaltung von Rudolf Schwarz von 1948 zu beseitigen und wieder auf die Fassung des 19. Jahrhunderts zurückzugehen, so wie gegenwärtig in Berlin die im Rahmen des Wiederaufbaus erfolgte Neugestaltung des Innenraums der St.-Hedwigs-Kathedrale durch Hans Schwippert von 1963 beseitigt werden soll.

Unter dem Signum einer scheinbar unverfänglichen Reparatur und Verschönerung des Stadtraums ist ein identitätspolitischer Kulturkampf im Gange, der das bundesrepublikanische Geschichtsverständnis neu zu positionieren sucht. Während der westdeutsche Verfassungspatriotismus den Ursprung der Bundesrepublik in ihrer Gründung 1949 sah, mehren sich seit den neunziger Jahren die Bemühungen, Traditionsbezüge in die Zeit vor 1919 auszubauen und an diese nicht zuletzt auch architektonisch möglichst nahtlos, also ohne sichtbare Spuren eines Kontinuitätsbruchs anzuschließen. 6

Ein solches Vorgehen impliziert stillschweigend, die Zeit vor 1949 nicht mehr als Vorgeschichte, sondern als eigentlichen Ursprung unseres heutigen Staatswesens zu verstehen. Dass man damit nach rechts anschlussfähig wird, ist wenig überraschend und in Zeiten der AfD sicherlich auch nicht ungewollt, um Wähler zurückzugewinnen oder zumindest nicht noch weitere zu verlieren.

Von diesen Dimensionen ist auch das Frankfurter Altstadtprojekt nicht frei, das eben nicht nur der Nachbau einer freien Bürgerstadt ist, sondern auch die Rekonstruktion des Krönungswegs der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Bedenklich daran ist weniger das Ob, als vielmehr das Wie: die in einer kompromisslosen Orthodoxie eingeforderte und durchgesetzte Differenzverweigerung. 7

Manufactum-Architektur

Im Fall Frankfurt geht dieses neugeschaffene Identitätsangebot einher mit dem Wunsch nach Beseitigung der Wiederaufbaugestaltung der Paulskirche von 1948 und dem Abriss der Städtischen Bühnen von 1963. Den Beitrag dieser beiden Schlüsselwerke der Nachkriegsmoderne zur gesellschaftlichen Selbstvergewisserung will man auslöschen und durch Neues ersetzen. Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die von der Firma HHVision für die Projektgesellschaft DomRömer GmbH 2012 und 2017 erstellten Werbeclips, in denen wohlhabende Biodeutsche mittleren Alters die Altstadt in entspanntem Müßiggang bevölkern. 8

Vor allem der Film von 2012 wirkt in seinem konservativen Gestus wie ein Relikt aus den fünfziger Jahren: Männliche Experten erklären Frauen das Projekt. Von den südländisch geprägten Menschen, die im realen Leben vor allem auf der das Quartier durchquerenden U-Bahnstrecke U4 /U5 recht präsent sind, oder den zahlreichen asiatischen Touristengruppen ist in den Videosimulationen nichts zu sehen. Dass das Quartier einen eher exklusiven denn inklusiven Gestus hat, ist auch im realen Leben so, nicht nur wegen der hohen Kaufpreise. Durch den Verzicht auf Spielplätze und eine barrierefreie Erschließung werden es hier Kinder und Menschen mit körperlichen Einschränkungen schwer haben.

Der Wertekanon des Projekts ist in seiner Haltung dem Manufactum-Warenhaus verwandt, es ist eine Art Manufactum-Architektur: kulturkonservative Idealisierung traditioneller Handwerkskunst und vergangener Zeiten gepaart mit historischen Narrativen und hohen Preisen. Der Manufactum-Gründer Thomas Hoof, ein ehemaliger Landesgeschäftsführer der nordrhein-westfälischen Grünen, hat als Verleger in seinem Manuscriptum Verlag unter anderem Akif Pirinçcis rechtspopulistischen Bestseller Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer veröffentlicht und die Herausgeberschaft der Edition Sonderwege dem demokratiefeindlichen Publizisten André F. Lichtschlag übertragen, der als Herausgeber der rechtslibertären Monatszeitschrift eigentümlich frei und im Rahmen von Götz Kubitscheks Institut für Staatspolitik tätig ist.

