Bernward Vesper

Als Bernward Vesper etwa zwölf, dreizehn Jahre alt ist, tötet sein Vater, der in der Nazizeit ein völkischer Großschriftsteller war, die Katze seines Sohnes mit den Worten: »Katzen passen nicht zu uns, Katzen sind die Juden unter den Tieren.« Mit dieser Szene beginnt der Film Wer, wenn nicht wir aus dem Jahr 2011, ein Porträt über Gudrun Ensslin und vor allem über ihren langjährigen Partner, den Verleger und Schriftsteller Bernward Vesper.

Vespers äußerer Werdegang setzt damit ein, dass er sein von nationalsozialistischem Gedankengut geprägtes Elternhaus bei Gifhorn in der Lüneburger Heide verlässt. 1961 geht er nach Tübingen und studiert unter anderem bei Walter Jens. Schon früh ist sein literarisches Vorbild Hans Henny Jahnn, den er für den »wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts« hält. Da sein Vater Will Vesper ihm nahelegt, schriftstellerisch in seine Fußstapfen zu treten, beginnt Sohn Bernward, in einem eigenen Verlag die Schriften seines Vaters neu aufzulegen, um mit dem Erlös eben diesen Verlag betreiben zu können. Er lernt Gudrun Ensslin kennen, die aus einem protestantischen Pfarrershaushalt mit sechs Kindern stammt. Ihre Eltern sprechen sich sehr vehement gegen die Neuauflage der Bücher des 1962 gerade verstorbenen Will Vesper aus. Gudrun Ensslins Vater streicht seinen eigenen Protest während des »Dritten Reichs« heraus, schließlich habe er von der Kanzel verkündet: »Hitler ist groß, aber Gott ist größer.« Tochter Gudrun wirft ihm vor, dass es unlauter und geradezu lächerlich sei, sich als Widerstandskämpfer zu stilisieren, da er doch 1941 freiwillig in die Wehrmacht eingetreten sei, um gegen Russland zu kämpfen.

Durch die Neuauflage der Bücher Will Vespers, die sich allerdings überhaupt nicht verkaufen, biedert sich Bernward bei den Rechten an, denen gegenüber er keinerlei Berührungsängste zeigt. Nachdem Bernward Vesper einen Selbstmordversuch Gudrun Ensslins verhindert hat, gehen die beiden gemeinsam und sehr euphorisch nach Berlin, Gudrun will an der Freien Universität eine Doktorarbeit über Hans Henny Jahnn schreiben. Immer noch reagiert Bernward sehr empfindlich auf Fragen nach Details der Nazivergangenheit seines Vaters. Bernwards Mutter will einige Jahre nach dem Tod ihres Mannes eine große Feier für ihn organisieren und erzählt ihrem Sohn, dass es ihn ohne Hitler gar nicht gäbe, denn Will Vesper wollte keine Kinder, aber der Führer sehr wohl, »da konnte man sich nicht entziehen«. In der häuslichen Badewanne begeht Bernward einen Selbstmordversuch, wird jedoch von seiner Mutter gerettet.

Kurz darauf verloben sich Gudrun und Bernward, Gudruns Vater, der Pastor, hält die Ansprache. 1966 gründet Bernward den Verlag »Edition Voltaire«, ein Jahr später wird der gemeinsame Sohn Felix geboren. Im selben Jahr kommt es zur politischen Radikalisierung von Gudrun, nachdem sie Andreas Baader kennengelernt hat, mit dem sie ein von Gewalt geprägtes Verhältnis eingeht. Bernward bemüht sich für seinen Verlag um politisch aufrüttelnde Bücher. So möchte er die schwarze Protestbewegung aus Amerika in Deutschland bekannt machen, mit deren Vertreter er in London Bekanntschaft geschlossen hatte, der ihm als Weißem riet: »Go home, hang your father and mother and kill yourself.« Gudrun Ensslin aber bezeichnet alles, was nicht mit direktem politischen Kampf zu tun hat, als zu kleinbürgerlich, sie radikalisiert sich immer stärker, verlässt Bernward und den kleinen Sohn Felix, Kaufhäuser brennen in Berlin, schließlich kommen Baader und sie ins Gefängnis. Im Oktober 1977 begehen sie in Stuttgart-Stammheim Selbstmord.

Ende der sechziger Jahre schreibt Bernward Vesper, immer wieder unter dem Einfluss von Drogen, seine assoziative Autobiografie Die Reise . Teile des Manuskripts werden zunächst von einigen Verlagen abgelehnt. In einem von Drogenmissbrauch hervorgerufenen Anfall von Irrsinn demoliert Vesper eine Wohnung, wirft Möbel aus dem Fenster, lässt im letzten Moment davon ab, auch seinen kleinen Sohn aus dem Fenster zu stoßen, läuft schreiend und nackt durch den Hinterhof und segnet die Polizeibeamten, die ihn in die Psychiatrie bringen wollen, mit einem Schneebesen. In der Psychiatrie, zunächst bei München, dann in Hamburg, schreibt und zeichnet er weiter. Sein Buch bleibt Fragment, als er im Mai 1971 Selbstmord begeht.

So die Geschichte seines äußeren Lebens. Die längere Geschichte seines inneren Lebens lässt sich aus dem Buch Die Reise herauslesen. Die Reise war ein Kultbuch, fast eine Bibel der bundesrepublikanischen Linken. Sie galt als Nachlass einer gesamten Generation, wurde von Peter Weiss sogar zum späten »intellektuellen Höhepunkt der Bewegung des Jahres ’68« erklärt.

Die Reise ist ein schwieriges Buch. Inmitten von Drogen, Trips, Verzweiflung, Euphorie und Niedergeschlagenheit versucht Vesper, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen und über seine Prägungen zu reflektieren. Aber es gelingt dem Sohn nicht, sich von dem autoritären Nazi-Übervater zu lösen. Zwar glaubt er, durch das Bekenntnis zur unbürgerlichen Lebensweise, zum Drogenkonsum, zur freien Liebe das Elternhaus weit hinter sich gelassen zu haben, das Buch spricht mit seinem Gestus der Härte und Kälte eine andere Sprache.

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