Ich ist eine andere

Der Dreh kam jedenfalls nicht durch die Medienwissenschaftlerin. Der Dreh wurde später von jemand anderem hineingebracht. Es ging ja eigentlich auch um das Thema Gerechtigkeit, und Sarah Sharma aus Toronto erzählte uns etwas von US-Demokraten, die jetzt lieber keine Zeitung mehr lesen würden, da drüben in den Staaten. »Verschont uns mit den Medien!« Das wäre auch ein Umgang mit Trump, fügte sie ironisch hinzu.

Es gab sogar schon einen Namen für diese Gruppe. Die Ignoranten? Die Vermeider? Ich habe es leider vergessen. Nur die Gegenfigur, der »social injustice warrior«, ist mir noch sehr deutlich in Erinnerung, eine Sozialfigur, die Sarah Sharma ironisch als einen postpubertären oder ewigpubertären Blödkopf im Keller bei Mutti zu Hause sitzend skizziert hat. Männer mit sozialen Defiziten oder sozial herausgeforderte und auf eine bestimmte Weise männlich identifizierte Wesen, die ihrer Wut drastischen medialen Ausdruck verleihen.

Ich habe an jenem Abend nicht verstanden, ob es sich um Ironie oder um eine soziologisch relevante Beschreibung handelte, und auch nicht, was das mit dem Gerechtigkeitsbegriff zu tun hatte, der auf diesem Podium verhandelt wurde, von juristischer, soziologischer und medienwissenschaftlicher Seite. Irgendwie waren mir die Trolle und Hater aus dem Netz da zu unvermittelt oder zu konkret.

Draußen begann ohnehin alles gleichzeitig, zumindest der Frühling und der Sommer, die US-Strafzölle und Nichtstrafzölle, die Asylgesetzfragen und die Einreiseunwilligkeit gewisser politischer Vorstellungen in die Köpfe, etwa die Genfer Konventionen. Humanismus verkam zur gedanklichen Sperre, wurde benannt als Denkverbot, das von klugen Köpfen heute angeblich umgangen werden müsste, um irgendwohin zu kommen, nur wohin? Die italienische Regierung formierte sich bereits, die österreichische agierte bereits, die ungarische und die polnische lassen sich nichts mehr sagen.

Und hier drinnen im merkwürdig dunkel gehaltenen Raum sprachen vier Menschen beinahe nebeneinander, Nikita Dhawan auf äußert lebendige Weise. Sie, so erinnere ich mich jetzt, widmete sich den transnationalen Gerechtigkeitsfragen – wer verlangt in wessen Namen Gerechtigkeit und vor allem gegen wen? Und ist die Gerechtigkeitsforderung heute eine hauptsächlich aktivistische Position? Wenn man sich vor dem Münchner Oberlandesgericht aufhält, könnte man auf die Idee kommen, habe ich damals noch etwas oberschlau hinzugefügt.

(…)

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