Darauf hinzuweisen heißt natürlich nicht, Manufactum-Käufern zu unterstellen, sie seien dabei, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu verlassen. Deswegen war auch die von Stephan Trüby in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung formulierte ideologische Verortung des Dom-Römer-Projekts deutlich überzogen und damit unzutreffend, 9 auch wenn er völlig zu recht daran erinnerte, dass das realisierte Konzept erstmals von der rechtspopulistischen Fraktion »Freie Wähler BFF (Bürgerbündnis für Frankfurt)« in das Frankfurter Stadtparlament eingebracht worden war und hierbei Claus Wolfschlag, ein ideologischer Vordenker der Neuen Rechten, eine maßgebliche Rolle gespielt hatte.

Die mit den fotorealistischen Rekonstruktionen vormoderner Symbolbauten auftretenden Identitätsfragen werden nicht mit den Gesten einer aufgesetzten politischen Korrektheit gelöst, wie etwa beim Umgang mit den außereuropäischen Sammlungen im Berliner Schloss oder dem »Versöhnungszentrum« in der Potsdamer Garnisonkirche. Dass es weiteren Klärungsbedarf gibt, scheinen die Protagonisten selber zu spüren. Daniela Cappelluti, die Kreisgeschäftsführerin der Frankfurter Grünen und mithin einer jener Parteien, die das Projekt auf den Weg gebracht haben, hatte anlässlich der Pokalfeier der Frankfurter Eintracht in der neuen Frankfurter Altstadt im Mai 2018 den AfD-Funktionär Alexander Gauland vertrieben und damit in den sozialen Netzwerken geprahlt. Doch dies ist gleichermaßen inakzeptabel wie unzureichend.

23 000 Wohnungen fehlten bereits 2016 in Frankfurt, bis 2030 kommt ein Bedarf von weiteren circa 60 000 Wohnungen hinzu. Niemand hat vor, diese nach dem Muster der Altstadt für 15 000 Euro pro Quadratmeter zu errichten. Symbolische Ersatzhandlungen sind nicht alltagstauglich. In dieser Hinsicht ist es mit dem angeblichen Vorbildcharakter des Rekonstruktionsprojekts nicht weit her. Während das Stadtparlament für die Neue Altstadt einen Sonderausschuss einrichtete, in dem die Errichtung von achtzig Wohnungen mit großer Akribie über dreizehn Jahre begleitet wurde, hat man für die Zehntausenden Wohnungen, die im Europaviertel gebaut wurden, und für die Zehntausenden Wohnungen, die noch gebaut werden müssten, nur einen minimalen Bruchteil an Interesse, Zeit und Geld übrig.

