Der sinnliche Professor

Alle paar Jahre erscheint ein Essay, der die Frage nach sexueller Belästigung an der Universität zum Anlass nimmt, über die schwammigen Grenzen von Lehre und Sex zu sinnieren. Zwar ist das gängigste Erzeugnis dieses Genres die selbstgefällige Apologie eines älteren, männlichen Schwerenöters, aber die Autoren sind weder immer alt noch ausschließlich männlich. Und obwohl einige von ihnen Sex zwischen Studierenden und Professoren (oder Professorinnen) verteidigen, gibt es viele, die das nicht tun.

Diese Letzteren haben etwas Edleres, eher Griechisches im Sinn. Ihnen geht es nicht um Geschlechtsverkehr, sondern um Seelenverwandtschaft. Eros ist ihre Muse, Wissen ihr Verlangen. Wir anderen – wir mit unseren herummarodierenden Belästigungs-Spähtrupps und unserer einfältigen Regel- und Vorschriftsgläubigkeit – übersehen, dass Bildung erotisch aufgeladen ist, und wir haben keine Ahnung davon, dass sich zwei heiße Teilchen allein geistig auf Hochtouren bringen können. Durch unsere Bestrebungen, Sex zu verhindern, riskieren wir, jeden Sexappeal zu verlieren. Diese Autorinnen und Autoren plädieren gegen Schwarz-Weiß-Denken und für Komplexität: Nicht damit der Lehrkörper mit den Studierenden schlafen kann, sondern damit wir offen und ehrlich über Grauzonen in der Lehre sprechen können, darüber, dass die züchtigste Pädagogik solche Funken schlagen kann, dass sie nicht nur an Erotik erinnert und sich so anfühlt – sondern vielleicht sogar dasselbe ist. Ich nenne dieses Genre Der sinnliche Professor .

Der neueste Beitrag ist der Essay The Erotics of Mentorship von Marta Figlerowicz und Ayesha Ramachandran, der im April in der Boston Review erschienen ist. Figlerowicz und Ramachandran sind Literaturwissenschaftlerinnen, wie viele Verfasserinnen dieses Genres. (Sie werden niemals Professoren der Chemie oder der Demografie unter den Autoren eines solchen Stücks finden.) Und wie viele von ihnen schätzen sie den Sexappeal von Akademia sehr hoch ein. »Wahrscheinlich gibt es keine anderen Orte«, so teilen sie uns mit, »die anfälliger für die Vermischung von Arbeit und Romantik sind als Colleges und Universitäten.« Selbstredend hat diese Annahme mehr mit dem glücklichen Umstand zu tun, dass beide Teil von Akademia sind, als mit irgendeinem haltbaren Vergleich zwischen der Universität und anderen Arbeitsstellen. Schließlich ist die Büroromanze ein geläufiger Teil der Populärkultur, deren Schauplätze von einer Bar (Cheers) über eine Detektei (Moonlighting) oder eine Firma für Bürobedarf (The Office) bis hin zu einer Versicherungsagentur (The Apartment) reichen.

Figlerowicz und Ramachandran halten auch die Attraktivität der Einwohner von Akademia für besonders hoch: »Eine der zentralen Eigenschaften des Unilebens ist die Verbindung von reizvollen Ideen mit charismatischen Leuten.« Im Fortgang des Texts wird klar, wer diese charismatischen Leute sind: die mit Professuren. So weit die sinnliche Professorin über den sinnlichen Professor. Wenn Figlerowicz und Ramachandran schreiben, dass »Studierende oft ein Kribbeln im Bauch haben, wenn ihnen eine eindrucksvolle Dozentin begegnet, die genau das verkörpert, wofür sie gerade eben leidenschaftlich entbrannt sind«, denken sie an das, was sie selbst als Studentinnen empfunden haben. »Für viele von uns«, so geben sie später zu, »sind die charismatischen Dozenten von damals noch immer Leuchttürme.«

Tatsächlich besagt eine Genrekonvention, dass sich die sinnliche Professorin zunächst auszumalen hat, was ihre Studierenden wohl empfinden, und zwar anhand dessen, was sie selbst einmal empfunden hat, was sie sodann als allgemeingültig darstellt (»Intellektualität wirkt magnetisch, und ihre berüchtigte wandelbare Anziehungskraft geht oft auch in Erotik über«), wobei sie kaum Notiz davon nimmt, dass diese Gefühle aus ihrer Studienzeit stammen, als sie ihre Laufbahn zur Professur schon angetreten hatte. Was ist mit einer Studentin, die eine Laufbahn als Personalerin vor sich hat? Oder als Steuerberaterin?

Die Frage kommt nie auf, weil es im schummrigen Hinterstübchen des sinnlichen Professors nicht um Sex, sondern um Klasse geht. Figlerowicz und Ramachandran unterrichten an einer Eliteuniversität: Yale. Allan Bloom, der Autor von The Closing of the American Mind , war Professor an der University of Chicago. William Deresiewicz’ Love on Campus wurde 2007 in The American Scholar veröffentlicht, als er ebenfalls Professor in Yale war.

Als jemand, der nicht an einer solchen Universität unterrichtet, bin ich immer wieder überrascht, wie gemütlich es dort zugeht. »Es ist uns unangenehm bewusst«, schreiben Figlerowicz und Ramachandran, »dass wir Begegnungen auf den Fluren gesucht haben und dass der Reiz von Kneipengesprächen nach einem anregenden Vortrag darin bestand, dass sie eindeutig nach mehr klangen – einem Erschauern durch erhöhte Aufmerksamkeit, Intensität und Leidenschaft, die sowohl intellektuell als auch sexuell war, vielleicht war sie auch sexuell, weil sie intellektuell war.«

Ich lehre am Brooklyn College, einem Campus der City University of New York (CUNY), der trotz resoluter Maßnahmen und den Anstrengungen unseres neuen Präsidenten und Vizepräsidenten von jahrzehntelanger Vernachlässigung durch den Bundesstaat zugrunde gerichtet ist – und bei uns sieht das so aus: Auf den Stühlen im Audimax kann man nicht sitzen, die Lampen fungieren nebenbei als Insektenfriedhof, und durch die verschmierten Fenster kann man nicht nach draußen schauen. Man hat allerdings Aussicht auf die Flure, und zwar durch Löcher und Risse in den Decken und Wänden, die Einsichten in unbekannte Weiten eröffnen. Stehengebliebene Uhren zeigen zeitlose Wahrheiten an. Gedanken an Sex kommen nur bei den Graffiti in den Toilettenkabinen auf, neben Toiletten, die weniger kaputt denn komplett zerlegt sind. Wie mein Freund Samir Chopra aus der Abteilung für Philosophie mal bemerkte: »Von allem, was ich in meinem Leben getan habe, waren die Seminare am Brooklyn College das, was am wenigsten sexy war.«

(…)

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