Weite Teile der Politik und der Medien unterliegen in einer Art Selbsthypnose der Aufmerksamkeitsblase, die sie selbst erzeugt haben. Doch die Altstadt Frankfurt ist keine überzeugende Antwort auf die drängenden Fragen des heutigen Städtebaus, sie ist Teil des Problems. Statt eine teure Eröffnungsfeier abzuhalten, sollte die Stadt das Geld lieber darauf verwenden, einmal eingehend untersuchen zu lassen, warum das gerne kritisierte Europaviertel zu einer typisch modernistischen Investorenarchitektur geworden ist. Wer hat hier in welcher Absicht welche politischen Entscheidungen gefällt? Wer hat hier welchen Gewinn gemacht? Wer zahlt? Warum ist diese Architektur so geworden, wie sie ist? Welche Schlussfolgerungen sind daraus zu ziehen? Wieso gibt es einen so großen Mangel an bezahlbarem Wohnraum? Die Neue Altstadt als Teil der Doppelstrategie sollte bei der Gelegenheit gleich mit auf den Prüfstand.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Da das Grundstück nicht verkauft, sondern nur im Erbbaurecht für 99 Jahre vergeben wurde, kann die Stadt nach hundert Jahren weitere Einnahmen erzielen. Ohne Grundstücksanteil beläuft sich der städtische Zuschuss auf etwa 6000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. Die Einnahmen für das Grundstück ohne Erbbauzins über 99 Jahre reduzieren sich um etwa 15 Prozent, also um 750 bis 1000 Euro pro Quadratmeter. Die Werte sind auf Grundlage der öffentlich kommunizierten Zahlen ermittelt.
  2. Gut zu sehen auf den Websites der Büros: www.berndalbers.com ; www.dreibund-architekten.de ; www.eckertnegwersuselbeek.de ; www.eingartner-khorrami.de ; riemann-luebeck.de ; www.jordi-keller.de ; www.jourdan-mueller.de ; www.landes-partner.de ; www.chm.de ; www.morgerpartner.ch ; www.schneider-schumacher.de ; valentynarchitekten.com ; www.voney.de
  3. Eine solche Verschiebung von Alltagswelt zu symbolischen Handlungen ist auch beim Heimatbegriff wahrzunehmen. Gemäß einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Frühjahr 2018 ist der Heimatbegriff in der Bevölkerung positiv besetzt und wird an erster Stelle mit der Bewahrung des gewohnten städtischen Alltagslebens verbunden. Die starke Ideologisierung des Begriffs erfolgt anscheinend erst im politischen Diskurs.
  4. Bei den Ausnahmen wie der Kommandantur in Berlin oder dem Palais Barberini in Potsdam erwarben die privaten Investoren das Grundstück von der öffentlichen Hand mit der Auflage der Rekonstruktion.
  5. Symptomatisch hierfür ist auch die Kontroverse um die neue Kuppel des Reichstags. Der Bundestag wünschte sich eigentlich eine möglichst originalgetreue Fassung, und nur dank der Beharrlichkeit des englischen Stararchitekten Norman Foster war es möglich, eine wenigstens moderat moderne Lösung durchzusetzen.
  6. Es ist auffällig, dass es in erster Linie SPD-Politiker wie Manfred Stolpe, Wolfgang Thierse oder Hans Stimmann sind, die dies befördert haben. Liegt es an einem sozialdemokratischen Verständnis von Architektur und Städtebau als Mittel des »Social Engineering« – in der Nachkriegszeit mittels Flächensanierung und autogerechter Stadt, heute mittels Rekonstruktionsbauten?
  7. Auch wenn die zwanzig Neubauten des Quartiers bildfixiert sind, zeigen sie Möglichkeiten auf, wie die Rekonstruktionsaufgabe zeitgenössisch interpretiert werden kann, wie dies etwa auch schon bei dem Wiederaufbau von Salzhaus, Haus Frauenstein und Haus zum goldenen Rad am Nordteil des Römerbergs Anfang der 1950er Jahre der Fall war.
  8. Der Film von 2012 ist aus dem Netz genommen worden, der Film von 2017 findet sich auf www.domroemer.de/projektfilm
  9. Stephan Trüby, Wir haben das Haus am rechten Fleck . In: FAS vom 16. April. Trüby verschweigt, dass es in der Frankfurter Bürgerschaft schon seit 1945 relevante Kräfte gab, die sich für den Wiederaufbau der Altstadt einsetzten ( www.faz.net/aktuell/feuilleton/neue-frankfurter-altstadt-durch-rechtsradikalen-initiiert-15531133.html ).

2 Kommentare

  1. ein überfälliger Artikel, Danke! Hoffentlich wird dieser Artikel auch von allen gelesen, die den auf unhaltbaren Argumenten ruhenden Abriss der St. Hedwigs-Kathedrale noch aufhalten können: die anderen deutschen Bistümer, der Bauausschuss und das Berliner Abgeordnetenhaus durch Zudrehen des Geldhahns, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken könnte seinem ehemaligen Präsidenten, Hans-Joachim Meyer, mehr glauben als Wolfgang Thierses reden über Musealisierung, und die demokratischen Katholiken aller Orten könnten endlich, wie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, merken, dass hier ein Skandal von schlimmeren Ausmaßen droht als in Limburg. Dann wäre die letzte Messe vielleicht noch nicht gesungen!

  2. Bernhard Keim sagt:

    Jeder Bau ist eine Inszenierung im öffentlichen Raum, der den Menschen, die darin leben sollen, einen bestimmten Platz und mit dem Platz eine Rolle zuweisen, die sie darin zu spielen haben. Wer eins zu eins die Vergangenheit kopiert, weist den Menschen, die darin leben sollen, einen Platz in der Vergangenheit zu. Mit Architektur hat das wenig zu tun, aber passt vielleicht ganz gut zur Gegenwart und ihrem wiederaufkeimenden Interesse am Historizismus. Auch das Ressentiment will seinen Raum.

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